SARS-CoV-2

Riss in saarländischer Ärzteschaft

Ein KV-Fax bringt viele Ärzte im Saarland auf die Palme. KV-Vize Meiser droht darin disziplinarische Maßnahmen an, wenn Ärzte Hausbesuche verweigern. Wegen der Beschimpfungen stellte die KV zeitweise ihr Service-Center-Telefon ab.

Von Dr. Michael Kuderna Veröffentlicht: 03.04.2020, 12:37 Uhr
Die saarländische KV zieht die Notbremse und schaltet ihre Telefonleitung für anrufende Praxen ab.

Die saarländische KV zieht die Notbremse und schaltet ihre Telefonleitung für anrufende Praxen ab.

© Michael Kuderna

Saarbrücken. Bei den saarländischen Ärzten liegen die Nerven blank: Ein Fax des stellvertretenden KV-Vorstandsvorsitzenden Dr. Joachim Meiser mit Drohungen bei Verweigerung von Hausbesuchen in Pflegeheimen löste derart rüde Reaktionen aus, dass die KV ihr Service-Center zeitweise geschlossen hat und damit auch nicht mehr telefonisch erreichbar war.

„Wir sind heute schon genug beschimpft worden“ – mit dieser ungewöhnlichen Bandansage wurden am Donnerstagnachmittag alle Anrufer bei der KV Saarland begrüßt. Dann wurde ihnen noch mitgeteilt, dass das Service-Center für den Rest des Tages geschlossen sei. Da die KV keine direkten Durchwahlen herausgibt, war damit keine unmittelbare Kommunikation mehr möglich.

Auf der Webseite wurden die Gründe für die drastische Maßnahme etwas ausführlicher dargestellt, aber ebenfalls ohne Erwähnung des aktuellen Anlasses. „Seit Tagen steigt die Zahl der Anrufe mit aggressiven und beleidigenden Inhalten. Heute Vormittag ist die Situation so eskaliert, dass wir die Leitungen abgeschaltet haben, um die Mitarbeitenden des Service-Centers zu schützen“ – so die Begründung im Internet.

Versorgungsproblem in Pflegeheimen

Anlass für die Eskalation war ein Fax von Vize Meiser an alle KV-Mitglieder, um „vermeidbare stationäre Aufenthalte“ zu verhindern. In dem Fax schilderte Meiser zunächst die Überlastungssituation beim Rettungsdienst, der innerhalb von 24 Stunden 75 Patienten mit COVID-Symptomatik habe versorgen müssen, davon zehn aus Alten- oder Pflegeeinrichtungen zum Teil in schwerkrankem Zustand – und das mit schnell steigender Tendenz.

Deshalb solle rechtzeitig das Vorliegen von Patientenverfügungen überprüft und diese gegebenenfalls auch aktualisiert werden. Die Palliativversorgung müsse jedoch gewährleistet sein. Die KV ihrerseits werde eine konsiliarische Unterstützung für Schmerztherapie organisieren.

Verweigerung von Hausbesuchen unakzeptabel

Dann erst folgt in dem Schreiben der Passus, der offenbar einige Ärzte verbittert hat. Unter dem Stichwort „Hausbesuche“ stellt Meiser dort klar, die Ablehnung der Versorgung von Patienten, die sich in regelhafter Behandlung befinden, sei unakzeptabel, wenn diese etwa mit mangelnder Schutzkleidung, vorliegendem Fieber oder Angst vor Ansteckung begründet werde. Schutzkleidung könne bei der KV bezogen werden. Und dann folgt der Satz, der für besondere Empörung gesorgt hat: „Aus unserer Sicht liegt hier ein schwerwiegender Verstoß gegen vertragsärztliche Pflichten vor und wir werden dies disziplinarrechtlich verfolgen.“

Manche Adressaten empfanden dies schlicht als „Frechheit“. Ausgerechnet diejenigen, die nicht rechtzeitig ausreichende Vorräte an Schutzausrüstung angelegt hätten und auch selbst nicht ungeschützt Patienten behandeln müssten, drohten den Ärzten an der Front, heißt es beispielsweise in einer E-Mail an die Presse.

KV-Chef widerspricht

Der KV-Vorsitzende Dr. Gunter Hauptmann widerspricht diesen Vorwürfen entschieden. Zum einen sei die Beschaffung von Schutzkleidung eigentlich gar nicht Aufgabe der KV, auch wenn sie mit großem Engagement eingesprungen sei. Inzwischen seien auch die meisten Anforderungen der Praxen erfüllt worden.

Zum anderen berichtet er der „Ärzte Zeitung“ von Fällen, in denen Patienten in Heimen im Stich gelassen wurden. So habe beispielsweise ein einzelner Arzt ohne Augenschein fünf Patienten stationär eingewiesen, um sie nicht besuchen zu müssen. In einem anderen Fall seien die Hausbesuche bei einer Querschnittsgelähmten ohne Corona-Symptomatik eingestellt worden.

Weiter sagte Hauptmann, er habe noch nie derart wüste Beschimpfungen erlebt wie in letzter Zeit. In der Vorwoche vorher seien sie noch überwiegend von Patienten gekommen, hätten sich dann aber auf Kollegen verlagert. Schließlich habe er seine Mitarbeiter schützen und ein Zeichen setzen wollen, dass ihnen nicht alles zuzumuten sei.

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Kommentare
Veröffentlichte Meinungsäußerungen entsprechen nicht zwangsläufig der Meinung und Haltung der Ärzte Zeitung.
Dr. Christian Ott

Vielleicht sollte man nach der Coronakrise die Sinnhaftigkeit der KV überprüfen.

Dr. Wolfram Benoist

Ich kann die Kollegen verstehen, dass sie sich über Disziplinarmaßnahmen bei einem Hausbesuch wegen Covid-Verdacht ärgern. Das war mir im Bereitschaftsdienst vor 5 Wochen bereits passiert. Damals hat der zuständige Arzt des Gesundheitsamtes Freitagsnachmittags Verständnis gehabt, dass ich ohne Schutzkleidung (ich hatte eben keine) nicht zu einem nicht fiebernden Verdacht mit leichter Halsentzündung gehe und notiert, dass ich aus persönlichen Gründen nicht hingehe. Ich versuchte dann noch zu erklären, dass es so eben nur vernünftig ist, da ich eh Nichts machen kann. Altenheimbesuche reduziere ich , damit ich nicht zum Überbringer von Covid werde. Seit eine Woche warte ich auf die PSA von der KVS, heute habe ich eine neue Bestellung aufgegeben, aber der größte Teil der PSA ist z. Z. nicht lieferbar. Mal gespannt, ob zumindest FPP-2 Masken nächste Woche kommen. Nun habe ich mir jetzt im Baumarkt ein paar Maleroveralls besorgt und von Patienten FPP-2 Masken bekommen. Was ist schlimmer - der Tod oder ein Disziplinarverfahren? - oder wie die Bremer Stadtmusikanten: "Etwas Besseres als den Tod finden wir überall".

Dr. Christian Ott antwortete am

Vielleicht sollte man nach der Coronakrise überlegen, ob man die KV nicht gänzlich abschaffen sollte. Bisher hat sie Dich ja nicht gerade mit Ruhm bekleckert....


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