Interview mit Gilead-Deutschland-Chef Frerichs

„Mit der CAR-T-Zelltherapie bricht ein neues Zeitalter an“

Welche neuen Herausforderungen entstehen mit der CAR-T-Zelltherapie? Dennis Frerichs, Deutschland-Chef von Gilead, sieht hier große Chancen für Patienten, denen keine Therapie mehr hilft.

Von Wolfgang van den BerghWolfgang van den Bergh Veröffentlicht:
Dennis Frerichs (re.), Deutschland-Chef von Gilead, im Gespräch mit Wolfgang van den Bergh. Matthias Schrader

Dennis Frerichs (re.), Deutschland-Chef von Gilead, im Gespräch mit Wolfgang van den Bergh. Matthias Schrader

© Matthias Schrader

Ärzte Zeitung: Herr Frerichs, es heißt, die CAR-T-Zelltherapie werde die Onkologie revolutionieren. Im letzten Interview mit der „Ärzte Zeitung“ war bei Gilead die Rede von einer „bahnbrechenden Krebstherapie“. Yescarta® ist zugelassen. Was ist das Bahnbrechende an dieser Therapie?

Dennis Frerichs: Mit der CAR-T-Zelltherapie bricht ein neues Zeitalter an. Wir sind jetzt in der Lage, körpereigene T-Zellen des Patienten so zu modifizieren, dass sie Krebszellen erkennen und eliminieren können. Das ist wirklich bahnbrechend!

Dennis Frerichs

  • Aktuelle Position: seit Juli 2018 General Manager der deutschen Niederlassung von Gilead Sciences in Martinsried bei München
  • Karriere: März 2016 – Juni 2018 General Manager Gilead Sciences Netherlands B.V., davor in leitenden Funktionen (national und international) in der Pharmaindustrie, u. a. bei AstraZeneca
  • Privates: Frerichs ist Vater eines Sohnes und lebt mit seiner Familie in Amsterdam

Was bedeutet das für Patienten, die diese besonders aggressive Form des Non-Hodgkin-Lymphoms vom B-Zell-Typ haben?

Frerichs: Diese Patienten haben am Ende ihrer Therapie keine weitere Option mehr. Die mediane Gesamtüberlebenszeit liegt bei etwa sechs Monaten, 50 Prozent der Patienten sind dann bereits gestorben. Die aktuellen Daten, die wir mit Yescarta® haben, zeigen jedoch, dass nach 15 Monaten noch 56 Prozent dieser Patienten am Leben sind. Das heißt, wir haben die gesamtmediane Überlebenszeit noch nicht erreicht. Wir sind sehr neugierig, was uns neue Daten zeigen, die im Dezember beim ASH vorgestellt werden.

Ist denn jeder Patient mit dieser aggressiven Form für die Therapie geeignet?

Frerichs: Wir müssen hier noch Erfahrungen sammeln. Es liegt in den Händen der Behandler, zu entscheiden, wer für die Therapie in Frage kommt.

Professor Michael Hallek, Geschäftsführender Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Hämato- und Onkologie (DGHO), hat kürzlich gefordert, dass bei den infrage kommenden Patienten zuvor die üblichen Therapien angewendet werden sollten. Teilen Sie seine Auffassung?

Frerichs: Wir stehen ja noch am Anfang und leisten Pionierarbeit. Insofern bleibt es auch der Fachwelt überlassen, die unterschiedlichen Optionen zu diskutieren. Fakt ist: Diese Patienten haben bereits so viel durchgemacht, sie sind in einem schwierigen Zustand, so dass es immer wieder Einzelfall-Entscheidungen geben wird.

Was sagen Sie zu dem Thema Nebenwirkungen, die auftreten können?

Frerichs: Es gibt insbesondere zwei Nebenwirkungen, die beschrieben werden: das Zytokinfreisetzungssyndrom und die Neurotoxizität. Das wird für die interdisziplinären Ärzte- und Pflegeteams in den Zentren eine Herausforderung sein, die Nebenwirkungen in den Griff zu bekommen. Ich bin davon überzeugt, dass wir hier besser werden, aber es braucht die Erfahrung. Am Ende überwiegt der Therapieerfolg für den Patienten.

Stichwort Zentren: Welches Anforderungsprofil müssen diese erfüllen?

Frerichs: Zunächst einmal müssen es Einrichtungen sein, die Erfahrungen mit solchen Patienten haben. Es gibt Anforderungen an Qualität und Schulungen. Voraussetzung sind die interdisziplinären Teams. Und die Zentren müssen bereit sein, ein etwa halbjähriges strenges Zertifizierungsverfahren zu durchlaufen.

Brauchen die Teams spezielle Schulungen?

Frerichs: Das ist Teil des Zertifizierungsverfahrens, das uns von den Zulassungsbehörden auferlegt worden ist.

Ist der Druck jetzt nicht enorm hoch, dass Patienten sehr schnell von diesem neuen Therapieverfahren profitieren wollen. Dafür dauert die Zertifizierung recht lange. . .

Frerichs: . . .ja, das ist verständlich und richtig. Nichtsdestotrotz stehen Sicherheit und Therapieerfolg absolut im Vordergrund. Wie gesagt: Wir stehen hier am Anfang – das ist Pionierarbeit.

Gibt es bereits zertifizierte Zentren?

Frerichs: In Heidelberg gibt es das erste Zentrum, das das Zertifizierungsverfahren komplett durchlaufen hat. Wir hoffen, dass wir Ende des Jahrs elf Zentren zertifiziert haben. Ende des nächsten Jahres sollen es dann insgesamt 22 Zentren in Deutschland sein. Zu Evaluationszwecken wird es parallel ein Register geben, in dem wir die Daten sammeln.

Bei neuartigen, sehr präzisen Behandlungsmethoden haben wir gelernt, dass der Preis dafür sehr hoch ist. Müssen Sie nicht befürchten, dass die CAR-T-Zelltherapie das GKV-System überfordert?

Frerichs: Ich bin der Meinung, dass die CAR-T-Zelltherapie in das GKV-System passt. Einerseits bringen die Therapien einen enormen Wert, wie deutlich verlängerte Lebenszeit oder möglicherweise sogar Heilung. Andererseits sind die Produktionsprozesse noch unglaublich aufwendig. Im Moment dauert es etwa vier Wochen, die T-Zellen entsprechend vorzubereiten. Das erfolgt noch in den USA. Hinzu kommt, dass wir über zwei eher seltene Indikationen reden. Wir schätzen, dass etwa 800 Patienten pro Jahr in Frage kommen.

Was kostet die Therapie?

Frerichs: Die Kosten belaufen sich aktuell auf etwa 327 000 Euro. Für uns ist es wichtig, dass die Patienten möglichst schnell Zugang zu diesen neuen Therapien bekommen. Daher reden wir schon jetzt mit den gesetzlichen Kassen, um die Genehmigungsprozesse dann zu beschleunigen.

Wären denn alternative Erstattungssysteme für Sie vorstellbar – etwa Risk-Share-Verträge mit Kassen?

Frerichs: Wir sind immer bereit, über alternative Erstattungsmodelle zu sprechen. Das ist übrigens nicht nur auf den Bereich der CAR-T-Zelltherapie beschränkt. Yescarta® durchläuft jetzt den AMNOG-Prozess, vielleicht bietet das Verfahren eine gute Option, sich über solche Modelle auszutauschen. Aber: Es wird sicherlich schwierig sein, sich auf eine Definition von „Erfolg“ zu einigen.

Zurück zu den Patientenzahlen. Macht es denn da nicht Sinn, die Produktionsstätte zur Aufbereitung der Zellen nach Europa zu verlegen?

Frerichs: Ja, wir richten den Fokus zum einen auf die Automatisierung des Produktionsprozesses. Zum anderen bauen wir eine Produktionsstätte in Amsterdam auf, die 2020 produktionsfähig sein wird.

Sie haben davon gesprochen, dass das AMNOG-Verfahren jetzt eröffnet wird. Was erwarten Sie?

Frerichs: Ich erwarte die Anerkennung dieser Sprung-Innovation im Bewertungsverfahren.

Wenn man so sehr auf die CAR-T-Zelltherapie fokussiert ist, was bedeutet das für das übrige Portfolio von Gilead? Werden Sie jetzt die Prioritäten verändern?

Frerichs: Unsere Mission ist es, Innovationen zu entwickeln, bei denen es einen hohen medizinischen Bedarf gibt. Insofern erweitert die CAR-T-Zelltherapie unserer Prioritäten – ob es die Heilung bei HIV oder in der Onkologie ist.

Ein Blick in die Zukunft: Welches Potenzial verbirgt sich hinter der CAR-T-Zelltherapie und mit welchen Aussichten für weitere Indikationen?

Frerichs: In der Fachwelt wird das Potenzial der CAR-T-Zelltherapie sehr spannend diskutiert. Wir forschen insbesondere in der Onkologie, es geht auch um den Bereich der soliden Tumore. Meine Prognose: Es kann durchaus sein, dass wir die CAR-T-Zelltherapie bald auch außerhalb der Onkologie als Therapieform erleben werden.

Gilead Sciences

  • Branche: Weltweit führendes Biotech-Unternehmen, gegründet 1987 in Foster City, Kalifornien. Gilead Sciences verfügt über ein breites Portfolio an innovativen Medikamenten vor allem zur Bekämpfung von HIV sowie Hepatitis C. Schwerpunkt der Forschung und Entwicklung sind außerdem Onkologie, Erkrankungen der Leber (NASH) und Entzündungserkrankungen. Das Gilead-Sciences-Unternehmen Kite hat im August 2018 die Zulassung für die neue bahnbrechende, individualisierte Krebs-Immuntherapie (CAR-T) erhalten.
  • Umsatz 2017: weltweit 26 Mrd. US-Dollar
  • F&E-Aufwendungen 2017: rund 3 Mrd. US-Dollar
  • Mitarbeiter: in Deutschland 170, weltweit 9000
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