Pilotprojekte gestartet

Versorgung von Menschen ohne Papiere

Die niedersächsische Landesregierung will in zwei Pilotprojekten in Göttingen und Hannover den anonymen Krankenschein für Menschen ohne Papiere erproben. Das soll vor allem die medizinische Versorgung von Flüchtlingen verbessern.

Christian BenekerVon Christian Beneker Veröffentlicht:
Vorbild Hamburg: Detlev Niebuhr von der Malteser-Migranten-Medizin untersucht eine Patientin ohne Papiere.

Vorbild Hamburg: Detlev Niebuhr von der Malteser-Migranten-Medizin untersucht eine Patientin ohne Papiere.

© Wendt / dpa

HANNOVER. Funktioniert der anonyme Krankenschein ohne Papiere? Die niedersächsische Landesregierung hat zwei Pilotprojekte gestartet. Das Gesamtvolumen des Projektes von jährlich 500.000 Euro soll aus dem Haushalt des Gesundheitsministeriums gezahlt werden, bestätigte ein Sprecher des Ministeriums. Die KV Niedersachsen ist Projektpartnerin.

Die Angaben, wie viele untergetauchte Flüchtlinge ohne Papiere in Deutschland leben, schwanken sehr. Die niedersächsische Landesregierung geht von bundesweit 150.000 bis 415.000 Menschen aus. Zum Vergleich: Heidelberg hat etwa 150 000 Einwohner, Bochum 360 000.

"Die Zahl nicht gemeldeter Migrantinnen und Migranten dürfte in Niedersachsen also größer als 15.000 sein", sagt Uwe Hildebrandt, Sprecher der niedersächsischen Gesundheitsministerin Cornelia Rundt (SPD). Eine Faustregel besagt, dass Zahlenangaben aus Niedersachsen etwa ein Zehntel der Bundeszahlen darstellen.

"Situation ist nicht hinnehmbar"

Bremer Modell gibt den Weg vor

Bund und Länder haben sich im Dezember vergangenen Jahres darauf geeinigt, die gesundheitliche Versorgung von Flüchtlingen in Deutschland zu verbessern.

Ziel ist ein Gesetzentwurf des Bundes, mit dem das sogenannte Bremer Modell auch in „interessierten Flächenländern“ eingeführt werden kann.

Nach dem Asylbewerberleistungsgesetz haben Flüchtlinge bisher nur bei akuten Erkrankungen und Schmerzen Anrecht auf eine Behandlung.

Der Kompromiss sieht vor, dass die Länder 2015 und 2016 jeweils 500 Millionen Euro für die Unterbringung und Versorgung von Flüchtlingen erhalten. Die Hälfte der Summe, eine halbe Milliarde Euro, sollen die Länder binnen 20 Jahren an den Bund zurückzahlen.

Damit wären in Niedersachsen mindestens so viele Menschen ohne ärztliche Versorgung, wie in einer Kleinstadt leben. "Diese Situation ist in unserem Land mit einem außerordentlich gut entwickelten Gesundheitssystem nicht hinnehmbar", sagte Rundt in einer Rede 2014 vor dem Landtag.

Mit einem dreijährigen Modellprojekt will die Landesregierung nun papierlosen Menschen im Land "eine medizinische Notversorgung (zu) gewähren und ihnen gleichzeitig mögliche Wege in eine Regelversorgung hinein aufzeigen", wie Rundt sagte. Dazu sollen so genannte "Clearingstellen" eingerichtet werden.

Ihr Ziel ist, Flüchtlinge möglichst zu legalisieren, um sie dann in die medizinische Regelversorgung zu integrieren. Die Flüchtlinge sollen auch medizinisch beraten werden. Bei Bedarf sollen sie mit einem anonymen Krankenschein an kooperierende Ärzte und Kliniken geschickt werden. Das Projekt wird evaluiert, um es später landesweit umzusetzen.

Der anonyme Krankenschein soll zunächst bei der medizinischen Flüchtlingshilfe Göttingen und Hannover ausgegeben werden, so der Plan. "Es handelt sich um einen Krankenschein mit einem anonymisierten Code", sagt Dr. Sebastian Kratz von der medizinischen Flüchtlingshilfe Göttingen.

"Damit können die Betroffenen zu einem Arzt gehen. Er rechnet seine Leistungen dann über den Code mit der KV ab."

Ziel: Zugang zur Regelversorgung

Das Sozialministerium prüfe derzeit, "wie eine medizinische Behandlung für Menschen ohne Papiere unter Berücksichtigung des geltenden Rechts sichergestellt werden kann", so Hildebrandt.

"Dazu wurden bereits Gespräche mit der AOK Niedersachsen, der GKV, der KVN und den Medizinischen Flüchtlingshilfen Hannover und Göttingen geführt. Weitere Gespräche mit den Flüchtlingshilfen sind zeitnah in Planung." In trockenen Tüchern ist das Vorhaben also noch nicht.

Bisher gehen die untergetauchten "Papierlosen" praktisch nicht zum Arzt, weil sie fürchten, entdeckt und abgeschoben zu werden. Es gibt aber eine ganze Reihe von Ärzten, die den Flüchtlingen im Zweifel unentgeltlich helfen und die Behandlung letztlich selber zahlen, sagte Rundt.

Analog zum so genannten "Bremer Modell" will Niedersachsen anerkannten Asylbewerbern die elektronische Gesundheitskarte und damit den Zugang zur medizinischen Regelversorgung verschaffen. In Bremen und Hamburg gibt die AOK Gesundheitskarten an Asylbewerber aus.

In Niedersachsen müssen die Betroffenen sich vor ihrem Arztbesuch noch beim nächsten Sozialamt einen Krankenschein besorgen, was zu großen Umständen und zu Ungleichbehandlung führe, so das Sozialministerium.

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema
Das könnte Sie auch interessieren
Glasglobus und Stethoskop, eingebettet in grünes Laub, als Symbol für Umweltgesundheit und ökologisch-medizinisches Bewusstsein

© AspctStyle / Generiert mit KI / stock.adobe.com

Klimawandel und Gesundheitswesen

Klimaschutz und Gesundheit: Herausforderungen und Lösungen

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
Ein MRT verbraucht viel Energie, auch die Datenspeicherung ist energieintensiv.

© Marijan Murat / dpa / picture alliance

Klimawandel und Gesundheitswesen

Forderungen nach Verhaltensänderungen und Verhältnisprävention

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
Ein Dialogforum von Fachleuten aus Gesellschaft, Gesundheitspolitik und Wissenschaft

© Frankfurter Forum für gesellschafts- und gesundheitspolitische Grundsatzfragen e. V.

Das Frankfurter Forum stellt sich vor

Ein Dialogforum von Fachleuten aus Gesellschaft, Gesundheitspolitik und Wissenschaft

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
Kommentare
* Hinweis zu unseren Content-Partnern
Dieser Content Hub enthält Informationen des Unternehmens über eigene Produkte und Leistungen. Die Inhalte werden verantwortlich von den Unternehmen eingestellt und geben deren Meinung über die Eigenschaften der erläuterten Produkte und Services wieder. Für den Inhalt übernehmen die jeweiligen Unternehmen die vollständige Verantwortung.
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: Rückgang der generalisierten tonisch-klonischen Anfälle unter Cannabidiol + Clobazam

© Springer Medizin Verlag , modifiziert nach [1]

Real-World-Daten aus Deutschland zum Lennox-Gastaut- und Dravet-Syndrom

Cannabidiol in der klinischen Praxis: vergleichbare Wirksamkeit bei Kindern und Erwachsenen

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Jazz Pharmaceuticals Germany GmbH, München
Abb. 1: Daten zur lipidologischen Versorgung von Patientinnen und Patienten mit hohem kardiovaskulärem Risiko aus der VESALIUS-REAL-Studie

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [7]

Kardiovaskuläre Prävention

Frühe Risikoidentifikation und konsequentes Lipidmanagement

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Amgen GmbH, München
Abb. 1: FIB-4 1,3: numerische 26%ige Risikoreduktion der 3-Punkt-MACE durch Semaglutid 2,4mg

© Springer Medizin Verlag GmbH, modifiziert nach [17]

Kardiovaskuläre, renale und hepatische Komorbiditäten

Therapie der Adipositas – mehr als Gewichtsabnahme

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Novo Nordisk Pharma GmbH, Mainz
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Kasuistik

Massiv erhöhter CA-19-9-Wert weckt falschen Krebsverdacht

Umbrella-Review

Welcher Sport bei Depression und Angststörung am besten hilft

Lesetipps
Das Zusammenspiel zwischen Vermögensverwalter und Anlegerin oder Anleger läuft am besten, wenn die Schritte der Geldanlage anschaulich erklärt werden.

© M+Isolation+Photo / stock.adobe.com

Geldanlage

Was einen guten Vermögensverwalter ausmacht

Person mit weißer Pille in der rechten Hand und Glas Wasser in der linken Hand

© fizkes - stock.adobe.com

Acetylsalicylsäure in der Onkologie

ASS schützt Senioren langfristig wohl nicht vor Krebs