COVID-19

Spahn: „Wir erleben die Ruhe vor dem Sturm!“

Die Krankenhäuser legen beim Aufbau von Intensivkapazitäten im Zuge der Coronaordentlich zu. Die Vertragsärzte steigern die Laborkapazitäten. Minister Spahn gibt die Kassandra.

Von Anno Fricke Veröffentlicht: 26.03.2020, 17:07 Uhr
Spahn: „Wir erleben die Ruhe vor dem Sturm!“

Die Labore in Deutschland sind rund um die Uhr mit Corona-Tests beschäftigt.

© Chris / stock.adobe.com

Berlin. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat am Donnerstag keine Entwarnung in der Coronakrise gegeben. Er bereitete vielmehr die Bevölkerung auf eine weitere Eskalation vor. „Wir erleben die Ruhe vor dem Sturm“, sagte Spahn bei einer Pressekonferenz in Berlin. Spahn kündigte an, weiter auf die Nutzung von Handydaten zu drängen. Dies könne bei der Verfolgung von Infektionsketten helfen. Nach Ostern werde das Thema von Gesprächen auch mit den Ministerpräsidenten sein.

In der am Mittwoch verabschiedeten Novelle des Infektionsschutzgesetzes hatte Spahn seine Pläne nicht unterbringen können. Auf einen Zeitpunkt, wann die Kontaktsperre und weitere Einschränkungen aufgehoben werden könnten, wollte sich Spahn nicht festlegen lassen. Das trägt dem Minister Kritik ein. Die Menschen hätten einen berechtigten Anspruch darauf, in Zeiten der Verunsicherung mehr über den Fahrplan des Ministeriums zu erfahren, sagte der Linken-Abgeordnete Achim Kessler.

KBV-Chef: Reihentestung wäre „sinnfrei“

KBV-Chef Dr. Andreas Gassen unterstrich die Fähigkeiten der niedergelassenen Ärzte, Tests auf das neue Corona-Virus vorzunehmen. Die Kapazitäten würden „in Richtung 360.000 Tests pro Woche ausgeweitet, sagte Gassen bei der Pressekonferenz gemeinsam mit dem Minister.

86 Labore seien rund um die Uhr damit beschäftigt. Die Ressourcen müssten gleichwohl sparsam eingesetzt werden, sagte Gassen. Es werde schließlich weltweit getestet. Die wenigen Hersteller der Reagenzien reagierten auf die Nachfrage mit Rationierung. Einer Reihentestung erteilte der KBV-Chef eine Absage. „Gesunde und unauffällige Menschen zu testen, ist sinnfrei.“ Fachleute empfehlen Tests nur bei Symptomen, nach Kontakt mit einer angesteckten Person, bei Lungenentzündung und generell für medizinisches Personal.

Kliniken bereiten sich vor

Die Krankenhäuser in Deutschland bereiten sich unterdessen auf den erwarteten Anstieg von intensivmedizinisch zu behandelnden Patienten vor. Stand Donnerstag gebe es 5600 freie Intensivbetten, berichtete Professor Uwe Janssens, Präsident der Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), bei der gemeinsamen Pressekonferenz mit Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Schon bis Freitag sollen weitere 5700 Intensivbetten einsatzbereit sein, sagte Janssens. 50 bis 60 Prozent verfügten über Beatmungskapazitäten.

Das Bild sei immer noch nicht komplett, sagte der Intensivmediziner. Das DIVI-Intensivregister erfasse bislang 670 Kliniken. Das sei ein weltweit einmaliges Werkzeug, um freie Intensivkapazitäten zu ermitteln. Bis jetzt erfasse es jedoch lediglich 60 bis 70 Prozent der tatsächlich zur Verfügung stehenden Intensivbetten. Er hoffe auf etwas Druck von Gesundheitsminister Spahn, alle zum Beitritt zum Register zu bewegen.

Beatmungskapazitäten entscheidend

Je mehr Beatmungskapazitäten Deutschland haben werde, desto mehr Leben würden gerettet werden können, sagte der Präsident des Robert-Koch-Instituts Professor Lothar Wieler. Er betonte, dass die Zahlen vorerst weiter steigen würden. Stand Donnerstag 0.00 Uhr gab es in Deutschland 36.500 offiziell auf das neue Corona-Virus positiv getestete Menschen. 198 Opfer seien zu beklagen. 5900 Menschen seien nachweislich wieder genesen, sagte Wieler.

Die zusätzlichen Intensivkapazitäten stellten die Krankenhäuser vor die Herausforderung, dass dafür nötige Personal anzuwerben, sagte die Infektiologin Professor Susanne Herold vom Universitätsklinikum Gießen-Marburg. Das Klinikum hole dafür Kollegen aus der Elternzeit zurück und bilde gleichzeitig Medizinstudenten an Beatmungsgeräten aus. Es werde auch in Deutschland an Therapien zur Behandlung von Infektionen mit dem neuen Corona-Virus SARS-CoV-2 geforscht. Interessant entwickelt hätten sich Ansätze mit dem Malariatherapeutikum Chloroquin, mit HIV-Therapien und Remdesivir, einem gegen Ebola eingesetzten Wirkstoff.

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