Netzwerk für Frauen

Ärztinnen gründen anders

Ärztinnen, die sich niederlassen, haben andere Ideen und andere Bedürfnisse als ihre männlichen Kollegen. Eine Initiative von Frauen für Frauen füllt die Lücke.

Von Hauke GerlofHauke Gerlof Veröffentlicht:
Dr. Barbara Holderbaum und Johanna Rosenkranz.

Dr. Barbara Holderbaum und Johanna Rosenkranz.

© [M] sth

NEU-ISENBURG. Die Medizin wird weiblich. Was in den Hörsälen und auf den Stationen schon seit Jahren spürbar ist, das kommt zunehmend auch in den Praxen an: Der Frauenanteil wächst.

45 Prozent der Existenzgründer von Arztpraxen im Jahr 2011 in den alten Bundesländern waren Frauen, in den neuen Bundesländern waren es sogar bereits 61,7 Prozent - also die klare Mehrheit.

Das hat die Existenzgründungsanalyse für Ärzte 2011 von Deutscher Apotheker- und Ärztebank und Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (ZI) ergeben.

Die Entwicklung hat Konsequenzen für die Versorgung, aber auch für die Praxisorganisation. Denn Frauen denken anders, sie gründen anders, sie organisieren sich anders, und sie haben andere Anforderungen an die Work-Life-Balance als die Mehrheit der Männer.

Das ist die These der Initiatorinnen der Women's Networking Lounge e.V. (WNL). Die Women's Networking Lounge organisiert seit 2011 Abendveranstaltungen zur Förderung von Ärztinnen als Führungskraft und zur Stärkung des beruflichen Netzwerkes.

Erste Lektion: delegieren lernen

Die These stimmt, zumindest teilweise, sagt Dr. Barbara Holderbaum, Allgemeinärztin in Kelkheim. Holderbaum hat selbst vor 26 Jahren als alleinerziehende Mutter von zwei Kindern eine Einzelpraxis gegründet.

"In den ersten fünf Jahren hätte ich mir etwas mehr Kooperation gewünscht", erinnert sich Holderbaum.

Als dann die Praxis lief und sich "die Kinder gut entwickelten, obwohl ich das Gefühl hatte, dass ich mich zu wenig kümmere", habe der Druck nachgelassen, berichtet sie im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Das Wichtigste sei es, delegieren zu lernen - in der Familie und in der Praxis. Dann könne man Zeit für die Freizeit freischaufeln.

Die Unterschiede zwischen Männern und Frauen sieht Holderbaum vor allem in der Herangehensweise in der Arbeit mit Patienten: "Wir Frauen sind oft weniger apparate-orientiert, wir hören unseren Patienten dafür oft länger zu, und wir erläutern häufig genauer, warum eine bestimmte Therapie für den Patienten in seiner Situation wichtig ist. Das ist gut für die Compliance."

Holderbaum ist neben ihrer Arbeit als Ärztin auch im Hartmannbund aktiv, der an vielen Orten mit der Initiative Women's Networking Lounge zusammenarbeitet.

Die WNL ist gedacht als Plattform für Frauen im Gesundheitswesen für den Austausch mit Kolleginnen. Vor Ort werden Veranstaltungen ausschließlich für Frauen organisiert.

Sie thematisieren den Berufs- und Lebensalltag von Ärztinnen. Beim siebten Kommunikationskongress der Gesundheitswirtschaft ist das Netzwerk jetzt mit dem KommGe-Award in der Kategorie "Beste Professionalisierungsidee" ausgezeichnet worden.

72 Prozent der Arbeitszeit

"Wir möchten den Frauen helfen, in ihrer Stadt ein starkes Netz zu knüpfen. Zu Kolleginnen und zu Frauen aus anderen Berufen im Gesundheitswesen, die den Medizinerinnen Tipps für den Arbeits- und Lebensalltag geben können", sagt Christine Wernze, Gründerin der WNL.

Dabei gehe es in den Veranstaltungen sowohl um die Information als auch um ein gutes Ambiente für den entspannten Austausch der Teilnehmerinnen untereinander.

Aus der Idee ist schnell eine wachsende Bewegung geworden: "Wir stehen zwei Jahre nach der Gründung schon kurz vor der 100. Veranstaltung", berichtet WNL-Vorstandsvorsitzende Johanna Rosenkranz.

Der Bedarf sei groß, weil Frauen einfach spezifische Anforderungen bei der Gründung und Führung von Arztpraxen haben: Ärztinnen arbeiteten im Schnitt nur 72 Prozent der durchschnittlichen Arbeitszeit der männlichen Kollegen, weil sie noch immer mehr unter dem Druck stehen, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren.

Kooperationen als wichtige Option

Aus diesem Grund strebten Ärztinnen auch besonders stark in Kooperationen mit mehreren Kolleginnen und Kollegen, in denen die finanziellen Risiken reduziert sind, die Arbeitszeiten flexibler zu gestalten und nicht zuletzt in denen sie von Bürokratie-Aufgaben entlastet sind. Ärztinnen legten auch noch mehr Wert auf den fachlichen Austausch als Männer.

Johanna Rosenkranz ist eine der Frauen, die das Netzwerk von Berlin aus koordinieren. Entscheidend für die Aktivitäten sind die Initiativen an den mittlerweile 28 Standorten der WNL: Hier werden Veranstaltungen zu Themen wie Vereinbarkeit von Karriere und Beruf, Arbeitsrecht, Burnout und Mitarbeiterführung organisiert - immer aus dem Blickwinkel von Frauen.

Häufig übernähmen auch Frauen aus der Gruppe vor Ort selbst Themen, die sie ihren Kolleginnen in den Veranstaltungen nahebringen, so Rosenkranz.

Sehr wichtig seien auch Best-Practice-Beispiele, um die Kolleginnen zu ermutigen, betont Holderbaum. "Viele haben noch nicht so viele Praxen von Frauen gesehen, die Familie und Beruf gut miteinander vereinbaren können, aber es geht."

Informationen im Internet: www.womensnetworkinglounge.de

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