Gesundheits-Apps

Treiber für eine bessere Versorgung

Welche Potenziale für die Regelversorgung stecken in Gesundheits-Apps und Co? Die Bertelsmann Stiftung gibt in einer aktuellen Studie die Antwort. Und ruft die Akteure der Selbstverwaltung auf, mehr Engagement zu zeigen.

Von Rebekka HöhlRebekka Höhl Veröffentlicht:
Kurz die Herzfrequenz prüfen? Gesundheits-Apps können das Selbstmanagement der Patienten stärken, noch mangelt es aber an Evidenzdaten.

Kurz die Herzfrequenz prüfen? Gesundheits-Apps können das Selbstmanagement der Patienten stärken, noch mangelt es aber an Evidenzdaten.

© fotoinna / fotolia.com

NEU-ISENBURG. Über 400.000 Apps im Bereich Fitness-, Wellness- und Gesundheit beherbergen die App-Stores bereits. Im originären Gesundheitsbereich sind es ca. 100.000. Hinzu kommen unzählige Websites, die ebenfalls Gesundheitsanwendungen anbieten.

Die Bertelsmann Stiftung hat nun ein Klassifikationsverfahren für die Vielzahl der digitalen Gesundheitsanwendungen entwickelt - um Patienten und Medizinern eine bessere Orientierung zu geben.

Dabei zeigt sie in der zugehörigen Studie auch die Potenziale von Digital Health für die medizinische Versorgung auf und definiert die nötigen Hausaufgaben für die Selbstverwaltung.

Auf sieben Anwendungstypen für Bürger bzw. Patienten kommen die Forscher:

Stärkung der Gesundheitskompetenz: Hier erhalten Bürger Informationen zu Gesundheits- oder Krankheitsanliegen (z.B. Gesundheitsportale, Anbietervergleichsportale).

Analyse und Erkenntnis: Es werden punktuell gesundheitsbezogene Infos erfasst und ausgewertet (z.B. Symptom-Checker, Hörtests).

Indirekte Intervention - Förderung der Selbstwirksamkeit, Adhärenz und Sicherheit: Bei diesen Anwendungen werden gesundheitsbezogene Infos kontinuierliche erfasst und ausgewertet (z.B. digitale Chroniker-Tagebücher, Medikamenten-Reminder).

Direkte Intervention - Veränderung von Fähigkeiten, Verhalten und Zuständen: Prävention oder Therapie (z. B. Online-Kurse, Smartphones als Hörgeräte).

Dokumentation von Gesundheits- und Krankheitsgeschichte: Über die Anwendung werden Daten und Befunde gespeichert und verwaltet (z.B. elektronische Patientenakten).

Organisation und Verwaltung: Prozesse werden in die digitale Welt verlagert (z.B. Online-Geschäftsstellen, Terminvereinbarung).

Einkauf und Versorgung: Arzneien oder Medizinprodukte werden direkt über digitale Anwendungen bezogen (z.B. Online-Apotheken).

Für die Studie haben die Forscher nicht nur Literatur ausgewertet, sondern ihre Verfahren auch mit einer Stichprobe von 106 digitalen Anwendungen überprüft. Hierbei stießen sie auf eindeutige Trends: Die Digitalisierung vollzieht sich vor allem auf dem sogenannten zweiten Gesundheitsmarkt und damit außerhalb des von gesetzlichen und privaten Krankenversicherungen finanzierten Bereichs.

Treiber sind vor allem die Technologie-Unternehmen und der kulturelle Wandel, der das Smartphone zum alltäglichen Begleiter macht. Abgesehen von einzelnen Vorreitern stünden Ärzte, Kassen und andere Systemakteure der Entwicklung hingegen "orientierend bis skeptisch gegenüber".

Problematisch ist, dass es laut der Studie bislang kaum Austausch zwischen beiden Gesundheitsmärkten gebe. Dadurch finden auch nur selten Innovationen aus dem Bereich Digital Health ihren Weg in die Versorgung.

Mehr Patienten-Empowerment

"Digital-Health-Anwendungen haben das Potenzial, Patienten in ihrer Rolle zu stärken und die Versorgung besser zu machen", sagt Uwe Schwenk, Programmdirektor bei der Bertelsmann Stiftung. Insbesondere das Smartphone in der Hand des Patienten könnte zum entscheidenden Werkzeug für mehr Patienten-Empowerment werden. Eine höhere Ädhärenz verbessere wiederum die Versorgungsergebnisse.

Bislang gibt es laut Schwenk jedoch "kaum Evidenz zur Relevanz und zum Nutzen von Gesundheits-Apps für die Gesundheitsversorgung". Bloße Zertifikate reichen hier nicht aus, die Stiftung empfiehlt, die Versorgungsforschung auszubauen und dabei auch mögliche Fehlentwicklungen wie eine Überdiagnostik durch die Selbstmessung zu berücksichtigen. Außerdem sei ein adäquates Zulassungsverfahren für Anwendungen, die sich als Medizinprodukt etablieren wollen, notwendig.

Den Studienautoren schwebt vor, dass die gemeinsame Selbstverwaltung ein Verfahren zur Nutzenbewertung und Identifikation von Innovationen im Bereich Digital Health entwickelt. Und die Dynamik des digitalen Marktes so Einzug in die Regelversorgung erhält.

Wichtig wäre hierbei, dass sich die Anwendungen mehr am Bedarf der Gesundheitsversorgung - also an epidemiologischen und präventiven Aufgaben ausrichten.Gefragt ist zudem die Telematikinfrastruktur: Es brauche technologische Schnittstellen zwischen den Anwendungen für Bürger und denen der Leistungserbringer, so die Forscher, damit Patienten für die Versorgung relevante Daten an die Leistungserbringer übermitteln können.

Neue Technologien und ihre Auswirkungen auf das Arzt-Patienten-Verhältnis sollten aber auch Teil der ärztlichen Aus-, Fort- und Weiterbildung werden.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Regulatoritis ante portas?

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