Umfrage

Die Hälfte der Sozialarbeiter hatte noch nie Arztkontakt

Hausärzte nutzen die Ressource Sozialarbeit zu wenig, so eine Studie der Uniklinik Bonn. Und umgekehrt: Wenn Hausärzte eingebunden wurden, erzielten die meisten Sozialarbeiter bessere Ergebnisse.

Von Raimund SchmidRaimund Schmid Veröffentlicht:
Sozialarbeiter bringt eine ältere Person mit einem Rollator zu einer Ärztin.

Die Geriatrie zählt zu den ärztlichen Berührungspunkten zur sozialen Arbeit. So könnte es aussehen, wenn ein Sozialarbeiter einen hochbetagten Patienten zum Arzt bringt.

© Aleksei Naumov / Getty Images / iStock

Bonn. In Deutschland gibt es zu wenig bekannte und etablierte Verbindungen zwischen Hausarztmedizin und Sozialarbeit. Dabei sind die positiven Erfahrungen von Hausärzten mit Sozialarbeitern durchaus ermutigend. Diese Erkenntnisse resultieren aus Ergebnissen einer an Sozialarbeiter adressierten Frageborgenerhebung, die das Institut für Hausarztmedizin am Universitätsklinikum Bonn unter der Federführung von Professor Detmar Jobst durchgeführt hat.

Ausgehend von der Annahme des Forschungsdefizits in diesem Bereich und der Vermutung, dass Hausärzte für ihre Patienten die Ressource Sozialarbeit nicht ausreichend nutzen, wurde das Projekt „So how? – Sozialarbeit und Hausarztmedizin zusammen – aber wie?“ genannt. Die Ergebnisse wurden nun in der Zeitschrift für Allgemeinmedizin (ZFA, 2021; 97 (4); 150-153) veröffentlicht.

Der Online-Fragebogen war an acht Träger der Sozialarbeit und der Wohlfahrt im Raum Bonn übermittelt worden. Am Ende konnten 80 vollständig ausgefüllte Antworten von Sozialarbeitern (davon 75 Prozent weiblich) zu 22 Fragen ausgewertet werden – Mehrfachnennungen waren möglich. Die Frage nach den Kontakthäufigkeiten zu Allgemeinärzten wurde dabei 568-mal beantwortet, davon 290-mal positiv und 278-mal negativ: Das bedeutet, dass immerhin 48,9 Prozent der Sozialarbeiter noch nie einen Kontakt zu einem Arzt hatten. Bei 71 Nennungen wurden explizit Hausärzte-Kontakte genannt. Diese fanden allerdings nur bei 29,6 Prozent der Hausärzte sehr häufig (nahezu täglich), häufig (etwa wöchentlich) oder regelmäßig (2- bis 4-mal monatlich) statt.

Fehlende Erreichbarkeit als größte Barriere

Ärztliche Berührungspunkte zur sozialen Arbeit bestehen laut Studie insbesondere zur Suchtmedizin, der Psychiatrie, der Palliativmedizin, der Geriatrie sowie zu Medizinern, die im Bereich Migration und Flucht aktiv oder für stationäre Krankenhausaufenthalte von Patienten zuständig sind. Zu HNO- und Augenärzten hatten die Sozialarbeiter am seltensten Kontakte (2,8 Prozent). Zu den Kontaktgründen gehörten die Drogen- und Suchthilfe, Migration und interkulturelle Arbeit, Wohnen und Obdach, Kinder- und Jugendhilfe, häusliche Gewalt aber auch Schulden.

Atteste, Fragen zu Therapiemöglichkeiten oder die häusliche Versorgung waren Anliegen, die von den Sozialarbeitern am häufigsten bei den Ärzten vorgebracht wurden. Als größte Barriere für eine intensivere Zusammenarbeit mit den Allgemeinärzten nannten die befragten Sozialarbeiter überwiegend deren fehlende Erreichbarkeit (73 Prozent). Dabei sprechen sich die Sozialarbeiter ausdrücklich für eine (eher) intensivere Zusammenarbeit mit Ärzten aus. Nicht ohne Grund: Denn mehr als die Hälfte der Befragten (57 Prozent) gaben an, dass durch das Hinzuziehen von Hausärzten die Ergebnisse ihrer Tätigkeit verbessert worden sind.

Daher wünschen sich die Sozialarbeiter in Zukunft einerseits institutionalisierte Ansprechpersonen für ihre Anliegen und andererseits eine telefonische Clearingstelle oder Internet-Plattform der lokalen Sozialarbeit. Darüber ließe sich bei sozialen Problemen auch leichter gezielte zusätzliche Unterstützung von Ärzten einholen, so die Konsequenz aus der Studie.

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