Ramadan

So fasten chronisch Kranke ohne Folgen

Für muslimische Patienten und ihre Ärzte ist der Ramadan eine echte Herausforderung. Vor allem chronisch Kranke unterschätzen die gesundheitlichen Folgen der Fastenpflicht. Einer der weiß, wie man es schafft, die Patienten im Gespräch von einer weniger strengen Auslegung des Ramadan zu überzeugen, ist Hausarzt Dr. Erdogan Karatay.

Von Pete Smith Veröffentlicht:
Muslime beim Fastenbrechen nach Ende des Ramadans.

Muslime beim Fastenbrechen nach Ende des Ramadans.

© Mikhail Voskresenskiy / dpa / picture alliance

FRANKFURT/MAIN. Dürfen chronisch Kranke fasten? Kann man einen muslimischen Patienten während des Ramadan zur Blutentnahme einbestellen? Fallen Augentropfen unter das Fastengebot? Der Ramadan stellt Ärzte vor besondere Herausforderungen, zumal jene, deren Klientel sich überwiegend aus muslimischen Patienten zusammensetzt. Dr. Erdogan Karatay, Allgemeinarzt aus Frankfurt am Main, kennt die spezifischen Probleme während dieser Zeit.

Gemeinsam mit seinem syrischen Kollegen Aiman Akkad betreibt er seit 2011 eine Praxis in der Frankfurter Innenstadt. 90 Prozent seiner Patienten seien Muslime, versichert Karatay. Die meisten stammten wie er selbst aus der Türkei, andere aus Marokko, Tunesien oder Syrien.

Patienten kommen mit vielen Fragen

"Wenn der Ramadan in die Sommermonate fällt - dieses Jahr endet er am 5. Juli - haben es gläubige Muslime besonders schwer, da der Zeitraum zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, in dem sie nichts essen oder trinken dürfen, sehr viel größer ist als im Winter", erklärt der Arzt, der seit 1996 praktiziert.

Der Aufklärungsbedarf sei hoch, sowohl im Vorfeld des Ramadan als auch währenddessen. "Viele Patienten wollen wissen, was sie essen dürfen und was nicht, was sie bei der Medikamenteneinnahme beachten und ob sie diese umstellen müssen. Die weitaus häufigste Frage aber ist: Darf ich fasten?"

Der Ramadan ist der neunte Monat im islamischen Mondkalender. Neben den täglich fünf Gebeten, dem Glaubensbekenntnis, der Pilgerfahrt nach Mekka und dem Spenden von Almosen bildet die Fastenpflicht für Muslime eine der fünf Säulen ihrer Religion.

Der spirituellen Bedeutung entsprechend verzichten sie während des Ramadan tagsüber aufs Essen, Trinken und Rauchen, leben sexuell enthaltsam und achten besonders darauf, sich moralisch einwandfrei zu verhalten, weder zu lügen oder zu schimpfen noch andere zu beleidigen.

"Der Koran schreibt zwar vor, dass Muslime im Ramadan fasten müssen", erläutert Erdogan Karatay, "aber es gibt Ausnahmen. Reisende, Kinder, Alte, Schwangere und stillende Frauen sind davon befreit. Vor allem Kranke. Meiner Meinung nach sollten bestimmte Patienten gar nicht fasten: Diabetiker, Migräne-Patienten, Herzkranke oder Patienten mit Magenproblemen."

Bei Diabetikern drohten während des Fastenmonats unter bestimmten Umständen Hypoglykämien. "Manche bemerken die Gefahr zu spät, das kann dann lebensgefährlich werden", so Karatay. Migräne-Patienten könnten durch Wassermangel und Unterzuckerung Schmerzattacken bekommen, Patienten mit Gastritis oder Ulkus im Extremfall eine Magenblutung erleiden.

Andere seien darauf angewiesen, zu bestimmten Zeiten ihre Medikamente einzunehmen, etwa Patienten mit Herzinsuffizienz oder einer akuten Infektion.

"Es gibt Antibiotika, die man einmal am Tag nehmen kann", erläutert Karatay, "andere jedoch muss man alle sechs oder acht Stunden nehmen, was unter strenger Auslegung nicht möglich wäre."

Der Koran als Hilfsmittel

Viele muslimische Patienten, so seine Erfahrung, wollen unbedingt fasten. "Sie sagen, ich schaff das, ich will es probieren." Verbieten könne er es ihnen nicht. "Aber ich sage ihnen ausdrücklich: ‚Wenn Sie fasten, schaden Sie Ihrer Gesundheit, und der Koran verbietet es, seinem Körper Schaden zuzufügen.‘" Er habe zwar großen Respekt vor der Religion und dem Fastengebot. "Aber als Arzt muss ich meine Patienten aufklären und ihnen sagen, was passieren kann, wenn sie fasten." Da er selbst Muslim ist, hätten die meisten Patienten Vertrauen zu ihm und ließen sich überzeugen.

Karatay und sein Kollege beschäftigen zwei Arzthelferinnen, eine Buchhalterin und einen Azubi. Pro Quartal zählen sie 2000 Patienten. Da ist es wichtig, dass alle Hand in Hand arbeiten. Im Fastenmonat Ramadan müssen auch die Arzthelferinnen über die Besonderheiten Bescheid wissen.

"Beispielsweise dürfen sie während des Ramadan keine muslimischen Patienten zur Blutuntersuchung einbestellen, da man ihnen nicht zumuten kann, nüchtern in die Praxis zu kommen." Das Frühstück vor Sonnenaufgang heißt Sahur und stellt in der Regel die einzige Mahlzeit bis Sonnenuntergang dar.

Da im Ramadan sowohl die Laboruntersuchungen wie auch die Infusionen weitgehend entfallen, sei es derzeit in seiner Praxis ruhiger als sonst, so Karatay. Mitunter würden auch spezielle Fragen gestellt, beispielsweise ob im Ramadan Augentropfen erlaubt sind.

"Das halte ich für absurd", so der Allgemeinarzt. "Das ist ja nichts zum Genießen, das ist ein Medikament. Wenn ein Patient ein Glaukom hat, muss der doch regelmäßig seine Tropfen nehmen."

Vor vielen Jahren, damals praktizierte Karatay noch in Ostanatolien, habe er einmal mit einem Iman über solche Fragen gesprochen. "Der war relativ modern eingestellt und hat eingesehen, dass es Ausnahmen von der Fastenpflicht geben muss. Außerdem steht im Koran, dass man selbst denken muss und nicht nur tun darf, was andere einem sagen.

Das ist sehr einfach zu erklären." Bei allem Respekt vor der Religion, so Karatay, sei er in erster Linie Arzt. "Wenn Patienten meinen Rat nicht annehmen, kommen sie nach dem Ramadan in einem verschlechterten Gesundheitszustand in meine Praxis. Manche werden sogar als Notfall ins Krankenhaus eingeliefert. Das ist ganz sicher nicht im Sinn des Koran."

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