Österreich

Bessere Arztausbildung gefordert

Qualität und Quantität – das sind die zwei Stellschrauben, mit denen Österreichs künftige Bundesregierung dem Ärztemangel endlich begegnen soll, fordern die Vertreter der Bundesländer.

Matthias WallenfelsVon Matthias Wallenfels Veröffentlicht:
Alles paletti mit der Arztausbildung in Österreich? Nicht alle Nachwuchsmediziner sind dieser Ansicht.

Alles paletti mit der Arztausbildung in Österreich? Nicht alle Nachwuchsmediziner sind dieser Ansicht.

© Andrey Kiselev / Fotolia

Wien. Den Politikern in Österreich brennt das Thema Ärztemangel schon lange auf den Nägeln – genau wie der Bevölkerung. Nun hat das politisch wichtige Gremium der Landeshauptleute-Konferenz unter dem Vorsitz von Niederösterreichs Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner (Volkspartei/VP) die Initiative für mehr Nachwuchsmediziner ergriffen.

„Die Zahl der Studienplätze muss deutlich erhöht werden“, so die Forderung Mikl-Leitners an die künftige Bundesregierung. Derzeit gebe es an den Universitäten der Alpenrepublik insgesamt 1680 Studienplätze für angehende Ärzte.

Abzüglich der 25 Prozent, die für Studierende aus dem Ausland vorgesehen sind, würden damit nur 1260 Studienplätze für Ärzte verbleiben, die auch in Österreich praktizieren sollen.

Jeder zehnte Arzt vor Pensionierung

Argumentative Unterstützung erfährt Mikl-Leitner von ihrem Parteifreund und VP-Landesgeschäftsführer Niederösterreich, Bernhard Ebner. „Fakt ist: Vor 20 Jahren gab es allein in Wien 2000 Medizinstudienplätze, heute sind es bundesweit nur mehr 1680. Und: Es rollt eine Ärzte-Pensionierungswelle auf uns zu, in zehn Jahren geht jeder dritte Arzt in Pension“, so Ebner.

Laut Ärztestatistik 2018 der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) werden in den nächsten zehn Jahren insgesamt 14 581 Ärzte das Pensionsalter überschreiten, woraus sich ein jährlicher Nachbesetzungsbedarf von im Schnitt 1458 Nachwuchsmedizinern ergibt – allein, um den Status quo ante aufrechtzuerhalten.

Wie Mikl-Leitner betont, müsse aber nicht nur an der Quantitäts-, sondern auch an der Qualitätsschraube gedreht werden, um die medizinische Versorgung in Österreich zukunftsfest zu machen. Daher plädiert sie auch für eine fundierte Ausstattung der medizinischen Fakultäten, „um die Qualität der Ausbildung erhalten zu können“.

Darüber hinaus müsse es auch weitere Anreize geben, etwa in Form eines Stipendiensystems oder der Einrichtung eines Facharztes für Allgemeinmedizin.

Qualität der Ausbildung wird unterschiedlich bewertet

Die Nachwuchsärzte selbst sind indes nicht durch die Bank unzufrieden mit ihrer Ausbildung, wie eine aktuelle Untersuchung der Ärztekammer unter den angehenden Medizinern zeigt. Diese bewerten die Qualität in ihrer Ausbildung abhängig von den Krankenhäusern und den Abteilungen sehr unterschiedlich.

Für ihre Ausbildung vergeben sie Gesamtbewertungen nach dem Schulnotensystem, die für die Basisausbildung zwischen 1,2 und 3,22, in der allgemeinmedizinischen Ausbildung zwischen 1,0 und 4,25 sowie in der Facharztausbildung zwischen 1,0 und 4,4 liegen.

Insgesamt schneidet die fachärztliche Ausbildung laut Ärztekammer mit der Note 2,3 am besten ab, gefolgt von der Basisausbildung mit 2,37 und der allgemeinmedizinischen Ausbildung mit 2,45. Verglichen mit den Ergebnissen der Ausbildungsevaluierung im Vorjahr wird die Facharzt-Ausbildung konstant gut bewertet, die Basisausbildung und die allgemeinmedizinische Ausbildung verbesserten sich leicht, resümiert die Kammer.

Nicht ganz so positiv sieht Harald Mayer, ÖÄK-Vizepräsident und Obmann der Bundeskurie angestellte Ärzte, dem Vertretungsorgan der angestellten Ärzte, die Lage bei den Nachwuchsmedizinern. „Leider hat sich die Ausbildungssituation zu wenig verbessert“, sagt er mit leicht resigniertem Ton.

Chance für ausländische Ärzte

Die Qualität der Ausbildung müsse über alle Abteilungen und alle Krankenhausträger hinweg konstant hoch sein. Gerade angesichts des starken Wettbewerbs durch Ärzte aus dem Ausland sei das dringend notwendig.

Zur Erinnerung: Bislang steigt die Anzahl der ausländischen Ärzte, die in Österreich hauptsächlich in Kliniken tätig sind, kontinuierlich bis auf 5291 im vergangenen Jahr – der Löwenanteil davon, 2151, kam aus Deutschland. Der Trend scheint noch auf viele Jahre hin anzuhalten.

„Viele Ärztinnen und Ärzte werden nach dem Studium nicht in Österreich tätig, außerdem wollen immer weniger Allgemeinmediziner werden. Wenn wir aber keine guten Hausärzte mehr haben, wird das zwangsläufig dazu führen, dass immer mehr Patienten unnötigerweise ins Spital kommen“, prognostiziert Mayer.

Er richtet auch einen Appell an die klinischen Ausbildungsstätten, ihrer Verantwortung gegenüber der nachkommenden Medizinergeneration gerecht zu werden. Denn Ärzte in der Basisausbildung gaben das Feedback, viele Routineaufgaben mit wenig Lernzuwachs zu erfüllen. Aktives Lernen sei wenig vorhanden, und die Ausbilder gäben kein Feedback.

Als Grund für die fehlende Ausbildungskapazität wird das hohe Arbeitspensum des Stammpersonals gesehen. „Hier sieht man, dass der Personalmangel und die Arbeitsdichte in den Spitälern zulasten der Arztausbildung gehen“, so Mayer.

Lesen Sie dazu auch:
Lesen sie auch
Mehr zum Thema
Kommentare
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Das war der Tag: Der tägliche Nachrichtenüberblick mit den neuesten Infos aus Gesundheitspolitik, Medizin, Beruf und Praxis-/Klinikalltag.

Eil-Meldungen: Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Neues Berufsbild

Bürger als Assistenten: Hausarzt entwickelt Idee der DIHVA

Nachweis von pTau-217

Alzheimer-Diagnostik: Neuer Bluttest offenbar so gut wie Liquortests

Lesetipps
Es gibt tierexperimentelle Studien, wonach Mikroplastik entzündungsverstärkend wirkt, wenn durch ein zusätzliches Agens die Tight junctions zwischen Darmzellen zerstört sind. Wenn also zu einer hohen Mikroplastik-Konzentration zusätzlich pathogene Faktoren hinzukommen, könnte dies entzündungsfördernd wirken, etwa bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa.

© Rochu_2008 / stock.adobe.com

Forschung

Beeinflusst Mikroplastik chronische Erkrankungen?