Neuer Höchststand an Neuinfektionen

Gerät die Corona-Pandemie in einigen Regionen außer Kontrolle?

RKI-Chef Wieler warnt davor, das Coronavirus könne sich regional unkontrolliert ausbreiten. In etlichen Städten und Kreisen gelingt die Nachverfolgung von Kontakten nicht mehr.

Veröffentlicht: 22.10.2020, 11:36 Uhr
In Sorge über die Corona-Lage in Deutschland: n: Lothar Wieler, Leiter des deutschen Robert-Koch-Instituts (RKI)

In Sorge über die Corona-Lage in Deutschland: Lothar Wieler, Leiter des deutschen Robert-Koch-Instituts (RKI).

© Markus Schreiber/AP-Pool/dpa

Berlin. Professor Lothar H. Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), stimmt die Menschen in Deutschland auf rasant steigende Infektionszahlen mit SARS-CoV-2 ein. „Wir müssen mit einer starken, auch unkontrollierten Ausbreitung des Virus rechnen“, sagte er am Donnerstagvormittag. Vor allem die Zahl der Ausbrüche in privaten Haushalten nehme zu. Betroffen seien alle Altersgruppen, im Moment vor allem jüngere Personen.

Die Zunahme an Infektionen sei auch nicht darauf zurückzuführen, dass mehr getestet werde, warnte Wieler mit Blick auf die oft geäußerte Relativierung. Von 400.000 Tests in der Woche 31 sei nur ein Prozent positiv ausgefallen. Aktuell zeigten nun drei Prozent der Tests eine Infektion an.

Bislang höchste gemessene Zahl an Neuinfektionen

Das erste Pressebriefing des Instituts-Chefs seit Monaten traf zusammen mit der höchsten gemessenen Zahl an Neuinfektionen binnen 24 Stunden überhaupt und der Meldung, dass sich Gesundheitsminister Jens Spahn wegen eines positiven Tests auf das Corona-Virus in häusliche Isolation begeben hat.

11.287 Neuinfektionen hatte Wieler zu vermelden. Damit seien nun seit Beginn des Ausbruchsgeschehens in Deutschland 392.049 Infizierte registriert worden, rund 306.000 gälten als bereits genesen, berichtete Wieler. 9.905 Menschen sind an oder mit dem neuartigen Corona-Virus gestorben. Die Sieben-Tage-Inzidenz hat sich in den vergangenen Monaten dramatisch beschleunigt. Hatte sie Anfang Juli noch bei drei Infizierten je 100.000 Einwohner gelegen, war sie am Donnerstag bei 56,2 gelandet.

Um die Ausbreitung zu verlangsamen, seien Abstandhalten, Hygienemaßnahmen und wo nötig das Tragen von Mund-Nase-Masken sowie Lüften, unbedingt zu beherzigen. „Noch haben wir die Chance, die Verbreitung zu verlangsamen“, sagte Wieler bei einer Pressekonferenz.

Öffentlicher Gesundheitsdienst in Not

Die Gesundheitsämter kommen offenbar mit der vollständigen Nachverfolgung aller Kontakte von Infizierten kaum mehr nach. In 20 Städten und Landkreisen sei dies nicht bereits mehr möglich. Dies sei „sehr ernst und bedenklich“, warnte Wieler. Gleichwohl mindere jede noch vorgenommene Verfolgung Ansteckungsrisiken.

„SARS-CoV-2 verbreitet sich überall da, wo Menschen zusammenkommen“, sagte Wieler weiter. Schulen und der Öffentliche Nahverkehr seien aber nicht die Treiber. Das zeigten Daten aus 270 Gesundheitsämtern, die eine Software zur Erfassung von Infektionsorten nutzten.

Private Feiern unter vielen Personen, die eng beieinandersäßen und miteinander sprächen, seien hingegen aktuell infektiöser als der Aufenthalt in Altenheimen oder an Arbeitsstätten. Auch Arztpraxen und Krankenhäuser sind nur schwach betroffen. Obergrenzen für private Zusammenkünfte, wie derzeit beschlossen, seien daher aus wissenschaftlicher Sicht sinnvoll.

Vorschlägen, durch ein „Laissez-faire“ eine Herdenimmunität zu erzeugen, erteilte Wieler eine Absage. Das sei „zynisch“. Es gebe viele schwere Krankheitsverläufe. Bei bislang knapp 400.000 Infizierten verzeichne man rund 10.000 Tote. Bei 50 Millionen Infizierten müsste demnach mit Opferzahlen in Millionenhöhe gerechnet werden. (af)

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