Charité

Aufbruch in ein neues Klinik-Zeitalter

Der Campus Benjamin Franklin der Berliner Universitätsklinik Charité feiert 50-jähriges Bestehen und blickt zurück auf eine wechselvolle Geschichte.

Von Angela MisslbeckAngela Misslbeck Veröffentlicht:
In einer Ausstellung können Besucher die Geschichte des Hauses Revue passieren lassen.

In einer Ausstellung können Besucher die Geschichte des Hauses Revue passieren lassen.

© Charité / Wiebke Peitz

BERLIN. Vor 50 Jahren im November 1968 war das Klinikum Steglitz noch ein Geister-Krankenhaus. Die Freie Universität Berlin hatte es gerade als Universitätsklinikum aus den Händen der amerikanischen Besatzer entgegengenommen.

Doch das Klinikum war so völlig anders als alle bis dahin bekannten Krankenhäuser in Deutschland, dass man sich an die Inbetriebnahme lieber langsam herantastete. Fast ein halbes Jahr dauerte der Probebetrieb.

Die US-amerikanische Benjamin-Franklin-Stiftung wollte mit dem Haus „the best teaching center of Europe“ schaffen, um für Medizinernachwuchs in der geteilten Stadt zu sorgen, wie Medizinhistoriker Thomas Beddies von der Charité feststellt.

Bis zum Bau des Klinikums erfolgte der praktische Teil der Medizinerausbildung in Westberlin an den städtischen Krankenhäusern. Von nun an sollten (fast) alle Disziplinen und Einrichtungen im Klinikum Steglitz unterkommen.

Vier durch Gänge verbundene Würfel ragten aus der flachen Wohnbebauung im Berliner Südwesten in die Höhe. Nach der offiziellen Übergabe des markanten Neubaus an die Universität im Oktober 1968 verging ein halbes Jahr im Probebetrieb. Erst ab März 1969 wurden die ersten Patienten aufgenommen.

In Deutschland unbekannte Wege

„Die Abläufe waren völlig anders“, sagt Renate Ullrich 50 Jahre später. Die Krankengymnastin hatte seit Januar 1969 den Probebetrieb mitgestaltet.

Die Arbeit in einem der pavillonartigen alten Krankenhäuser mit einzelnen Gebäuden für die verschiedenen Fächer und mit riesigen Hör- und Schlafsälen tauschte Ullrich ein gegen interdisziplinäres Bedside-Teaching in kleinen Patientenräumen.

Bei Vorlesungen am neuen Westberliner Uniklinikum waren die Krankengymnasten dabei. „Das ganze Haus war fachübergreifend angelegt. Es war etwas ganz Neues.

Diese Art zu arbeiten, war zwar in Amerika bereits erprobt, aber in Deutschland bis dahin völlig unbekannt“, sagt Ullrich. Die Belegschaft hätte interdisziplinäre Teams gebildet und sich viel über die Arbeitsorganisation ausgetauscht. „Wir haben in diesem Haus alles zum ersten Mal gemacht“, so Ullrich.

Stolz, dort Mitarbeiter zu sein

Doch: „Es lief rund“, sagt Professor Hans-Peter Berlien. Er begann neun Monate nach der Inbetriebnahme seine Tätigkeit als Hilfspfleger an dem hypermodernen Klinikum.

Der 19-jährige Abiturient hatte den Bau des komplett neuartigen Krankenhauses auf seinem Schulweg beobachtet und wusste schon als Gymnasiast, dass er dort arbeiten will. „Alle waren stolz, dass sie im ersten Jahr dort mitarbeiten konnten“, berichtet er.

Mit der Krankenhaustätigkeit überbrückte Berlien die Wartezeit auf einen Medizin-Studienplatz. Doch auch während des Studiums hat er weiter als Pflegehelfer an dem damals modernsten Klinikum Europas gearbeitet.

„Aufbruchsstimmung und Gemeinschaftsgefühl haben uns geprägt. Das hat uns über die Berufsgruppen hinweg zusammengehalten. Auch als Arzt war ich immer noch in erster Linie Mitarbeiter des Krankenhauses“, sagt Berlien heute.

Als außergewöhnlich galt das Klinikum Benjamin Franklin wegen seiner Architektur. Die Verbindung zwischen Krankenversorgung, Forschung und Lehre ist in dem Haus, das seit 2003 zur Uniklinik Charité gehört, auch baulich umgesetzt.

Charité-Chef Professor Karl Max Einhäupl würdigt es als „ein Gebäude mit kurzen Wegen, von Beginn an konzipiert, um fächerübergreifendes Zusammenarbeiten zum Wohle der Patientinnen und Patienten zu ermöglichen – ein Grundstein für die Translation, der damals gelegt wurde und auf den wir heute aufbauen, um neueste Erkenntnisse aus der Forschung ans Krankenbett zu bringen“.

Veranstaltungsreihe gestartet

Zum Jubiläum hat die Charité eine Veranstaltungsreihe gestartet, die bis ins Frühjahr 2019 hinein dauert. Außerdem informiert eine Ausstellung im Südfoyer des Klinikums über die 50-jährige Geschichte. Dabei war im Lauf der Jahre durchaus ungewiss, ob das einst so zukunftsweisende Klinikum Benjamin Franklin nicht bald der Vergangenheit angehören würde.

Um die Jahrtausendwende spielte es eine Hauptrolle in den Spardebatten der Hauptstadtpolitik. Selbst nach der Eingliederung in die große Charité gab es wiederholt Zweifel am Sinn des Fortbestands des Campus Benjamin Franklin. Doch mit einem Schwerpunkt auf Altersmedizin hat der Standort seinen Platz in der stationären Versorgungslandschaft Berlins gefunden.

Auch die Politik bekennt sich inzwischen uneingeschränkt zum Standort Steglitz der Berliner Hochschulmedizin..

Forschungsstaatssekretär Steffen Krach kündigte bei einer Jubiläumsfeier an, dass der Traditionsstandort „fit für die Zukunft“ gemacht werden solle.Neue Operationssäle sind bereits entstanden, und weitere Bau- und Modernisierungsmaßnahmen sind geplant. Insgesamt fließen über 100 Millionen Euro in den Campus Benjamin Franklin.

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