Zukunft der Rehabilitation

Prävention vor Reha: Wird ernst gemacht?

Der politische Wille der Ampel-Koalition ist da, die nötigen Daten sind es auch. Beim Reha-Kolloquium in Münster wurde die Zukunft der Branche vermessen.

Von Susanne Werner Veröffentlicht:
Eine große Herausforderung für die Rehabilitation: Die wachsende Zahl an COVID-Rehabilitanden.

Eine große Herausforderung für die Rehabilitation: Die wachsende Zahl an COVID-Rehabilitanden.

© MohamadFaizal / stock.adobe.com

Berlin/Münster. An den Kosten soll es nicht scheitern, um die Rehabilitation noch stärker an den Bedürfnissen der postmodernen Gesellschaft auszurichten. „Das Reha-Budget darf nicht mehr gedeckelt werden, sondern muss auskömmlich gestaltet sein“, sagt Dr. Martin Rosemann, arbeitsmarkt- und sozialpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion.

Ziel der Ampel-Koalition sei es, so Rosemann beim 31. Reha-Kolloquium in Münster, die Erwerbsfähigkeit in der Gesellschaft zu sichern und dafür mehr in Prävention und Reha zu investieren: „Wir wollen dem Grundsatz ,Prävention vor Reha vor Rente‘ endlich zum Durchbruch verhelfen.“

Auf belastete Beschäftigte zugehen

Unter dem Titel „Neue Wege und Chancen in der Rehabilitation“ hatten die Deutsche Rentenversicherung (DRV) Bund, die Deutsche Rentenversicherung Westfalen und die Deutsche Gesellschaft für Rehabilitationswissenschaften (DGRW) zum ersten Reha-Kolloquium Anfang März nach Münster eingeladen. Wie die Herausforderung durch eine alternden Gesellschaft und den fortschreitenden Fachkräftemangel gemeistert werden kann, war eines der zentralen Themen des hybrid ausgerichteten Kongresses.

Brigitte Gross, Direktorin der DRV Bund, kennt die nötigen rehapolitischen Stellschrauben: „Wir müssen proaktiv auf stark belastete Erwerbstätige zugehen und ihnen präventive oder rehabilitative Angebote machen.“ Aufgrund der Routinedaten der DRV lasse sich, so Gross, gut vorhersagen, in welcher Altersgruppe, Branche und Beruf eine vorzeitige Verrentung drohe.

Beschäftigte aber, die eine Erwerbsminderungsrente erhalten, büßten nicht nur persönlich an Lebensqualität ein, sondern erhöhten auch die Kosten im Sozialversicherungssystem. Menschen mit psychischen Erkrankungen beispielsweise würden sehr spät in die Reha ankommen, so dass die Wiederaufnahme der Berufstätigkeit nur schwer zu erreichen sei.

Mit dem Flexirentengesetz wurde 2017 eine neue gesetzliche Grundlage geschaffen: Die DRV ist seither angehalten, Versicherten ab 45 Jahren eine freiwillige, individuelle und berufsbezogene Gesundheitsvorsorge (Ü45-Check) anzubieten. So sollen gesundheitliche Beschwerden frühzeitig erkannt und mit präventiven und rehabilitativen Leistungen gemildert werden, um die berufliche Leistungsfähigkeit zu erhalten. Noch wird in Modellprojekten erprobt, wie der Ü45-Check angesichts der sektoralen Grenzen erfolgreich umgesetzt und wie die Betroffenen angesprochen werden könnten.

„Digital vor ambulant vor stationär“

Professor Eckhard Nagel, Direktor des Instituts für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften an der Universität Bayreuth, zeigte sich überzeugt, dass die Digitalisierung helfen wird, die Sektorengrenzen im Gesundheitswesen zu überwinden: „Das Credo des Gesundheitswesens wird künftig ,digital vor ambulant vor stationär‘ lauten“, sagte der Transplantationschirurg und Medizinethiker.

Die DRV hat in den vergangenen Jahren digitale Reha-Konzepte bereits intensiv erforscht. 2013 war die „Teilhabe 2.0“ ein Kernthema des Reha-Kolloquiums. Die Erfahrung der Pandemie hat dem Anliegen nochmals einen Schub gegeben. Vor allem in der Reha-Nachsorge hat die DRV die Möglichkeiten für den Einsatz von digitalen Anwendungen erweitert.

Nagel erwartet daher jetzt, dass die Digitalisierung nicht nur einzelne Sektoren im Gesundheitswesen verändern wird, sondern auch über die Säulen der Versorgung hinweg neue Aushandlungsprozesse um Zuständigkeiten und Aufgaben folgen werden: „Die Gesundheitsdaten dürfen künftig nicht mehr in einem Sektor hängenbleiben.“

Direktes Gespräch wird wichtiger

Nötig dazu sei es, die Dokumentation der Behandlung sprachlich und strukturell zu vereinheitlichen, sagte Nagel der Ärzte Zeitung. Zwar werde die Digitalisierung den Austausch von Informationen verändern, die persönliche Kommunikation mit den Patienten aber werde an Bedeutung gewinnen.

Gundula Roßbach, Präsidentin der Deutschen Rentenversicherung Bund, drängte angesichts der wachsenden Zahl an COVID-Rehabilitanden auf intensive Forschung: „Wir müssen belastbare Erkenntnisse gewinnen, um Krankheiten besser zu verstehen und die Rehabilitation in diesem Bereich weiterzuentwickeln“. Die Bewältigung der gesundheitlichen Folgen der Pandemie sei eine Gemeinschaftsaufgabe, dafür würden sektorenübergreifende Netze ebenso wie Mut, Entschlossenheit und Pioniergeist gebraucht, sagte Roßbach.

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