Ambulante Kinder-Reha

Rentenversicherung auf Partnersuche

Reha-Leistungen für Kinder und Jugendliche können jetzt auch ambulant angeboten werden. Die Deutsche Rentenversicherung (DRV) baut dazu ein neues Versorgungsfeld auf und sucht nach geeigneten Partnern.

Von Susanne Werner Veröffentlicht: 12.07.2020, 12:12 Uhr
Bislang gibt es noch wenige ambulante Reha-Angebote für Kinder- und Jugendliche. Das soll sich ändern.

Bislang gibt es noch wenige ambulante Reha-Angebote für Kinder- und Jugendliche. Das soll sich ändern.

© Jean Kobben/stock.adobe.com

Berlin. Jedes vierte Kind ist laut DAK-Studien körperlich, jedes zehnte psychisch chronisch krank. Jungen und Mädchen aus Familien mit niedrigem Bildungsstatus leiden dreimal so häufig an bestimmten Erkrankungen als Kinder akademisch gebildeter Eltern.

Acht Prozent aller depressiv erkrankten Schulkinder kommen innerhalb eines Jahres ins Krankenhaus. Sie bleiben im Durchschnitt etwa 39 Tage, danach fehlt ein passendes ambulantes Angebot. Die Folge: Jedes vierte dieser Kinder wird innerhalb von zwei Jahren mehrfach stationär aufgenommen.

Wenn Kinder erkranken, ist der Hilfebedarf komplex. Bei ungleichen Bildungschancen kann das akutmedizinische System allein wenig ausrichten. Und selbst, wenn es greift, gibt es zu wenig nachsorgende Leistungen. „Psychisch kranke Kinder brauchen frühzeitige und niedrigschwellige Interventionen“, sagt Professor Michael Kölch, Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Uniklinikum Rostock.

Deutschlands im Prinzip gutes Gesundheitssystem habe an entscheidenden Stellen Mängel: „Sinnvoll wäre ein psychisches Screening im Rahmen der U-Untersuchungen, um präventiv tätig zu werden. Auch fehlt oft eine entsprechende Nachsorge, um den Erfolg aus der Klinik zu verstetigen.“

Flexirentengesetz schaffte Rahmenbedingungen

Ambulante Leistungen der Kinder- und Jugendrehabilitation könnten das bestehende Hilfenetz ergänzen. Da sie grundsätzlich sozialmedizinisch ausgerichtet sind, ist der Reha-Bedarf dann gegeben, wenn Mädchen und Jungen aufgrund ihrer gesundheitlichen Beeinträchtigungen in der Schule kaum mithalten können oder eine spätere Ausbildung und Erwerbsfähigkeit infrage stehen.

Die Rahmenbedingungen sind gesetzt: Das Flexirentengesetz vom Dezember 2016 hob die Beschränkung auf den stationären Bereich sowie auf bestimmte Indikationen auf. Gestrichen wurde der „kleine Reha-Deckel“, der die Ausgaben begrenzte. Die einstige Ermessensleistung steht jetzt im DRV-Pflichtenkatalog.

Mittlerweile sind zwei Reha-Zentren zugelassen sowie 15 Reha-Kliniken für Kinder- und Jugendliche, die bislang nur stationär gearbeitet haben.

„Das reicht für eine flächendeckende ambulante Versorgung nicht aus“, sagt Alwin Baumann von Bündnis Kinder- und Jugendreha (BKJR). Die DRV sucht daher nach weiteren Rehabilitationseinrichtungen, die die neuen Leistungen erbringen können. „Wir sind für unterschiedliche Konzepte und neue Formen der Kooperation offen“, sagt Anja Druckenmüller von der DRV Bund.

Weiter Bogen: Auch Sportvereine denkbar

BKJR-Sprecher Baumann spannt den Bogen möglicher Kooperationen weit: „Das können ambulante Zentren sein, Sozialpädiatrische Zentren, Sozialpsychiatrische Praxen für Kinder- und Jugendliche oder auch Kinder- und jugendärztliche Schulungszentren. Denkbar sind auch Sportvereine, die medizinische Leistungen wie Physiotherapie anbieten und ärztliche Kompetenz dazunehmen.“

Die Vorgaben für eine Zulassung wurden 2018 in einem Eckpunkte-Papier hinterlegt. Das zentrale Kriterium: Die Einrichtungen müssen unter kinderärztlicher oder – bei psychosomatischen Erkrankungen – unter kinderpsychiatrischer Leitung stehen. Zudem ist das Arbeiten in multiprofessionellen Teams in der gesamten Bandbreite ein Muss.

Neben Ärzten und Psychologen sollten Pädagogen sowie Physio-, Ergo-, Sport-, Bewegungs- und Ernährungstherapeuten sowie Sozialarbeiter dauerhaft oder punktuell eingebunden sein.

Multiprofessionelle Teams mit völlig neuem Ansatz

„Wir erschließen ein völlig neues Versorgungsfeld. Gemeinsam mit den Akteuren wollen wir herausfinden, wie die Vorgaben aus dem Gesetz in der Praxis gut und nachhaltig umgesetzt werden können. Aktuell läuft dazu eine Modellphase“, sagt Druckenmüller. Einer der spannenden Pioniere ist die Reha Vita GmbH in Cottbus.

Dort sind im Januar 2020 ambulante Reha-Angebote für Kinder und Jugendliche mit Adipositas und mit psychischen Störungen gestartet. Das multiprofessionelle Team verfolgt einen völlig neuen Ansatz und bezieht Mütter und Väter vom ersten Tag konsequent in die Rehabilitation mit ein.

„Eltern sind für uns ,Co-Rehabilitanden‘. Sie sind Teil des familiären Systems und haben einen maßgeblichen Einfluss auf den Rehabilitationserfolg“, sagt Geschäftsführer Christian Seifert.

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