Interview

„Wir machen keinen Standortwettbewerb beim Thema Fernbehandlung“

Baden-Württembergs neuer Kammerchef Dr. Wolfgang Miller zur Zukunft der ausschließlichen Fernbehandlung: 2016 hat die Kammer die Tür für Modellprojekte geöffnet. Wie geht es nun weiter?

Von Florian Staeck Veröffentlicht: 15.10.2019, 16:30 Uhr
„Wir machen keinen Standortwettbewerb beim Thema Fernbehandlung“

Es gibt den Wunsch einzelner Anbieter, die Kammer zur völligen Freigabe der ausschließlichen Fernbehandlung zu drängen: Dr. Wolfgang Miller.

© Dr. Oliver Erens

Ärzte Zeitung : Welche Erfahrungen in Ihren früheren Berufsstationen und berufspolitischen Ämtern nützen Ihnen heute im Präsidentenamt am meisten?

Dr. Wolfgang Miller: Ich kenne die ärztliche Basis, angefangen von der Mitarbeitervertretung im Krankenhaus bis zum Vorstand der Kreisärzteschaft. Ich habe mich mit den klassischen Themen beschäftigt – wie etwa Überstunden –, die die Kollegen in ihrer täglichen Arbeit bewegen. Ich bin in die berufspolitische Arbeit hereingewachsen und habe über Sektoren hinweg viele Erfahrungen sammeln dürfen, durch den Aufbau einer Notfallpraxis und später durch meine Arbeit als niedergelassener Chirurg und Orthopäde. Dabei habe ich als eines der Gründungsmitglieder von Medi auch die Bedeutung von Verbänden kennengelernt. Mitglied des Marburger Bund bin ich übrigens bis heute.

Ihre Wahl zum Kammerpräsidenten war eine knappe Sache, wenige Stimmen über der absoluten Mehrheit. Ist das Bürde oder Ansporn?

Miller: Definitiv ein Ansporn. Aber ein Stimmenverhältnis von 53 zu 43 ist ein klarer Auftrag.

Vorausgegangen war dem eine – auch durch Pannen bei der Post bedingte – niedrige Beteiligung an der Kammerwahl von rund 32 Prozent.

Miller: Wir dürfen uns keine Illusionen machen. Für viele Kolleginnen und Kollegen spielt die Kammer, abgesehen von der Facharztanerkennung, in ihrem Berufsleben keine große Rolle. Hinzu kommt, dass von den rund 68 000 Kammermitgliedern etwa 15 000 im Ruhestand sind. Ein nicht kleiner Teil der Ärztinnen und Ärzte übt ihren Beruf schlichtweg fern der Berufspolitik aus. Das zeigt sich auch an der vergleichbar niedrigen Wahlbeteiligung im Krankenhaus und im niedergelassenen Bereich. Ich bedauere das sehr, muss es aber respektieren.

Hat die Kammer angesichts dieser Wahlbeteiligung ein Legitimationsproblem?

Miller: Nein, das kann ich überhaupt nicht erkennen. Jeder, der sich zu Wort melden möchte, kann das tun und wird gehört. Ich kenne zudem auch keine ausschließlich schriftliche Wahl, die höhere Beteiligungsquoten verzeichnen würde.

Wie würden Sie das Standing der Kammer insbesondere bei jungen Ärztinnen und Ärzten beschreiben?

Miller: Junge Kolleginnen und Kollegen überlegen sich genau, wofür sie die Kammer brauchen. Sie suchen nach Hilfestellungen und Angeboten, die für ihre jeweilige berufliche Lebensphase wichtig sind. Wir bemühen uns als Kammer, diese Gruppe besser als früher anzusprechen, etwa über entsprechende Gremien, aber auch über neue Kommunikationskanäle wie Social Media oder eine passende Landing Page im Internet.

Bei Ihren zahnärztlichen Kollegen wäre das Interview durch ein Topthema bestimmt: Der Einfluss von Fremdinvestoren auf die Versorgung. Wie werten Sie es, dass Fremdkapitalgeber sich immer häufiger im Gesundheitsmarkt engagieren und dort nach Anlagemöglichkeiten suchen?

Miller: Ich halte diese Entwicklung für problematisch. Aus meiner Sicht sollten Überschüsse den Medizinern zu Gute kommen, auch um ihre Arbeitsbedingungen zu verbessern. Viele unserer Kolleginnen und Kollegen müssen sich nach der Decke strecken, um mit den vorhandenen Mitteln auszukommen. Vor diesem Hintergrund bewerte ich die Jagd nach Rendite als primäres Unternehmensziel im Gesundheitswesen als fragwürdig. Allerdings halte ich es für unwahrscheinlich, dass sich diese Entwicklung zurückdrehen lässt, etwa, indem die Gründungsberechtigung für MVZ stärker eingeschränkt wird. Aber wir sprechen darüber mit der Politik und weisen auf diese problematische Entwicklung hin, nicht zuletzt, um die Patienten vor einer profitorientierten Medizin zu schützen.

Was sind für Sie in der ersten Hälfte Ihrer Amtsperiode die größten berufspolitischen Baustellen?

Miller: Das ist zum einen die Umsetzung der Weiterbildungsordnung. Es geht dabei um die Kernkompetenz der Kammer. Wenn es gut läuft, beschließen wir die grundlegend novellierte WBO im November. Zwei Punkte sind entscheidend: Erstens steht die Qualität im Mittelpunkt, und zwar dadurch, dass wir mehr Wert auf Kompetenzen legen als bisher. Zweitens wollen wir Weiterbildung flexibel ermöglichen, auch in Teilzeit. Das wird für Weiterbildungsassistenten und für Weiterbilder gelten. Auch ein Kollege, der halbtags arbeitet, kann weiterbilden. Das war bisher nicht möglich.

Und das zweite Thema?

Miller: Zum anderen treibt uns die Digitalisierung weiterhin um. Wir haben als erste Kammer die ausschließliche ärztliche Fernbehandlung unter Vorbehalt erlaubt und Modellprojekte ermöglicht. Die ersten Zwischenevaluationen sind vielversprechend.

Wie wird es mit den Modellprojekten weitergehen? Völlige Freigabe der ausschließlichen Fernbehandlung wie in 14 anderen Ärztekammern?

Miller: Wir verfolgen die Modellprojekte eng und haben positive Rückmeldungen erhalten, seien es die Projekte in der Dermatologie oder in Justizvollzugsanstalten. Ja, und es gibt den dringenden Wunsch einzelner Anbieter, die uns zur völligen Öffnung und Freigabe der Fernbehandlung drängen möchten. Aber ich sehe uns in keinem Standortwettbewerb um die „liberalsten“ Rahmenbedingungen in der ausschließlichen Fernbehandlung. Im Gegenteil: Bei unseren Modellprojekten stehen Qualität und Datenschutz im Vordergrund – das ist ein Gewinn für die Patienten.

Durch die Beratung der Anbieter, die ein Modellprojekt bei Ihnen beantragen, erwirbt die Ärztekammer Baden-Württemberg selber Expertise?

Miller: So ist es. Wir sind weder Unternehmer noch Shareholder, sondern wir können neutrale, kompetente Beratung anbieten. Denn wir sehen ja, welche Modelle funktionieren und welche nicht. Als Kammer ist es uns auch künftig wichtig, Mitglieder bei der Einführung sinnvoller digitaler Prozesse zu beraten und zu unterstützen.

Mit der ausschließlichen Fernbehandlung sind aus der Sicht vieler Ärzte Bedrohungsszenarien verbunden. Nach Ihren bisherigen Erfahrungen: zu Recht?

Miller: Nein, überhaupt nicht. Die Nutzungszahlen beispielsweise beim telemedizinischen Angebot docdirekt sind noch überschaubar. Das ist auch keine Überraschung, da es keine Incentives für die Patienten gibt, zuerst das Telemedizin-Angebot zu kontaktieren – anders als beispielsweise in der Schweiz. Hinzu kommt, dass die Online-Videosprechstunde für Bestandspatienten den Ärztinnen und Ärzten hierzulande noch miserabel vergütet wird. Das finde ich enttäuschend. Letztlich muss doch die hochwertige Patientenversorgung im Mittelpunkt stehen – und das schaffen wir auch mit der Fernbehandlung. Auf der einen Seite bringt sie Patient und ärztliche Expertise über Distanz zusammen. Auf der anderen Seite wird es immer Fälle geben, bei denen nur der direkte Arzt-Patienten-Kontakt eine adäquate Behandlung gewährleistet.

Dr. Wolfgang Miller

  • Seit Februar 2019 Präsident der Ärztekammer BadenWürttemberg.
  • Jahrgang 1962, Medizinstudium in Ulm, Weiterbildung in Biberach und Stuttgart.
  • Seit 1998 als Chirurg, Orthopäde und Unfallchirurg in Echterdingen niedergelassen.
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