Eppendorfer Dialog

Versorgungsrisiken bei Arzneimitteln lösen Reaktion der Politik aus

Die Coronavirus-Pandemie befeuert die Diskussion über die Arzneimittelversorgung in Europa. In der Politik wird schon über eine „Pharmazeutische Grundsicherung“ gesprochen. Unterdessen entwickeln sich eingeführte Wirkstoffe zu Innovationstreibern.

Von Anno Fricke Veröffentlicht:
In den vergangenen Jahren ist es in Deutschland immer wieder zu Lieferengpässen bei Medikamenten gekommen. Politiker suchen nach Lösungen.

In den vergangenen Jahren ist es in Deutschland immer wieder zu Lieferengpässen bei Medikamenten gekommen. Politiker suchen nach Lösungen.

© pixelmaxl / stock.adobe.com

Berlin. Nicht erst seit Beginn der Corona-Krise wird die Versorgungssicherheit bei Arzneimittelwirkstoffen in Deutschland und Europa mit besorgtem Unterton diskutiert.

Im vergangenen Frühjahr hatte ein Exportstopp Indiens für 26 Wirkstoffe für Aufsehen gesorgt. Mit der Pandemie hat die Kontrolle über die Lieferketten daher an sicherheitspolitischer Relevanz gewonnen. Darauf hat die gesundheitspolitische Sprecherin der Unionsfraktion beim vom Berliner „Tagesspiegel“ ausgerichteten virtuellen Eppendorfer Dialog am Dienstag hingewiesen.

„Ja, wir sind abhängig geworden von der Produktion außerhalb Europas“, sagte Karin Maag (CDU) in der Diskussion. Da eine Vielzahl von in Notfällen benötigten Arzneien inzwischen generisch und in Asien hergestellt werde, werde es immer wichtiger, sich mit einer pharmazeutischen Grundsicherung zu beschäftigen, sagte Maag. „Wir können uns vorstellen, die Herstellung in Europa sowohl bei der Ausschreibung als auch beim Festbetragssystem zu berücksichtigen“, so Maag.

Altbewährtes als Innovationsmotor

Eingeführte Wirkstoffe spielen für die Entwicklung neuer Medikamente für neue Indikationen eine zunehmend wichtigere Rolle. Darauf machte Professor Theodor Dingermann von der Universität Frankfurt aufmerksam.

Um einen neuen Wirkstoff zu entwickeln, veranschlage die Pharmaindustrie Kosten von rund 1,5 Milliarden US-Dollar. Neuentwicklungen auf der Basis bewährter Wirkstoffe seien bedeutend günstiger, weil der präklinische Entwicklungsblock wegfalle. Zudem sei die Ausfallwahrscheinlichkeit um ein Vielfaches geringer.

Als Beispiel führte Dingermann unter anderen den Wirkstoff Azidothymidin an, der als Krebsmedikament zunächst enttäuscht habe, dann aber ein Comeback als „Retrovir“ und erster Wirkstoff gegen HIV Geschichte geschrieben habe. Aktuell wird Retrovir auch in der Therapie von COVID-19 eingesetzt.

Derzeit werde ganz aktuell in einer Studie mit der alteingeführten Diabetes-Arznei Sitagliptin in Kombination mit Tacrolimus und Sirolimus ein Einsatz gegen Abstoßungsreaktionen nach einer Stammzelltherapie getestet.

Metformin als Anti-Aging-Star

In der Zukunft könne auch das „uralte Antidiabetikum“ Metformin trotz bis heute nicht völlig entschlüsselter Wirkmechanismen eine Perspektive als Therapie gegen „moderne Indikationen“ bekommen. So gebe es Hinweise darauf, dass es eine schützende Funktion bei der Entstehung des metabolischen Syndroms und ganz allgemein gegen Alterserkrankungen entwickeln könnte, berichtete Dingermann.

Die mittelständische Pharmaindustrie, die Krankenkassen und die Politik ringen um ein gegenseitiges Verständnis darüber, wie die wirtschaftlichen Grundlagen für die Entwicklung neuer Therapien aus herkömmlichen Wirkstoffen geschaffen werden könnten.

Rabattverträge führen zu sich verengenden Markt

Die Erstattungsregularien behinderten unternehmerische Ansätze, zu neuen Produkten auf Basis bekannter Wirkstoffe zu gelangen, sagte Norbert Gerbsch, Leiter Innovation & Healthcare Management der G. Pohl-Boskamp GmbH & Co.KG. Preismoratorium und Festbeträge verbauten den Unternehmen die Chance, Forschung an neuen Produkten zu refinanzieren.

Zudem führten die Rabattverträge der Krankenkassen zu einem sich verengenden Markt. Festbeträge ersparen den Kassen mehr als acht Milliarden Euro im Jahr, die Rabattverträge rund vier Milliarden.

Auf den Einwand Maags, die Vielfalt der Anbieter sei doch bereits geregelt, erwiderte Gerbsch, eine tatsächliche Abkehr vom Einpartnermodell außer bei Herstellern von Antibiotika sei nicht zu erkennen. Die Öffnungsklauseln im Festbetragssystem entlasteten die Industrie bei Innovationen nicht.

Die Politik solle in diesen Fällen wenigstens eine zeitlich befristete und an Absatzmengen gebundene Freistellung von Preismoratorium und Festbeträgen ermöglichen.

AOK-Ausschreibungen werden beklagt

Er sei gerne bereit, über Entlastungen der Hersteller von Arzneien für neue Indikationen konstruktiv zu diskutieren, sagte der Vorstandsvorsitzende des AOK Bundesverbands Martin Litsch. Dann müsse auf der anderen Seite auch über die „Mondpreise“ gesprochen werden, die die forschende Arzneimittelindustrie für immer individualisiertere Therapien aufriefen.

Jedes vierte neue Präparat koste inzwischen mehr als 100.000 Euro im Jahr. Die rund 50 Milliarden Euro, die die Kassen und Kostenerstatter für Arzneimittel im Jahr bezahlten, ließen sich nicht beliebig vermehren.

Litsch forderte zudem den Gesetzgeber auf, vollständige Klarheit über die Lieferketten von Wirkstoffen vom Hersteller in Asien bis zur Apotheke in Deutschland zu schaffen. Dabei müsse sichtbar werden, ob die Hersteller Umwelt- und Sozialstandards einhielten.

Die AOK versuche, diese Standards in ihre Ausschreibungen für Antibiotika zu bekommen. Dagegen hätten Hersteller geklagt. „Wir fechten das durch. Es wird aber dauern“, sagte Litsch.

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