Arbeitswelt

Herkulesaufgabe Depression

Die Depressionsgefahr bei Arbeitnehmern wird in deutschen Firmen immer noch unterschätzt - obwohl die Fehlzeiten stark zunehmen, heißt es anlässlich des 12. Europäischen Depressionstags. Die Betriebsärzte sind gefordert, stehen aber oftmals vor einer nicht zu lösenden Aufgabe.

Von Matthias WallenfelsMatthias Wallenfels Veröffentlicht:

NEU-ISENBURG. Führungskräfte in deutschen Unternehmen sind aus Sicht der Arbeitsmediziner noch nicht ausreichend sensibilisiert für das Gefährdungspotenzial, das psychische Erkrankungen von Mitarbeitern bergen - auch volkswirtschaftlich.

Nicht immer werde zum Beispiel eine Depression bei einem Mitarbeiter rechtzeitig erkannt, wie die Betriebsärztin Dr. Anette Wahl-Wachendorf auf Anfrage der "Ärzte Zeitung" erläutert hat.

"Die frühzeitige Diagnose Depression und die sofortige Zuführung zur Behandlung sind essenziell", so die Vizepräsidentin des Verbandes Deutscher Betriebs- und Werksärzte (VDBW).

Hier wiesen aber - ausbildungsbedingt - selbst Arbeitsmediziner noch Defizite auf, wie sie eingesteht.

Europäischer Depressionstag

Eine breite öffentliche Aufmerksamkeit wird die psychische Gesundheit am Arbeitsplatz am 1. Oktober erfahren, dem inzwischen zwölften Europäischen Depressionstag.

Die ausrichtende European Depression Association (EDA), eine Allianz aus Forschern, Patienten, medizinischen Fachkräften sowie Organisationen aus 17 europäischen Ländern, setzt sich seit 2004 dafür ein, das Bewusstsein der Bevölkerung für die Volkskrankheit Depression zu stärken.

Anlässlich des zehnten Europäischen Depressionstages vor zwei Jahren wies die EDA auf die IDEA-Studie (Impact of depression at work in Europe Audit) hin, für die mehr als 7000 Angestellte und Manager in sieben europäischen Ländern zum Thema Depression am Arbeitsplatz befragt worden waren.

Demnach war bei 20 Prozent - und damit jedem Fünften - der befragten Arbeitnehmer bereits einmal die Diagnose Depression gestellt worden.

Auf Deutschland bezogen, legte die Techniker Krankenkasse (TK) mit ihrem Depressionsatlas Anfang des Jahres harte Zahlen zur Arbeitsunfähigkeit (AU) vor: Von den insgesamt für 2013 im Schnitt je Arbeitnehmer ausgewiesenen 14,66 AU-Tagen waren allein 0,92 einer Depression geschuldet.

Deutlich mehr depressionsbedingte AU-Tage

Für die Berechnung wertete die TK die Echtdaten ihrer damals 4,14 Millionen versicherten Erwerbspersonen aus - 13,7 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland.

Berücksichtigt wurden dabei die Fehlzeiten ausschließlich basierend auf den ICD-10-Codes F32 (Depressive Episode) und F33 (Rezidivierende depressive Störung).

Der Depressionsatlas zeigte so, dass sich bei den depressionsbedingten AU-Tagen ausgehend von 0,56 im Jahr 2000 binnen 14 Jahren eine Steigerung um zwei Drittel auf 0,92 Tage ergeben hat. Wie die TK betont, verursachten Depressionen 2013 aufgrund der langen Dauer je Fall von 64 Tagen 7,1 Prozent aller erfassten Fehltage.

Insgesamt stehen mit 40 Millionen AU-Tagen psychische Erkrankungen nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) auf Platz zwei bei den Krankschreibungen in Deutschland.

Veranschlagt man pro Fehltag 2013 durchschnittliche Arbeitnehmerentgelte in Höhe von 103,59 Euro, ergeben sich laut TK nach Hochrechnung der eigenen Ergebnisse auf alle Arbeitnehmer in Deutschland für 2013 depressionsbedingte Produktionsausfallkosten in Höhe von rund vier Milliarden Euro.

"Depressionen sind nicht nur für die Patienten und ihr persönliches Umfeld langwierig, sondern auch für die Unternehmen und durch den hohen medizinischen Versorgungsbedarf und den meist damit einhergehenden Krankengeldbezug auch für Krankenkassen ein Thema", so TK-Chef Dr. Jens Baas.

Schulterschluss mit Arbeitgebern

Paragraf 5 Arbeitsschutzgesetz verpflichtet die Unternehmen, im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung am Arbeitsplatz auch die psychischen Belastungen zu erfassen.

Dieser Verpflichtung kommen zumindest die großen und mittleren Unternehmen nach Ansicht von Betriebsärztin Wahl-Wachendorf immer stärker nach. 2012 kam es zum Schulterschluss des VDBW mit der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA).

"Psychische Gesundheit ist eine unverzichtbare Grundlage, um im modernen Arbeitsleben zu bestehen und sich fachlich und persönlich entwickeln zu können", heißt es in einer gemeinsamen Erklärung zur Bedeutung der psychischen Gesundheit im Betrieb.

Die Verbände weisen in der Erklärung explizit auf den Handlungsbedarf hin: "Die von den Krankenkassen berichtete Zunahme an psychischen Diagnosen und die damit verbundenen Fehlzeiten der Beschäftigten stellen auch die Unternehmen und Betriebsärzte vor neue Herausforderungen."

Für manche Firmen - besonders kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) - stelle die arbeitsmedizinische und speziell psychische Vorsorge bei der Belegschaft oftmals eine nicht zu lösende Aufgabe dar, vor allem in strukturschwachen Gebieten, warnt Wahl-Wachendorf.

"Hier muss politisch über Konzepte nachgedacht werden - zum Beispiel über die Delegation ärztlicher Leistungen", fordert sie. Offen zeigt sie sich für die Einbindung anderer Professionen bei der arbeitsmedizinischen Betreuung der KMU, "wobei die Dienstleistungen immer unter der Obhut des Arbeitsmediziners erfolgen müssen."

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