Arztmeinung

Was taugen Rheuma-Apps in der Praxis?

Immer mehr Rheumatologen nutzen digitale Anwendungen für sich und wollen sie in ihren Versorgungsalltag integrieren. Patienten-Apps spielen für sie aber eine eher untergeordnete Rolle, wie eine Studie zeigt.

Von Matthias Wallenfels Veröffentlicht: 25.11.2019, 16:47 Uhr
Rheumatologen zweifeln oft noch an der Qualität von Apps zur Behandlungsunterstützung.

Rheumatologen zweifeln oft noch an der Qualität von Apps zur Behandlungsunterstützung.

© WavebreakMediaMicro / stock.adob

Berlin. Spätestens seit der Verabschiedung des Digitale-Versorgung-Gesetzes (DVG) durch den Bundestag Mitte November sind Gesundheits-Apps ein auch in der allgemeinen Presselandschaft heiß diskutiertes Thema. Immerhin sollen Ärzte ihren Patienten ab Januar vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) freigegebene Apps verschreiben dürfen. Welche Auswirkungen das DVG auf den Einsatz von bereits bestehenden sowie neu zu entwickelnden, indikationsspezifischen Apps im rheumatologischen Versorgungsalltag haben wird, lässt sich bisher schwer einschätzen.

Fakt ist, dass nach eigenen Angaben immer mehr Rheumatologen bereits digitale Anwendungen nutzen. 2016 hatten noch 37 Prozent in einer Umfrage angegeben, solche Anwendungen zu nutzen. 2018 waren es bereits 49 Prozent. Und: Hatten 2016 nur 47 Prozent bekundet, Apps – rheumaspezifische wie auch andere, indikationsübergreifende – in Zukunft in ihren Versorgungsalltag integrieren zu wollen, so waren es im vergangenen Jahr bereits 68 Prozent.

Benutzerfreundlichkeit toppt alles

Das geht aus der in der November-Ausgabe der „Zeitschrift für Rheumatologie“ (Z Rheumatol (2019) 78: 839) veröffentlichten Untersuchung der „rheumadocs“ genannten Arbeitsgemeinschaft Junge Rheumatologie der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh) mit dem Titel „Nutzung von Medizin-Apps und Online-Plattformen unter deutschen Rheumatologen“ hervor. 84 rheumatologische Assistenz- oder Fachärzte nahmen an der Untersuchung teil.

Angelehnt an das etablierte und validierte Bewertungsverfahren von Apps, die Mobile Application Rating Scale (MARS), sollten die Ärzte 2018 auf einer Skala von 0 bis 100 Punkten angeben, wie wichtig ihnen fünf unterschiedliche Eigenschaften von Medizin-Apps sind.

Am wichtigsten bei medizinischen Apps war den Teilnehmern die Benutzerfreundlichkeit mit durchschnittlich 85 von 100 maximal möglichen Punkten, gefolgt vom Informationsgehalt mit durchschnittlich 82 Punkten. Am wenigsten wichtig waren Interaktionsmöglichkeit und Unterhaltungswert mit durchschnittlich 50 Punkten.

8% der deutschen Rheumatologen, die 2018 an der Studie der rheumadocs teilgenommen haben, gaben an, Gesundheits-Apps einzusetzen, die Patienten im Zusammenspiel mit ihren Ärzten nutzen. In der Vorstudie vor drei Jahren lag der Anteil noch deutlich höher, bei 33 Prozent.

In der Studie bewerteten jeweils mindestens vier Ärzte unabhängig voneinander jede App. Nach dem Urteil der Tester erfüllten 16 Apps die Einschlusskriterien. Sieben Apps richteten sich an Ärzte, neun an Patienten. Insgesamt war die Qualität der Apps sehr heterogen. CE-Zertifizierung oder Appstore-Bewertung korrelierten nicht mit der MARS-Bewertung durch die Ärzte. Am besten bewertet wurde die App der deutschen Rheuma-Liga: „Rheuma-Auszeit“ (4,91/5). Als einzige der identifizierten Apps wurde die App hauptsächlich durch Patienten entwickelt.

Wie Erstautor Dr. Johannes Knitza, Assistenzarzt am Universitätsklinikum Erlangen, in der Studie betont, könnten Gesundheits-Apps im Idealfall eine Win-Win-Situation für alle Akteure des Gesundheitswesens darstellen. Gerade chronisch-kranke Patienten wiesen demnach ein extrem großes Potenzial zum Einsatz von E-Health-Anwendungen wie Gesundheits-Apps oder telerheumatologische Lösungen auf.

Steigende Zahl digitaler Angebote

Das Manko: „Trotz der Prägung neuer Begriffe wie ‚Rheumatologie 4.0‘, welche die Digitalisierung in unserem Feld darstellen sollen, ist die Datenlage in der Rheumatologie jedoch sehr überschaubar“, schreibt Knitza.

Überzeugen die Rheuma-Apps die Rheumatologen nicht? „Die Ergebnisse der Umfrage zeigen die bereits große und weiter steigende Verbreitung und Vielfalt von digitalen Angeboten wie Apps und Online-Plattformen in der Rheumatologie“, konstatiert Knitza. „Rheumaspezifische Apps stellen jedoch eine Minderheit bei den Empfehlungen an Kollegen dar“, gibt er zu bedenken – nur bei zwei von 20 empfohlenen Apps handele es sich um rheumaspezifische Lösungen.

Am häufigsten genutzt und empfohlen wurden von den Ärzten laut Studie Medikamenteninformations-Apps, gefolgt von Berechnungstools und Nachschlagewerken. Dass die nationale Medizinbibliothek der USA „PubMed“ die Online-Plattform mit der größten Akzeptanz unter Rheumatologen war, ist laut Knitza „sicherlich auch auf die strengen Qualitätskontrollen und die Hochwertigkeit der Datenbank“ zurückzuführen.

Die Rheumatologen sind also offensichtlich mit dem Angebot an Medizin-Apps insgesamt zufrieden. Das Blatt dreht sich allerdings, wenn es um die – vom DVG befeuerte – Empfehlung bestimmter digitaler Lösungen an Patienten geht. „Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass nur ein Bruchteil der Ärzte ihren Patienten Apps empfiehlt oder entsprechende Apps zur Interaktion nutzt“, attestiert Knitza. . Bei der Nutzung von Arzt-Patienten-Apps sei es sogar zu einem Rückgang von 33 Prozent im Jahr 2016 auf nur noch acht Prozent im vergangenen Jahr gekommen.

Bei der Ursachenforschung für dieses diskrepante Ergebnis spekuliert er auf unterschiedliche Aspekte. „Die geringe Datenlage zur Wirksamkeit vieler innovativer Ansätze ist sicherlich ein Hauptgrund für die Zurückhaltung vieler Rheumatologen“, so Knitza. Er verweist exemplarisch auf eine kleine britische Studie aus dem Jahr 2016 mit nur 34 Teilnehmern, die den Nutzen von Symptom-Checkern bei Patienten mit entzündlichen Gelenkschmerzen analysiert habe. Nur vier von 21 Patienten mit entzündlichen Gelenkschmerzen hätten die richtige Diagnose einer rheumatoiden Arthritis (RA) oder Psoriasisarthritis (PsA) erhalten. Zusätzlich seien die entsprechenden Handlungsempfehlungen oft falsch gewesen und würden somit zu einer unnötigen Belastung des Gesundheitssystems führen.

Evaluierung der Apps empfohlen

Generell, so mutmaßt der Studienautor, seien rheumaspezifische Apps aktuell noch nicht auf dem Radar der Rheumatologen. „Angesichts der großen Motivation, Apps zukünftig zu nutzen, ist eine Sichtung des tatsächlichen deutschen Angebots notwendig, um zu sehen, ob es an hochwertigen Apps mangelt oder diese unter den Rheumatologen nur nicht bekannt genug sind.

Mögliche Ursachen für die mangelnde Bekanntheit und Nutzung sind unter anderem schlechte Informationsmöglichkeiten und Skepsis gegenüber solchen Angeboten“, resümiert Knitza.

Definitiv sei ein besseres Marketing notwendig, um Anwendern nützliche Apps tatsächlich zugänglich zu machen. Zu diesem Ergebnis komme auch eine Umfrage unter deutschen Radiologen, so Knitza. Herstellern entsprechender Gesundheits-Apps – für Ärzte wie für Patienten – empfiehlt er, den Bedarf der Anwender im Auge zu behalten und nicht am Endnutzer vorbei zu entwickeln.

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