Krankenkassen

In Zukunft alles App?

Wird es im digitalen Zeitalter nur noch Online-Krankenversicherungen geben? Experten sagen: Nein. Der persönliche „Kümmerer“ sei auch künftig gefragt.

Von Rebekka Höhl Veröffentlicht: 30.09.2019, 13:50 Uhr
In Zukunft alles App?

Wie viel Digitalisierung wünschen sich Versicherte von ihrer Kasse? Darüber diskutierten (v.l.) Siemens-BKK-Chef Dr. Hans Unterhuber, Julia Zink, Präsidentin der BKK Young Talents, AOK-Bayern-Chefin Dr. Irmgard Stippler, Julia Kaub von KPMG, Dr. Daniel Cardinal von der TK und ottonova-Gründer Dr. Roman Rittweger.

© Klaus D. Wolf

MÜNCHEN. Ottonova macht es vor: Der private Krankenversicherer ist als reine Onlineversicherung unterwegs. Die fehlende elektronische Vernetzung im Gesundheitswesen und die bürokratischen Wege seien es gewesen, die zur Gründung dieses neuen Versicherungskonzepts geführt hätten, sagte Gründer und Geschäftsführer Dr. Roman Rittweger auf dem Europäischen Gesundheitskongress in München.

Angesichts der nächsten Generation von Versicherten, die als sogenannte digital natives aufwachsen, der Zukunftsweg für alle Krankenversicherer?

Immerhin: Herzstück von ottonova ist laut Rittweger der „Concierge Service“, eine App, über die die Versicherten alles regeln können – via Smartphone . Damit das klappt, ist ein Chat, der ähnlich wie der Messenger WhatsApp funktioniert, integriert. Arztrechnungen fotografieren die Versicherten zur Erstattung einfach ab und übermitteln sie via App.

Akzeptanz auch bei Ärzten ist da

Die Krankenversicherer müssen digitaler werden, aber der „Kümmerer“ werde auch künftig nicht out, stellte Dr. Hans Unterhuber, Vorstandsvorsitzender der Siemens-BKK, fest. „Was ist die ,Haupt-Pain‘ aller Online-Nutzer?“, fragte er provokativ. „Sie vermissen einen persönlichen Ansprechpartner, wenn der Standardprozess nicht mehr funktioniert.“

Dennoch, es braucht mehr Online-Services und eine bessere Vernetzung gerade auch im Krankenkassensystem. „Die Zeit ist reif dafür“, stellte die AOK-Bayern-Chefin Dr. Irmgard Stippler fest. Die Vernetzung im Gesundheitswesen sei nicht mehr nur etwas für Visionäre. „Die Akzeptanz bei Versicherten und Leistungserbringern ist da.“ Das war gerade in Sachen Telematikinfrastruktur (TI) in den vergangenen Jahren nicht immer so.

Zusätzlich gestehe Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) den gesetzlichen Krankenversicherern mit dem Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG) eine neue Versorgungskompetenz im digitalen Bereich zu. „Das DVG schafft den Rahmen dafür, dass wir hier die nächste Stufe nehmen können“, so Stippler.

Eigene Prozesse entschlacken

Bevor es an Versorgungslösungen geht, sollten die Versicherer nach dem Vorbild von ottonova aber tatsächlich ihre eigenen Prozesse entschlacken: „Die Lebenswirklichkeit der Patienten besteht aus Bürokratie“, sagte Unterhuber. „Diesen ganzen Papierkrieg könnte man doch mit der Digitalisierung vereinfachen.“

Unterhuber berichtete von einem Eskalationsgespräch mit einer Versicherten, die einen Antrag für Zahnersatz stellen wollte. Die junge Frau habe ihn gefragt, wie er denn darauf käme, dass sie noch Briefumschlag und Briefmarke hätte, wo sie doch ihr ganzes anderes Leben über das Smartphone regeln könne.

„Da hat sie in einem bestimmten Rahmen recht“, erklärte er. Die Kasse der Zukunft müsse analoge und digitale Kommunikation bieten. „Der Versicherte sucht sich dann aus, welcher Kommunikationsweg für ihn der jeweils richtige ist.“

Daniel Cardinal, Geschäftsbereichsleiter Versorgungsinnovation bei der Techniker Krankenkasse (TK), würde noch einen Schritt weiter gehen: Die Versicherer müssten sich bei den digitalen Services längst der Konkurrenz internationaler IT-Konzerne wie Amazon oder Google stellen.

„Wir müssen ein eigenes Netzwerk mit eigenen Angeboten und Leistungserbringern haben“, sagte er mit Blick auf die Online- und Cloud-Services der IT-Giganten, die im Gesundheitswesen zunehmend ein Geschäftsfeld für sich entdeckten.

Kassen wollen netzwerken

Die Krankenversicherer müssten lernen, statt der eigenen Organisation mehr den Versicherten bzw. Kunden in den Mittelpunkt ihrer Bemühungen zu stellen. „Wir brauchen den Arzt“, stellte Cardinal dabei klar, aber gleichzeitig müsse man etwa vermehrt künstliche Intelligenz (KI) nutzen – als ergänzendes Element. „Wenn KI in der Diagnostik besser ist, wird es auch irgendwann als Kunstfehler gelten, wenn ich sie nicht nutze“, zeigte er sich überzeugt.

Die TK will deshalb ein eigenes Netzwerk schaffen, in dem sie die Digitalisierung für die Versicherten bereitstellt und die Leistungserbringer durch Selektivverträge integriert. Der Symptomchecker Ada-Health ist dabei nur ein Baustein. Das Netzwerk müsse offen für die Anbindung von Drittanbietern sein, so Cardinal.

„Wir werden künftig kein isoliertes Gesundheitssystem mehr sehen“, sagte er, Gesundheitsnetzwerke müssten etwa auch eine Verbindung zum Heimnetzwerk (Smart Home) der Versicherten ermöglichen.

Dr. Irmgard Stippler sieht die Zukunft hingegen eher in regionalen, sektorübergreifenden Netzwerken. „Wir wollen vor Ort digitale Versorgungsnetzwerke mit gestalten.“ Denn die Stärke der AOK sieht sie nach wie vor darin, dass sich die Mitarbeiter in den Regionen auskennen und etwa im Falle einer nachstationären Reha oder Pflege Kontakt zu entsprechenden Leistungserbringern herstellen können.

„Wir müssen verstehen lernen, wann der Service persönlich und wann er digital notwendig ist“, sagte sie. Dabei stünden die Zeichen gut, dass spätestens 2030 die individualisierte, sektorübergreifende Versorgung – mit digitaler Unterstützung – greifen könne.

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