Anhörung

An welchen beiden Punkten die Digitalisierung im Gesundheitswesen oft scheitert

Eine Anhörung zur Digitalisierung im Gesundheitswesen offenbarte viele Baustellen. Schnelles Reagieren sei oft nicht möglich, so die Sachverständigen.

Von Kathrin Handschuh Veröffentlicht:
Die Corona-Warn-App nannten Entwickler als eines der wenigen Erfolgsbeispiele bei der Digitalisierung im Gesundheitswesen.

Die Corona-Warn-App nannten Entwickler als eines der wenigen Erfolgsbeispiele bei der Digitalisierung im Gesundheitswesen.

© Zacharie Scheurer / dpa-tmn / picture alliance

Berlin. Das Fehlen sauberer Infrastrukturen und sicherer Schnittstellen ist die Hauptursache, dass die Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesens derzeit nicht reibungslos über die Bühne geht. Davon ist beispielsweise der IT-Sicherheitsberater Martin Tschirsich überzeugt. „Nur wenn diese vorhanden sind, können wir ad hoc mit Einzellösungen operieren. Ein wichtiger Baustein sind auch sichere, digitale Identitäten“, sagte er am Donnerstag bei einer Anhörung des Parlamentarischen Begleitgremiums COVID-19-Pandemie, wo er sich gemeinsam mit weiteren Digitalisierungssachverständigen den Fragen der Abgeordneten stellte.

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Bianca Kastl vom Innovationsverbund öffentliche Gesundheit kritisierte ebenfalls dementsprechende Versäumnisse: „Es hätten längst Standards entwickelt werden müssen, die es uns ermöglichen, flexibel und schnell zu reagieren.“ Aktuelles Beispiel seien die Hospitalisierungsraten, die die Bundesregierung zukünftig zur Beurteilung der Corona-Lage heranziehen will: „Wie kommen diese Daten an die Gesundheitsämter?“, fragte Kastl.

Digitale Kontaktnachverfolgung hapert

Das sind nicht die einzigen Baustellen, die Gesundheitsämter derzeit beschäftigen. Auch bei der digitalen Kontaktnachverfolgung läuft offensichtlich nicht alles rund. Bernhard Bornhofen, Leiter des Offenbacher Gesundheitsamtes, berichtete über das Online-System SORMAS: Ein Drittel der Gesundheitsämter nutzten inzwischen die Software, so Bornhofen, der dem System einige Kinderkrankheiten attestierte. Während der Austausch zwischen Kollegen sehr gut funktioniere, hinke die Datenauswertung den Erwartungen hinterher. „Leider können wir nicht kurzfristig auslesen, wie hoch der Anteil der Deltavariante an den gemeldeten Fällen ist“, bedauerte er.

Mit der Digitalisierung in der Versorgung beschäftigt sich der Arzt Dr. Philipp Stachwitz. Er sieht in der Patientenversorgung einen erheblichen Vernetzungsbedarf. In Notlagen müsse es möglich sein, Gesundheitsdaten zwischen allen Beteiligten auszutauschen, sagt er. „Besonders bei der Erforschung von Long-COVID steht die interdisziplinäre Zusammenarbeit im Fokus.“ Er wies außerdem darauf hin, dass niedergelassene Ärzte bei ihren Patientinnen und Patienten häufig Beratungsaufgaben im Bereich der Digitalisierung übernehmen müssten, zum Beispiel bei der ePA. Eine entsprechende Vergütung sei dafür aber bislang noch nicht vorgesehen. „Diese Beratung zu honorieren, bedeutet Wertschätzung für unsere Arbeit.“

Erfolgsbeispiel Videosprechstunden

Es gibt aber auch Erfolgsbeispiele: Vor allem Videosprechstunden hätten durch die Pandemie einen echten Schub erlebt, so Stachwitz. „Hier hatten wir das Glück, das bereits vor der Pandemie beispielsweise durch zertifizierte Anbieter die notwendigen Voraussetzungen geschaffen wurden.“

Als weiteres Erfolgsprojekt wurde die Corona-Warn-App genannt. Software-Entwickler Henning Tillmann sprach von einem sehr guten Start der App: „Sie ist dezentral, datensparsam und kann sehr schnell warnen – damit erfüllt sie ihren Zweck.“

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