Kommentar zu Impfungen bei Kindern

Wahlkampf auf Kosten der STIKO?

Lasst die STIKO ihre Arbeit machen, möchte man rufen angesichts der vielstimmigen Diskussion über die Impfung von Schülern. Doch die Büchse der Pandora ist längst geöffnet.

Von Hauke GerlofHauke Gerlof Veröffentlicht:

Aus gehabtem Schaden nichts gelernt: Die Kakofonie, die uns aus Politikermündern derzeit entgegenschallt, wenn es um die Corona-Impfung bei Kindern geht, ist nur schwer erträglich, leider nicht zum ersten Mal in dieser Pandemie.

Fast marktschreierisch wird nach einem Impfangebot für alle Schüler bis zum Ende der Sommerferien gerufen. Dabei hat die EMA noch nicht einmal die Zulassungserweiterung für eine COVID-19-Vakzine freigegeben.

Wie sehen denn die Fakten aus?

1. Das Risiko eines schweren COVID-19-Verlaufs für gesunde Kinder ist verschwindend gering. Bei Kindern mit Vorerkrankungen und erhöhtem Risiko mag die Sache anders aussehen. Zum Risiko einer Impfung liegen bislang aber nur Daten von gut 1000 geimpften Kindern vor, die erst maximal zwei Monate nachbeobachtet wurden.

2. Wenn die Impfkampagne so weiterläuft wie derzeit oder sogar noch an Tempo zulegt, sollten alle Erwachsenen, die das wollen, nach Abschluss der Sommerferien, spätestens im September, geimpft sein können.

3. Wenn die Erwachsenen, vor allem die Lehrer in den Schulen, aber weitestgehend durchgeimpft sind, geht auch von potenziell infizierten Kindern ohne Symptome nach dem, was wir bislang wissen, wohl kein gravierendes Risiko mehr aus.

Klug abwägen statt Effekthascherei

Daher stünde einem normalen Kinder- und Schülerleben nichts entgegen, selbst wenn die Mehrheit der Kinder und Jugendlichen nicht geimpft ist.

Dieser Gruppe – und den Eltern – nun die Last aufzubürden, für eine mögliche Herdenimmunität verantwortlich zu werden, geht an der Sache vorbei – zumal Kinder unter zwölf Jahren bis auf Weiteres ohnehin nicht geimpft werden können.

Das Gebot der Stunde ist es, Nutzen und Risiken der Impfung von Kindern und Jugendlichen sine ira et studio abzuwägen und dann eine Empfehlung zu treffen. Genau das ist die Aufgabe der Ständigen Impfkommission (STIKO) nach der Zulassung von Impfstoffen. Und genau das hat die STIKO vor – und hat sie auch im Fall von Vaxzevria® von AstraZeneca mit Bedacht und glaubwürdig getan.

Jetzt aus Effekthascherei im Vorfeld der Bundestagswahl die Autorität der STIKO zu untergraben, wie das manche Politiker dieser Tage unbedacht tun, ist fahrlässig – und könnte einen langfristigen Schaden für die Reputation der Kommission nach sich ziehen.

Wenn der Schulbetrieb im Präsenzunterricht sogar bei Inzidenzen unter 50 von einer Bildungssenatorin als „unnötiges und vermeidbares Risiko“ angesehen wird, dann mag es wohlfeil sein, mit dem Finger auf die Impfkommission zu zeigen, um von eigenen Fehlern abzulenken. Zielführend ist es nicht.

Schreiben Sie dem Autor: hauke.gerlof@springer.com

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