Corona-Pandemie

Roche geht bei Antigentests kräftig aufs Gaspedal

Medikamente und Diagnostika gegen die Coronavirus-Pandemie haben für Roche höchste Priorität. Bei Arzneimitteln gibt es mehrere Kandidaten, bei Antigentests geht es darum, die Kapazitäten hochzufahren.

Von Hauke GerlofHauke Gerlof Veröffentlicht:
Der Roche-Standort Mannheim aus der Luft: Das Unternehmen entwickelt sowohl SARS-CoV-2-Tests als auch Wirkstoffe gegen COVID-19.

Der Roche-Standort Mannheim aus der Luft: Das Unternehmen entwickelt sowohl SARS-CoV-2-Tests als auch Wirkstoffe gegen COVID-19.

© Roche Diagnostics

Basel. Das Pharma- und Diagnostika-Unternehmen Roche arbeitet unter Hochdruck daran, die Produktion von Antigentests auf SARS-CoV-2 auszubauen.

„Roche ist derzeit bei einem Produktionsvolumen von 40 Millionen Tests im Monat. Wir sind jetzt dabei, das zu verdoppeln und werden das dann weiter massiv steigern“, sagte Dr. Severin Schwan, CEO der Roche Gruppe, in einer virtuellen Pressekonferenz des Unternehmens.

Auch die Konkurrenten fahren nach Schwans Einschätzung die Produktion massiv hoch, so dass bald weltweit jeden Monat Hunderte Millionen Antigentests verfügbar sein würden. Derzeit sei der Markt für Antigentests vollkommen leer gekauft, daher sei jetzt auch noch nicht der Zeitpunkt gekommen, die Tests bei Großveranstaltungen einzusetzen.

Die Tests müssten vielmehr zunächst prioritär für symptomatische Patienten und in der medizinischen Versorgung eingesetzt werden, dann zum Erhalt einer offenen Gesellschaft und einer funktionierenden Wirtschaft, also zum Beispiel zum Schutz vulnerabler Gruppen, etwa in Alten- und Pflegeheimen, und dann, um Menschen, die wissen wollen, ob sie infiziert sind, persönliche Gewissheit zu verschaffen.

Bald Antigentests mit Speichel?

Die Entwicklung ist bei den Antigentests laut Schwan noch nicht am Ende: Zum einen will Roche verstärkt auf Antigentests gehen, die nicht am Point of Care binnen 15 Minuten Ergebnisse liefern, sondern eingeschickt werden. Diese könnten dann ohne Kapazitätsengpässe über die Hochdurchsatzplattformen analysiert werden.

Zum anderen arbeitet Roche an der Entwicklung eines Speichel-Antigentests auf SARS-CoV-2. Hier sei die geringere Viruslast in den Proben wegen der bisher deutlich niedrigeren Sensitivität der Antigentests das Problem. Außerdem müsse noch eine andere Pufferlösung entwickelt werden.

„Bei genügender Sensitivität wäre das der Moment, wo Sie das beim Fußballspiel in ganz großem Maßstab machen können. Heute brauchen Sie für den Abstrich ja noch medizinisches Personal“, so das Szenario des Konzernchefs.

Engpässe bei Probenaufbereitung

Goldstandard für die Testung bleibe der PCR-Test, der eineindeutige Ergebnis liefere – schon bei geringer Viruslast in der Probe. Weltweit könne die Industrie allerdings nicht mehr als Stückzahlen im zweistelligen Millionenbereich produzieren, „leider“, so Schwan. Schon jetzt sei die Kapazität an PCR-Tests auf SARS-CoV-2 „höher als zuvor die für alle PCR-Tests auf andere Viren zusammen“.

Echte Engpässe gebe es unter anderem in der Probenaufbereitung, die bei PCR-Tests sehr komplex sei und verschiedene Reagenzien benötige. Auch bei bestimmten Verbrauchsmaterialien in den Hochdurchsatzplattformen gebe es einen Flaschenhals. Zudem sei das Fachpersonal nicht unbegrenzt einsetzbar. In Deutschland habe die Testkapazität auch deshalb so stark hochgefahren werden können, weil der Automatisierungsgrad im Labor so hoch ist.

Aber nicht nur in der Diagnostik arbeitet Roche an Lösungen für die Corona-Pandemie. „Wir hoffen alle, dass sich die Situation irgendwann mit einem Impfstoff grundsätzlich ändern wird. Aber wir müssen gleichzeitig schauen, wo wir einen Beitrag leisten können“, sagte Schwan. Auch in der Medikamenten-Pipeline haben die Baseler einige Entwicklungen. Schwan berichtete von drei Projekten mit Potenzial:

  • Tocilizumab (Actemra): Der bereits als Wirkstoff gegen RA etablierte Antikörper sei bisher in zwei Studien bei COVID-19 getestet worden. In der ersten Studie habe es keinen signifikanten Vorteil gegeben, in der zweiten sei die Wahrscheinlichkeit, dass der Patient ans Beatmungsgerät kommt, um 44 Prozent geringer gewesen. Bei schwer kranken Patienten sei es eine zusätzliche Therapieoption für die Ärzte. Weitere Studien liefen, auch in Kombination mit Remdesivir.
  • Antikörper-Cocktails: Auf diesem Feld arbeitet Roche als größter Hersteller von Antikörpern mit Regeneron zusammen. Die Zwischenergebnisse zu dem Vorhaben seien vielversprechend. Es sei jetzt die Frage, ob die USA eine Emergency-Zulassung genehmigen werden. Es gebe allerdings ein einschränkendes Element: Für den Cocktail brauche man enorme Mengen der Antikörper, „das liegt im Grammbereich“, berichtete Schwan. Da könnten die weltweiten Kapazitäten für die Antikörperproduktion schnell erreicht sein.
  • Kooperation mit Atea: In Zusammenarbeit mit dem US-Start-up Atea werde ein antiviraler Wirkstoff entwickelt, der direkt das Virus angreife, ähnlich wie Tamiflu beim Grippevirus. Der Vorteil dieses Kandidaten sei, dass er oral gegeben werden könne und damit auch im breiten Maßstab, ohne den Aufbau von Infrastruktur einsetzbar sei. Erste Studienergebnisse würden nächstes Jahr erwartet.

Zu möglichen Preisen, die Roche im Erfolgsfall für seine COVID-19-Medikamente aufrufen würde, nahm Schwan ebenfalls Stellung. Zum einen werde der Preis nach Kaufkraft in den Ländern differenziert, zum anderen gehe es auch darum, ob sich ein Gesundheitssystem eine Therapie leisten könne.

Das müsse ein Hersteller immer im Blick haben, gerade wenn große Bevölkerungsgruppen für ein Medikament in Frage kämen – zum Beispiel, falls das oral zu gebende antivirale Präparat aus der Kooperation mit Atea ein Erfolg werde.

Der CEO der Roche-Gruppe lobte im Gespräch mit der Presse auch die gute Zusammenarbeit mit den Behörden, auch in der Diagnostik. Die Behörden seien im rollierenden Verfahren praktisch auf demselben Wissensstand wie die Unternehmen und reagierten dann extrem schnell. Schwan: „Das eröffnet neue Möglichkeiten für die Zukunft, wenn es um andere lebensrettende Medikamente geht.“

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