Schlechte Signalwirkung?

Ärzte und Pfleger bei Corona-Impfungen gespalten

Die Botschaft wurde oft wiederholt: Sobald ein Impfstoff da ist, geht die Corona-Pandemie ihrem Ende entgegen. Jetzt ist es soweit – aber ausgerechnet das medizinische Personal ist zurückhaltend, was die Impfung betrifft.

Veröffentlicht:
Kristian Kähler, Intensivpfleger auf der Corona-Intensivstation der Asklepios Klinik Barmbek, erhält eine COVID-19-Impfung vom Ärztlichen Direktor Axel Stang.

Kristian Kähler, Intensivpfleger auf der Corona-Intensivstation der Asklepios Klinik Barmbek, erhält eine COVID-19-Impfung vom Ärztlichen Direktor Axel Stang.

© Markus Scholz/dpa

Frankfurt/Ulm. Die Impfstoffe gegen das Coronavirus sind in Rekordzeit entwickelt worden – ein riesiger Erfolg aus Sicht von Politikern und Wissenschaftlern. Doch wenn es ums Thema Impfen selbst geht, hält sich die Euphorie zumindest bei Teilen der Bevölkerung in Grenzen. Zurückhaltung gibt es offenbar auch ausgerechnet beim medizinischen Personal, das zu den ersten Geimpften gehören soll. Die Gründe dafür sind vielfältig, und nicht immer steckt dahinter eine Skepsis gegenüber den Vakzinen.

Die Impfbereitschaft sei beim Pflegepersonal sehr unterschiedlich, sagte Bernd Meurer, der Präsident des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste (bpa). „Wir haben Einrichtungen, wo sich fast 100 Prozent der Mitarbeiter impfen lassen. Und das reicht bis hin, dass sich zwei Drittel nicht impfen lassen.“ Es sei im Moment schwer, ein klares Bild zu zeichnen.

Dass medizinisches Personal bei Impfungen zurückhaltend reagiert, ist keine Besonderheit. Auch gegen die Grippe haben sich laut Robert Koch-Institut (RKI) zuletzt nur gut 79 Prozent der Ärzte und knapp 47 Prozent der Pfleger impfen lassen.

Bedenkliche Umfragewerte

Gegen Corona wollten sich im Dezember in Deutschland rund 73 Prozent der Ärzte und knapp 50 Prozent der Pfleger in Deutschland impfen lassen. Das ergab eine Umfrage der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN) und der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). Diese Zahlen seien aber schon längst überholt, sagte eine Sprecherin der DIVI. „Wir sind da der Auffassung, dass sich da seit dem Impfstart einiges getan hat.“

Dass Zurückhaltung bleiben könnte, lässt jedoch ein Blick über den Atlantik vermuten: In der texanischen Großstadt Houston in den USA stellte ein Krankenhaus seinen Mitarbeitern eine Prämie von 500 Dollar in Aussicht – eine Voraussetzung dafür aber war eine Impfung gegen Corona. Medizinische Angestellte dürfen sich in Amerika als erstes impfen lassen. Berichten zufolge lehnten je nach Region etwa ein Viertel bis ein Drittel von ihnen die Spritze bislang ab.

Behörden befürchten eine schlechte Signalwirkung auf den wartenden Rest der US-Bevölkerung. Das Forschungszentrum „PEW“ veröffentlichte eine Erhebung aus dem November, wonach sich 39 Prozent der rund 330 Millionen Amerikaner „wahrscheinlich“ oder „sicherlich“ nicht impfen lassen wollten. Allerdings war diese Zahl schon einmal deutlich schlechter und dürfte sich weiter verändern, je mehr Menschen erfolgreich immunisiert sind.

Mehr Aufklärungsarbeit zur Sicherheit der Impfungen

Nancy Messonier, Leiterin der Abteilung für Immunisierung der Gesundheitsbehörde CDC, sagte am Mittwoch, sie sei „besorgt“ wegen der Skepsis unter medizinischem Personal. Es müsse mehr Aufklärungsarbeit zur Sicherheit der Impfungen geleistet werden.

Die verhaltenen Zahlen stimmen auch in Deutschland viele nachdenklich, immerhin haben Ärzte und Pfleger eine Art Vorbildcharakter. Das medizinische Personal sei nachweislich der wichtigste Ansprechpartner für die Impfentscheidung, sagte die Betriebsärztin des Frankfurter Uniklinikums, Professor Sabine Wicker, die auch Mitglied der Ständigen Impfkommission (STIKO) ist. „Ich sage immer `Schlecht geimpfte Ärzte haben schlecht geimpfte Patienten´ – denn wenn das medizinische Personal für sich selbst keine Impfindikation sieht, warum sollte es dann die Impfung den von ihm betreuten Patienten empfehlen?“

Dabei sind die Impfstoffe vielversprechend. Biontech/Pfizer gibt für seinen Impfstoff eine 95-prozentige Wirksamkeit an, ernste Nebenwirkungen sind selten. Auf eine ähnliche Quote kommt der am Mittwoch zugelassene Impfstoff des US-Herstellers Moderna. Über langfristige Risiken ist bisher nichts bekannt, aber die Experten halten auch die für gering. Das Risiko, an Corona schwer zu erkranken, könne man hingegen solide berechnen, sagte der Vorsitzende der STIKO, Professor Thomas Mertens.

Informationslücken zum mRNA-Impfstoff

„Da gibt es viele Informationslücken oder falsche Informationen, die verbreitet werden“, sagte Mertens. Man dürfe nicht davon ausgehen, dass die Vorkenntnisse hinsichtlich eines mRNA-Impfstoffes beim medizinischen Personal im Durchschnitt so sehr viel besser sei als in der übrigen Bevölkerung, so Mertens.

Dazu kämen möglicherweise auch unbewusste psychologische Effekte. Viele Menschen würden in Krankenhäusern ohnehin nicht unter optimalen Bedingungen arbeiten. Und wenn dann ein Arbeitgeber auch noch eine Impfempfehlung abgebe, „löst das vielleicht auch eine gewisse Gegenreaktion aus“, sagte Mertens.

Außerdem bringe eine Impfung gegen das Virus im Moment keine berufliche Erleichterung, sagte Bernd Meurer vom bpa. Die Pfleger müssten auch nach einer Immunisierung noch eine FFP2-Maske tragen. Grund ist unter anderem, dass noch nicht klar ist, ob man trotz der Impfung andere mit dem Coronavirus anstecken kann. „Wir gehen davon aus, dass die Impfbereitschaft erheblich stiege, würde von geimpften Personen keine Infektionsgefahr ausgehen, womit nach der Impfung berufliche Alltagserleichterungen für die Pflegekräfte einhergehen würden.“

Übersicht über Impfbereitschaft fehlt noch

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) appellierte am Mittwoch an die Beschäftigten, sich impfen zu lassen. Pflegekräfte und Ärzte sollten dies aus „Verantwortung auch für diejenigen, die man pflegt und behandelt“ tun, sagte Spahn. Die Angehörigen des Gesundheitswesens müssten daher aufgeklärt werden. Wichtig sei es, Ärzten, Apothekern und anderen Beschäftigten des Gesundheitswesens Informationen und Transparenz zu geben.

Eine Übersicht über die Impfbereitschaft in Pflegeeinrichtungen, der Altenpflege und bei Ärzten bei Corona gibt es laut Spahn noch nicht. In einigen Heimen ließen sich 80, in anderen nur 20 Prozent der Pflegekräfte impfen, wie er höre. „Das ist im Moment noch ein nicht abschließendes Bild.“ Nach allem was er höre, sei die Impfbereitschaft in den Krankenhäusern bei all jenen hoch, die auf Intensivstationen sähen, „was COVID-19 anrichten kann“.

Keine akuten bedenklichen Nebenwirkungen bekannt

Auch Hessens Ärztekammer-Präsident Dr. Edgar Pinkowski appellierte am Mittwoch an Ärzte und alle anderen Mitarbeiter im Gesundheitswesen, sich impfen zu lassen. „Wir sehen, dass der Lockdown bisher nicht die erwartete Wirkung zeigt. Die Impfung ist die einzige Möglichkeit, Patienten und sich selbst auch künftig vor schweren Auswirkungen einer Infektion mit dem Virus zu schützen.“ Bei dem aktuell zugelassenen Corona-Impfstoff von Biontech seien bis heute keine relevanten, akuten bedenklichen Nebenwirkungen bekannt. Auch gebe es derzeit keine seriösen Anhaltspunkte für eventuelle Langfristnebenwirkungen oder Komplikationen.

STIKO-Vorsitzender Mertens ist aber zuversichtlich, was die Impfbereitschaft beim Pflegepersonal angeht. Er glaube, dass sich die Leute noch überlegen werden, ob sie sich nicht doch impfen lassen wollen, um die Herdenimmunität zu unterstützen. „Ich bin da nicht so pessimistisch nur aufgrund dieser momentanen Umfrageergebnisse.“ (dpa/bar)

Mehr zum Thema

Italien

Polizei fahndet bei Ärzten nach Ungeimpften

Das könnte Sie auch interessieren
Die Chancen der Vitamin-C-Hochdosis-Therapie nutzen

© Pascoe Naturmedizin

Vitamin-C-Therapie

Die Chancen der Vitamin-C-Hochdosis-Therapie nutzen

Anzeige | Pascoe Naturmedizin
Mit Vitamin C gegen schwere Langzeitfolgen

© designer491 / Getty Images / iStockphoto

Long-COVID

Mit Vitamin C gegen schwere Langzeitfolgen

Anzeige | Pascoe Naturmedizin
Long-COVID-Syndrom: Warum Frauen häufiger betroffen sind

© Pascoe Naturmedizin

Vitamin-C-Infusionen bei Long-COVID

Long-COVID-Syndrom: Warum Frauen häufiger betroffen sind

Anzeige | Pascoe Naturmedizin
Kommentare
Veröffentlichte Meinungsäußerungen entsprechen nicht zwangsläufig der Meinung und Haltung der Ärzte Zeitung.
Dr. Karlheinz Bayer

Zwei für mich neue Informationen habe ich dieser Tage in unseren Altenheimen gehört.
Zum einen haben sich - obwohl der Impfdienst in die Häuser kam - keineswegs alle Senioren impfen lassen.
Irgendwo zwischen 20 und 30 Prozent sagen Nein, was für die Senioren ebenso eine Frage der freien Entscheidung ist, wie für uns alle.

Das andere hat mich verblüfft. Da sagte die Stationsleiterin im Beisein der gerade diensttuenden Pflegerinnen und Pfleger, sie sehen es nicht ein, in "Sippenhaft" genommen zu werden. Wenn sich die alten Leute impfen lassen, sei das ihre Sache, damit hätten sie aktiv eine Entscheidung für ihren Schutz getroffen. Aber das Personal dann, ohne daß es einer Risikogruppe angehört mit zu verpflichten, das gehe nicht. Sie hätten schon jetzt zusätzliche Aufgaben mit dem Nehmen von Abstrichen, die nicht Teil der Pflege sind.

Noch einmal zu Prof. Mertens pauschalem Satz, man dürfe nicht davon ausgehen, dass die Vorkenntnisse hinsichtlich eines mRNA-Impfstoffes beim medizinischen Personal im Durchschnitt so sehr viel besser sei als in der übrigen Bevölkerung.
Wer so etwas sagt, hat wahrscheinlich zu wenig Kontakt zu denen, die er "Personal" nennt.
Außerdem ist ein solcher Satz Humbug, denn man kann umgekehrt mit statistisch hoher Trefferquote sagen, daß es bei den gut anderthalb Millionen Pflegerinnen und Pfleger viele geben wird, die sogar besser über den mRNA-Impfstoff informiert sind als der Chef der STIKO.

PD Dr. Ulrich Schuler

Was die Befragung auch nicht abbildet, ist die Tatsache, dass nicht wenige die Infektion schon durch haben. Ich kenne ein halbes Dutzend Ärzte und etliche Schwestern und anderes Klinik-Personal, die damit auch nicht zu ersten Reihe gehören, die sich jetzt impfen lassen sollte. Einige jüngere haben sich auch aus bewusst altruistischen Motiven entschieden, den älteren und den potentiellen Risikopatienten den Vortritt zu lassen, solange der Impfstoff knapp ist. Ball flach halten, - das wird schon.

Dr. Christoph Luyken

Ihr Kommentar geht an der Sache vorbei, Herr Kollege Schimmelpfennig. Mir geht es natürlich nicht darum, Menschen mit berechtigtem Interesse die notwendige Aufklärung vorzuenthalten. Ebenso müssen natürlich Kontraindikationen individuell abgefragt werden. Mein Anliegen war, darauf hinzuweisen, dass die Art, in welcher heute über die Impfungen kommuniziert wird und wie "aufgeklärt" wird, leider dem Ziel nicht dienlich ist, möglichst viele Menschen mit der Impfung zu erreichen. Im Gegenteil führt sie dazu, Verunsicherung zu streuen, so dass sogar nicht selten Menschen, die sich eigentlich impfen lassen wollten, zunächst oder dauerhaft Abstand davon nehmen. D a s entspricht nicht der medizinischen Realität, die ja zur Aufgabe hat, die Pandemie zu beenden.

Dr. Christoph Luyken

Leider habe ich nicht nur bei Pflegepersonal, sondern auch quer durch die Bevölkerung viel Skepsis und Verweigerung bezüglich der Impfung gesehen.
m.E. ist der Grund dafür (wie so oft in Deutschland), daß durch übertriebenen und ungeschickten Aufklärungsaufwand die eigentliche Intention zerredet und oft erst dadurch Bedenken bei den Betroffenen geweckt werden. Es hat an einem Meinungsbilder gefehlt, der Korpsgeist geschaffen hätte - (nach dem Motto "wir schaffen das").
Ich fände es gut, wenn die Aufklärung über die Impfung massiv über die Medien verbreitet würde. Dann wären Aufklärungsgespräche in den Impfzentren nur auf Nachfrage nötig. Efffekt: Weniger Zweifel gesät und viel Zeit gespart.
Für die Impfverweigerer sollte die Konsequenz sein: Wer sich als Heimbewohner weigert, erklärt damit automatisch, im Erkrankungsfall auf stationäre Behandlung zu verzichten. Und beim Personal sollte es eigentlich heißen: Unbezahlte Beurlaubung bis nach der Pandemie (wobei hier die Personalknappheit zum Problem werden würde...) oder tägliche Schnelltests auf eigene Kosten....

Dr. Peter Schimmelpfennig antwortete

Ihre "Schwarz-Weiß-Welt" ist bedenklich und entspricht nicht der medizinischen Realität. Wie gehen Sie mit Menschen um die Kontraindikationen haben ? Mit Menschen, die (unrealistische) aber panikartige Ängste vor Impfungen haben, mit Menschen, die bewusst das Risiko einer Erkrankung (und dem Tod) eingehen wollen, so wie sie bewusst auch andere Risiken eingehen? Die Selbstbestimmung über den eigenen Körper ist aus meiner Sicht eines der höchsten Güter und die aktuelle Gefährungslage rechtfertigt es in keinen Fall (auch nicht für medizinisches Personal) dieses auszusetzen.


Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Jetzt anmelden / registrieren »

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

» kostenlos und direkt in Ihr Postfach

Am Morgen: Ihr individueller Themenmix

Zum Feierabend: das tagesaktuelle Telegramm

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen