Formularwut

Bürokratie in der Praxis nimmt nicht ab

Ein gesamter Arbeitstag pro Woche für Verwaltung – das ist zu viel, sagt die KBV. Doch neue Gesetze treiben den Bürokratieindex eher noch nach oben.

Von Anno FrickeAnno Fricke Veröffentlicht:
Akten und Archivablagen – im ärztlichen Alltag haben die Dokumentatiospflichten merklich zugenommen.

Akten und Archivablagen – im ärztlichen Alltag haben die Dokumentatiospflichten merklich zugenommen.

© Maksym Yemelyanov / Fotolia

BERLIN. Die Bürokratiebelastung für die Ärzte wird perspektivisch vorerst nicht sinken. Jeder Arzt und Psychotherapeut wendet 7,4 Stunden in der Woche nur für Verwaltung auf. Die Gesamtbelastung der Praxen dürfte damit sogar über die gut 54 Millionen Stunden im Jahr steigen, die Ärzte und Therapeuten laut Bürokratieindex damit verbringen, Informationspflichten zu erfüllen. Das kostet die Kassen rund 2,4 Milliarden Euro im Jahr.

Das geht aus dem noch unveröffentlichten Ärztemonitor für 2018 hervor. Demnach stehen die befürchteten Belastungen aufgrund von Bürokratie in der Reihenfolge der Niederlassungshemmnisse bei jungen Ärzten an zweiter Stelle hinter dem Investitionsrisiko und vor der Regressgefahr.

"Die Bürokratiebelastung ist im letzten Berichtsjahr kaum gesunken", sagte KBV-Vorstand Dr. Thomas Kriedel beim Symposium Bürokratieabbau im Gesundheitswesen am Dienstag in Berlin. Mit dem Gesetz für schnellere Terminvergabe und Versorgung werde der Bürokratische Aufwand eher noch höher, warnte Kriedel. Dabei ließe sich durch Bürokratieabbau ungleich schneller freie Arztzeit schaffen als durch Ausbildung von Ärzten, die einen Vorlauf von rund zwölf Jahren erfordere. Und auch die neue Datenschutzgrundverordnung dürfte sich in der Bilanz bemerkbar machen .

Kriedel: Bürokratieabbau um 25 Prozent

Kriedel forderte die Regierung und alle Beteiligten im Gesundheitswesen auf, konkrete Abbauziele zu setzen, am besten in Höhe von 25 Prozent. Kontra kam von GKV-Vize Johann-Magnus von Stackelberg. Im Gesundheitswesen werde viel Geld bewegt. "Ohne den einen oder anderen Beleg wird das nicht gehen", sagte von Stackelberg. Mehr als die bestehenden Gremien wie zum Beispiel die Manteltarifverträge-Partnerschaft bedürfe es dafür nicht. Nahziel müsse sein, den Anstieg der Belastungen durch Informationspflichten auf Null zu begrenzen, sagte Dr. Johannes Ludewig, Vorsitzender des Normenkontrollrates.

Digitalisierungsgewinne gebe es nur dann, wenn die analoge Welt nicht einfach eins zu eins auf den Bildschirm übertragen werde. "Unsinn bleibt Unsinn, auch wenn er digital daherkommt", sagte Kriedel. Von Stackelberg verwies darauf, dass digitale Formulare nicht handschriftlich ausgefüllt werden könnten. Damit fielen schon viele Fehlerquellen und Anlässe für Nachfragen weg.

Der Bürokratieindex, den die Fachhochschule des Mittelstands in Bielefeld erarbeitet, ging zum Start der Datenerhebung im Jahr 2013 für Arztpraxen von 56 Millionen Stunden Bürokratielast im Jahr aus. Nach den aktuell bekannt gewordenen Zahlen dürfte dieser Wert nun wieder erreicht werden. "Der Bürokratieindex ist ein stagnierender Prozess", sagte Professor Volker Wittberg von der Fachhochschule Mittelstand. Bei Ärzten weit vorne in der Kritik steht die Formularwut des Systems. Tatsächlich konnten 2017 laut Bürokratieindex allein durch die Vereinfachung des Chronikerformulars 300.000 Arbeitsstunden in den Praxen eingespart werden.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Wege zu weniger Bürokratie

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