Bündnis Junger Ärzte

KI darf kein Selbstläufer sein

Künstliche Intelligenz – Chance oder Risiko für die Versorgung? Die Jungen Ärzte haben eine sehr offene Debatte über Empathie und Effizienzsteigerung in Zeiten der Digitalisierung angestoßen.

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Der Kompass zeigt es an: Die Digitalisierung gibt die Richtung vor.

Der Kompass zeigt es an: Die Digitalisierung gibt die Richtung vor.

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BERLIN. „In der Digitalisierung – und vor allem der künstlichen Intelligenz – sehe ich die Chance, einen kleinen Assistenten zu bekommen, der vielleicht Befunde grob vorsortieren kann.“

So wie Cornelius Weiß, stellvertretender Sprecher des Jungen Forums im Berufsverband Deutscher Internisten (BDI), nehmen viele junge Ärzte künstliche Intelligenz (KI) eher als Chance, denn als Konkurrenz in der Versorgung wahr.

Nichtsdestotrotz weiß die nächste Ärztegeneration, dass der digitale Wandel, der sich gerade in der Medizin vollzieht, ärztlich begleitet und gesellschaftlich diskutiert werden sollte.

Große Chance

Ein Prozess, an dem sie sich aktiv beteiligen wollen. Den Auftakt machten die jungen Ärzte beim SpiFa-Fachärztetag in Berlin: Sie hatten zum offenen Dialog über Chancen und Grenzen der KI geladen.

Die große Chance sehen sie vor allem darin, wieder mehr Zeit für die Patienten zu haben. Plus minus die Hälfte der Zeit der Weiterbildungsassistenten gehe dafür drauf, Dinge zu dokumentieren, berichtete Max Tischler, Vorstandsmitglied im Deutschen Facharztverband (DFV).

Allein eine KI-gestützte Spracherkennung könnte da schon Entlastung bringen, ist er sich sicher. Anderen jungen Ärzten schweben aber auch smarte Systeme vor, die die Triage der Patienten in den richtigen Versorgungssektor übernehmen könnten und damit die Notfallmedizin entlasten.

In manchen Bereichen – insbesondere der Diagnostik – könne KI auch besser als der Arzt sein, warf Constanze Czimmeck vom Bundesverband der Medizinstudierenden (bvmd) ein. „Hier müssen wir uns auch die Frage stellen, ob es als Arzt nicht verwerflich ist, KI dann nicht zu nutzen.“

Ärzte kein Hemmschuh bei Digitalisierung

Allerdings bedeuten allein digitalisierte Daten noch nicht, dass alles schneller und besser geht. „Unsere Klinik ist digital, unser Klinikträger wirbt sogar damit“, berichtete BDI-Vorstandsmitglied Prof. Michael Denkinger.

Und trotzdem reiche das Geld nicht, um letztlich die Daten auch etwa für Auswertungen, von denen die KI lebt, zu nutzen. Die Daten seien zum Teil nur abfotografiert worden, liegen also nicht als strukturiert nutzbare Information vor. Kein Einzelfall.

„In der Öffentlichkeit wird immer so getan, als sei die Ärzteschaft der Hemmschuh bei der Digitalisierung“, ärgerte sich Dr. Kevin Schulte, Sprecher des Bündnisses Junger Ärzte (BJÄ) und außerordentliches Vorstandsmitglied im BDI.

Die Wahrheit sei jedoch, dass aufgrund unzureichender Hardware, veralteter IT-Systeme und oft auch wegen fehlender schneller Internetleitungen die Potenziale der Technik als Arzt-entlastender Helfer gar nicht ausgeschöpft werden könnten.

Er schicke manchem niedergelassenen Kollegen aus der Klinik heraus keine Behandlungsdaten, weil der Datentransfer zu langsam sei. Schulte: „Das könnte seit zehn Jahren anders sein.“

In einem Positionspapier zur KI fordert das BJÄ daher die Politik auf, ihrer Investitionspflicht nachzukommen, „damit schon längst mögliche Innovationen in den klinischen Alltag Einzug nehmen können.“

"Freie Arztzeit wird häufig wegrationalisiert"

Was künstliche Intelligenz allerdings auch künftig nicht leisten können wird, ist dem Patienten Zuwendung und Empathie zu schenken, stellte Dr. Matthias Raspe, Sprecher der Jungen Internisten der DGIM klar. „Den persönlichen Arzt-Patienten-Kontakt kann KI nicht ersetzen, dafür ist sie auch nicht da.“

Die Ärzteschaft müsse daher gemeinsam darauf achten, dass die emotionale Dimension von Krankheit auch künftig nicht unter den Tisch falle.

Das BJÄ besteht daher darauf, dass nur solche digitalen Anwendungen den Weg in die Versorgung finden, die der Versorgungssicherung und -qualität der Patienten dienen. Medizinische Entscheidungen müssten weiterhin zwischen Arzt und Patient getroffen werden und transparent sein.

Es gibt aber noch eine Gefahr: „Ein großes Problem ist, dass freie Arztzeit häufig wegrationalisiert wird“, sagte Thüringens Ärztekammerpräsidentin Dr. Ellen Lundershausen. Die Kostenträger würden alles einsammeln, was die Ärzte sich an Freiräumen erarbeiteten, bestätigten andere Kollegen.

Ganz einfach, indem sie dann wiederum die Schlagzahl in den Kliniken oder Praxen erhöhten. Auch hier müssten Politik und Gesellschaft den Rahmen für die künftige Versorgung festlegen. (reh)

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