Interview mit Prof. Jörg Debatin

Digitalisierung: „Das Erlebnis wird die Diskussion prägen“

Die Telemedizin erlebt in Corona-Zeiten einen rasanten Aufschwung. Was aber bleibt und was fehlt? Darüber spricht Professor Jörg Debatin, Leiter des health innovation hub, im Interview.

Von Margarethe Urbanek Veröffentlicht: 07.06.2020, 17:46 Uhr
Digitalisierung: „Das Erlebnis wird die Diskussion prägen“

© Jan Pauls Fotografie

Prof. Jörg Debatin

  • Leiter des health innovation hub (hih) des Bundesministeriums für Gesundheit in Berlin
  • Als Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorft trug der Radiologe zu dessen konsequenter Digitalisierung bei.

Ärzte Zeitung: Herr Professor Debatin, es scheint, als hätte die Corona-Pandemie die „Medizin der Zukunft“ stellenweise schnell zur Gegenwart werden lassen?

Jörg Debatin: Was digitale Anwendungen in der Medizin angeht, haben wir wirklich in sehr kurzer Zeit sehr viel an Erfahrung sammeln können. Die Menschen erleben gerade die Vorteile digitaler Unterstützungs-Tools. Ich denke, viel davon wird bleiben, insbesondere die Videosprechstunden als Möglichkeit mit dem Arzt zu interagieren, ohne dorthin fahren zu müssen.

An der Videosprechstunde ist zuletzt auch viel Kritik geübt worden. Die Freie Ärzteschaft kritisiert etwa, man könne bei Telemedizin nicht von Behandlung sprechen, sondern nur noch von Beratung.

Debatin: Wenn wir uns die Zahlen anschauen, muss man feststellen, dass vor drei Monaten etwa 1500 Ärzte auf Portalen an die Videosprechstunden angeschlossen waren und diese Dienstleistung ihren Patienten angeboten haben. Heute sind es weit über 100.000 niedergelassene Ärzte, die Videosprechstunden anbieten. Ganz wichtig bei allem, was wir in Sachen Digitalisierung und Medizin besprechen und umsetzen ist, dass es keine Lösung für alle Probleme und alle Patienten gibt. Es gibt medizinische Indikationen, bei denen der Arzt direkt mit dem Patienten interagieren muss.

Es gibt aber auch eine ganze Reihe von Interaktionen, die man durch Videosprechstunde gut ersetzen kann. Ich denke dabei unter anderem an Routineuntersuchungen bei Chronikern, Rezeptverlängerungen oder viele andere Dinge, bei denen es darum geht, ein Kontinuum aufrechtzuerhalten. Natürlich hat das Arztgespräch viel mit Beratung zu tun. Gerade sie kann man mit der Telemedizin gut abfedern. Niemand fordert die Streichung des Arztbesuches.

Sind Diskussionen um die Digitalisierung in der Medizin zuletzt auf der Strecke geblieben?

Debatin: Corona war und ist eine Art Katalysator für die Lösungen, über die schon lange vorher diskutiert wurde, wie beispielsweise Standards bei Datenformaten. Dass diese nun etabliert werden konnten, ist eine nachhaltige Verbesserung der gesamten Gesundheitsversorgung. Wir hätten uns alle gewünscht, das E-Rezept wäre schon da.

Leider sind wir noch nicht so weit, aber wir arbeiten daran und Mitte nächsten Jahres wird die gematik die App für das eRezept zur Verfügung stellen. Wir können nur die Instrumente einführen, die technisch reif und wofür die Grundlagen geschaffen sind. Die Grundlagen beinhalten selbstverständlich intensive Diskussion und die Berücksichtigung des Datenschutzes.

Welche Lehren ziehen Sie aus der Corona-Pandemie?

Debatin: Bezüglich der digitalen Medizin hat sich bestätigt, dass wir wegkommen müssen von einer isolierten Diskussion über theoretische Gefahren hin zu einer realen Diskussion über den möglichen Nutzen. Gefahren kann man theoretisch ganz gut abklopfen, den Nutzen aber müssen die Menschen und auch die Behandelnden in der Gesundheitsversorgung erleben.

Dieses Erleben wird gerade vielen Menschen zuteil. Sie sehen, dass sich das, was sie aus dem normalen Leben kennen, in gewissen Teilen auch auf die Medizin übertragen lässt. Das ist kein Ersatz, sondern ein Zusatzangebot, das die Kommunikation zwischen Patienten und Leistungserbringern, wie aber auch unter den Leistungserbringern in der Medizin vereinfacht. Insofern sollten wir unter Berücksichtigung unserer gesellschaftlichen Werte digitale Wege öffnen.

Wenn die Menschen erleben, dass die Digitalisierung in der Medizin angenehm und praktisch ist, dass sie effizienter ist, Zeit spart und ganz nebenbei dabei hilft, schneller gesund zu werden oder die Gesundheit besser zu erhalten, dann gehört das für mich in das Gesamtspektrum der medizinischen Versorgung in Deutschland dazu. Dieses Erleben wird die Diskussion in den nächsten Monaten und Jahren prägen, sodass es aus meiner Sicht viel leichter wird, die Abwägung zwischen Nutzen und Gefahren bewusst zu machen.

Welche Projekte verfolgt das health innovation hub aktuell?

Debatin: Ganz allgemein geht es uns um alle Aspekte der Digitalisierung in der Medizin. Im Vordergrund stehen zum einen die Digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGAs) auf Rezept. Da wurde mit der Veröffentlichung der Verordnung für die DiGAs ein wichtiger Meilenstein erreicht.

Seit kurzem ist es möglich, beim BfArM Anträge auf Erstattungen der Apps auf Rezept einzureichen. Wir sind gespannt, wann die erste App auf Rezept verschrieben werden kann.

Das zweite ist die elektronische Patientenakte, von der wir uns gewünscht hätten, dass sie schon jetzt verfügbar gewesen wäre. Dann hätten wir uns sehr viel Dokumentationsaufwand bei Corona-infizierten Patienten ersparen können. Auch das eRezept wäre dann schon verfügbar gewesen. Die ePA kommt aber erst zum 01. Januar 2021, das eRezept folgt Mitte des Jahres 2021.

Wir beschäftigen uns mit Fragen, wie das Ganze ausgestaltet werden kann, sodass es ein Maximum an Nutzen entfaltet. Aber natürlich wird unsere Arbeit noch überlagert durch Corona. Einer unserer Schwerpunkte ist es, Standards zu entwickeln, damit die vielen digitalen Daten, die gerade entstehen, nicht verloren gehen. Wir wollen die Interoperabilität der Datenströme gewährleisten, damit keine Dateninseln entstehen, sondern verschiedene Apps miteinander kommunizieren können und die Daten, sofern von Patienten gewünscht, in die elektronische Patientenakte aufgenommen werden können.

Hören Sie das gesamte Interview im Podcast
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