Diskussion um Schulöffnung

Kinder-Impfgipfel: Ärzte zweifeln an Plänen der Politik

Kinder impfen, um die Schulöffnungen vorzubereiten. Das wollen die Kanzlerin und die Gesundheitsminister am Donnerstag beraten. In der Ärzteschaft herrscht Stirnrunzeln vor.

Von Anno FrickeAnno Fricke und Thomas HommelThomas Hommel Veröffentlicht:
Sollen auch Kinder ab 12 Jahren bald gegen COVID-19 geimpft werden? Die Meinungen darüber gehen weit auseinander.

Sollen auch Kinder ab 12 Jahren bald gegen COVID-19 geimpft werden? Die Meinungen darüber gehen weit auseinander.

© Fokussiert/stock.adobe.com

Berlin. Um das Impfen von Kindern ist im Vorfeld des „Kinder-Impfgipfels“ von Bund und Ländern Streit entbrannt. Gesundheitsminister Jens Spahn hat bereits an Pfingsten ein Impfangebot für alle Kinder ab zwölf Jahren bis Ende August in den Raum gestellt.

Spahn habe den Ländern bereits beim Impfgipfel am 6. Mai zugesichert, dafür Dosen des Impfstoffs von BioNTech/Pfizer zusätzlich zur Verfügung zu stellen, sagte eine Ministeriumssprecherin am Mittwoch. Sie betonte, dass die Corona-Impfung keine Voraussetzung für den Schulbesuch werden solle. Die Entscheidung für oder gegen eine Impfung könnten Eltern gemeinsam mit Ärzten treffen. Das Angebot zur Impfung solle zudem unabhängig von einer Empfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO) erfolgen.

Die Regierungschefs der Länder wollen am Donnerstag mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) über den Einstieg in eine Impfkampagne für Schüler beraten. Hintergrund der Pläne Spahns ist die Absicht, das nächste Schuljahr nach den Ferien auf jeden Fall weitgehend regulär starten zu lassen.

Die Ärzteschaft lässt sich für dieses Ziel nicht instrumentalisieren. Das Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung und die STIKO melden Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Vorhabens an.

DEGAM: Keine validen Daten bislang!

Zurückhaltend reagierte auch die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM). „Das Recht auf den Besuch von Schule und Kindertagesstätte oder der Anspruch auf gleichberechtigte soziale Teilhabe kann nicht an eine bestimmte Impfentscheidung geknüpft werden“, sagte DEGAM-Präsident Professor Martin Scherer am Mittwoch.

Ob die Impfung von Kindern und Jugendlichen erforderlich sei, um die Ausbreitung des Virus in anderen Altersgruppen zu vermeiden oder dem Selektionsdruck zur Entstehung neuer Mutationen entgegenzuwirken, sei mindestens „fraglich“, betonte Scherer.

Gesunde Kinder und Jugendliche wiesen laut vorliegenden Studiendaten ein minimales Risiko für schwere Verläufe durch Erkrankungen mit dem SARS-COV-2-Virus auf. Selbst bei Vorerkrankungen sei das Risiko extrem niedrig.

Zudem lägen zum Nutzen einer Impfung keine validen Daten vor, betonte die DEGAM. Abgeschlossene Studien zu COVID-19-Impfstoffen bei Kindern und Jugendlichen seien bis heute nicht veröffentlicht. COVID-19-Impfungen von Kindern und Jugendlichen seien daher allenfalls bei schweren Vorerkrankungen im Rahmen kontrollierter Studien denkbar.

ZI-Chef: „Nicht nachvollziehbar“

In den USA ist Comirnaty® für Kinder ab zwölf Jahren bereits zugelassen. In Europa wird ab Anfang Juni mit einer entsprechenden Erweiterung der Zulassung durch die Europäische Arzneimittel Agentur (EMA) gerechnet. In der Zulassungsstudie für Comirnaty® sind etwa 1100 Kinder geimpft worden. Damit seien die Aussagen zur Sicherheit dieses Impfstoffes für diese Altersgruppe limitiert, hatte STIKO-Vorsitzender Professor Thomas Mertens dem „Deutschlandfunk“ gesagt.

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„Der Vorstoß ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht nachvollziehbar“, sagte der Vorsitzende des Zentralinstituts für die Kassenärztliche Versorgung Dr. Dominik von Stillfried dem „Handelsblatt“ (Mittwoch). Für jüngere Menschen die BioNTech-Vakzine zurückzuhalten, werfe die Impfkampagne insgesamt rechnerisch um zwei Wochen zurück. Schüler hätten ein geringeres Risiko, schwer an COVID-19 zu erkranken als andere Gruppen, die noch nicht geimpft seien.

Stand Mittwoch wird in der Ständigen Impfkommission zudem nicht damit gerechnet, dass das unabhängige Gremium eine allgemeine Impfempfehlung für alle Kinder und Jugendlichen ab 12 Jahren aussprechen wird. Momentan wisse man noch kaum etwas über die Nebenwirkungen von Corona-Impfungen bei Kindern, sagte das Kommissionsmitglied Rüdiger von Kries dem „RBB“.

Medizinische Begründung fehlt

„Die Öffnung der Schulen alleine ist keine wirklich gute Begründung, um jetzt alle Kinder zu impfen“, sagte STIKO-Chef Mertens dem „Deutschlandfunk“. Das gelte auch für die Frage der Beteiligung von Kindern am Urlaub der Eltern. Es müsse zunächst geklärt werden, inwieweit es eine medizinische Begründung für diese Impfung gebe, und ob Kinder die Impfung für ihren Gesundheitsschutz wirklich bräuchten.

Dafür sei die STIKO derzeit in der „ganzen Weltliteratur“ auf der Suche, sagte Mertens. Ein Ergebnis liege voraussichtlich in zehn bis 14 Tagen vor. Im Augenblick wolle er nicht ausschließen, dass die STIKO eine Empfehlung zur Impfung auch verweigere, sagte der Vorsitzende der unabhängigen Expertenkommission.

Lambrecht: Es wird keine Impfpflicht geben

Familienministerin Christine Lambrecht (SPD) bekräftigte unterdessen, die Bundesregierung plane keine Impfpflicht gegen Corona – „nicht für Erwachsene und auch nicht für Kinder und Jugendliche“. Die Teilnahme am regulären Schulunterricht dürfe nicht davon abhängen, ob ein Schüler geimpft sei, sagte die SPD-Politikerin am Donnerstag.

Eltern und ihre Kinder sollten gemeinsam mit Ärzten durch „umfassende und fundierte Information eine verantwortungsbewusste, freiwillige Entscheidung treffen können“, so Lambrecht. Ähnlich hatte sich zuletzt auch Gesundheitsminister Spahn geäußert.

Lambrecht betonte allerdings auch, dass wenn ein sicherer Impfstoff für Jugendliche zugelassen sei, dieser „einen wichtigen Beitrag zur Bekämpfung der Pandemie leisten“ könne. Auch Jugendliche könnten schwer an Corona erkranken und müssten mitunter unter den Langzeitfolgen leiden. „Ich halte es für wünschenswert und wichtig, dass noch im Sommer jedem Jugendlichen ein Impfangebot gemacht werden kann.“

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