Stress für die Ohren

Wenn’s im Ohr klingelt: HNO-Arzt klärt auf vielen Kanälen über Tinnitus auf

Der niedergelassene HNO-Arzt Dr. Uso Walter hat sich seit fast 20 Jahren dem Tinnitus verschrieben. Der Facharzt klärt seit drei Jahren auf seinem Youtube-Kanal über Pfeifen, Zischen, Rauschen, Knacken oder Klopfen im Ohr auf. Jetzt sind eine App und ein Buch dazugekommen.

Von Kerstin Mitternacht Veröffentlicht:
Der HNO-Arzt Dr. Uso Walter handelt in dem Buch neben Tinnitus auch die Themen Schwerhörigkeit und Geräuschempfindlichkeit ab.  privat

Der HNO-Arzt Dr. Uso Walter handelt in dem Buch neben Tinnitus auch die Themen Schwerhörigkeit und Geräuschempfindlichkeit ab. privat

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Ärzte Zeitung: Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Sie selbst einen Tinnitus hatten. Was war bei Ihnen der Auslöser?

Dr. Uso Walter: Ja, das stimmt. Zu meiner beruflichen Anfangszeit, noch als Assistenzarzt, hatte ich eine stressige berufliche und auch familiäre Zeit und da habe ich einen Tinnitus entwickelt. Im Krankenhaus hatte ich mit dem Thema allerdings keinerlei Berührung, da wurde hauptsächlich operiert und auch im Studium kam das Thema nicht vor. Ich wusste also auch als HNO-Arzt kaum etwas über Ohrengeräusche. Doch durch die eigene Erfahrung bin ich auf das Thema aufmerksam geworden.

Haben Sie aufgrund Ihrer Erfahrung ein besseres Verständnis für Ihre Patienten?

Ich habe ein anderes Verständnis für Patienten und kann die Ängste und Sorgen oder auch aufkommende Panik, die viele verspüren, besser verstehen. Bei mir gab es zum Glück kein Eskalationsprozess, aber wenn Patienten schon vorbelastet sind, durch Angststörungen oder Depressionen, kann ein Tinnitus schnell eskalieren.

Dr. Uso Walter HNO-Arzt aus Duisburg

Dr. Uso Walter HNO-Arzt aus Duisburg

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Warum hängen Tinnitus und Emotionen zusammen?

Jeder Sinneseindruck wird auf unterbewusster Ebene emotional bewertet. Beim Tinnitus natürlich in der Regel negativ. Negative Dinge will man aber schnell wieder loswerden. Man versucht also automatisch, seinen Tinnitus zu bekämpfen. Dadurch wird er immer wichtiger und wichtige Geräusche werden von der Hörverarbeitung verstärkt.

Wie sieht die aktuelle Versorgung von Tinnitus-Patienten aus?

Die Versorgung ist derzeit ziemlich schlecht, da der Tinnitus schwer fassbar ist. Viele Ärzte sagen, bei einem Tinnitus könne man nichts machen und sind froh, wenn die Patienten die Praxis wieder verlassen. Oft wird erst gehandelt, wenn psychische Probleme auftreten, was zu spät ist, da man schon früher handeln könnte. Ärzte sollten deshalb ihre Patienten über den Tinnitus aufklären, Sorgen nehmen sowie Behandlungsmöglichkeiten aufzeigen. Die noch häufig gängige Meinung, man könne nichts tun, stimmt nicht.

Welche Rolle spielen Aufklärung und Beratung bei Tinnitus-Patienten?

Eine große Rolle und meist hat man im Praxisalltag wenig Zeit. Ich habe am Anfang pro Patient gerne mal eine Stunde dafür gebraucht. Mittlerweile geht das schneller. Zudem habe ich aus diesem Grund einen Youtube-Kanal „Tinnitus-Sprechstunde“ gegründet, mit dem ich über Tinnitus aufkläre.

Wie muss man sich Ihren Youtube-Kanal vorstellen, wie kam es dazu?

Es fing damit an, dass ich die wichtigsten Dinge noch einmal vor der Kamera erklären wollte. Ich habe dann meinen Patienten auch gesagt, dass sie sich die Videos noch einmal in Ruhe anschauen können. Seit drei Jahren gibt es jeden Mittwoch ein Video, also mittlerweile etwa 150 Videos mit insgesamt 2,5 Millionen Klicks. Ich gehe in den drei bis fünf Minuten langen Videos neben Tinnitus, auch auf Themen wie Stress und Angst ein.

Wie kamen Sie auf die Idee, eine App für die Therapie zu entwickeln?

Um einen Tinnitus zu behandeln ist neben einer guten Aufklärung vor allem psychologische Hilfe in Form einer kognitiven Verhaltenstherapie wichtig. Aber auch viele Psychologen haben wenig Ahnung vom Tinnitus. Ich habe dann Studien aus Skandinavien gelesen, in denen die Wirksamkeit einer Online-Verhaltenstherapie nachgewiesen wurde. So etwas könnte auch bei Tinnitus funktionieren, dachte ich damals, und bin an die Idee einer App recht blauäugig herangegangen..

Wie muss man sich die Entwicklung vorstellen?

Insgesamt hat die Entwicklung der Tinnitus-App „Kalmeda“ sechs Jahre gedauert. Wir hatten Glück, dass wir in die Phase kamen, als Jens Spahn das Digitale-Versorgungs-Gesetz verabschiedet hat. Wir hatten die Ansprüche an Medizin-Apps für einen Zulassungsprozess bereits berücksichtigt und haben die vorläufige Zulassung. Ende des Jahres erwarten wir die vollständige Zulassung. Für diese muss eine klinische Studie vorliegen, die in der Zeit der vorläufigen Zulassung durchgeführt werden kann. Unsere Studie ist seit September fertig und zeigt eine hochsignifikante Wirksamkeit.

Wie war der Weg von der Idee der App bis zur Umsetzung?

Erst einmal habe ich ein Ärzteteam gegründet und auch einen Psychologen dazu geholt und dann geschaut, wie man Verhaltenstherapien digital transformieren kann, damit auch ein gewünschter therapeutischer Effekt eintritt. Es sollte ein Lernprogramm werden, dass die innere Einstellung verändert und eigene Ressourcen mobilisiert. Dann habe ich Programmierer und Grafiker dazu genommen, die eine interaktive App entwickelt haben. Denn für ein gutes Produkt sind die Benutzerfreundlichkeit und der Datenschutz ebenso wichtig wie der Inhalt.

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Übernimmt die Krankenkasse die Kosten der App?

Unsere App ist eine digitale Gesundheitsanwendung und wird von allen gesetzlichen Krankenkassen erstattet. Die App kann auf Rezept budgetneutral bis zu vier Mal verschrieben werden. Die App kostet 200 Euro pro Quartal. Der Durchlauf der App dauert im Schnitt für den Patienten neun Monate.

Wie viel hat die Entwicklung der App gekostet?

Die Entwicklungskosten lagen knapp bei einer Million Euro. Im allgemeinen kann man sagen, dass App-Entwicklung im medizinischen Bereich zwischen einer und fünf Millionen kostet. Wir haben die App als klassisches Start-up über Business-Angels finanziert, frei von kommerziellen Interessengruppen und nicht mit dem einen Ziel der Gewinnmaximierung.

Wie muss man sich das Programm der App vorstellen?

Es gibt einen kostenlosen Teil, der über Tinnitus, die Behandlung häufiger Begleitbeschwerden und über die Notwendigkeit einer Verhaltenstherapie aufklärt. Im kostenpflichtigen Teil gibt es fünf Level mit neun Etappen. Man muss sich das ein wenig wie eine Sprachlern-App vorstellen. Es gibt reine Lerneinheiten, interaktive Elemente und vor allem Aufgaben, die im Alltag umgesetzt werden müssen.

Warum haben Sie neben der App und dem Youtube-Kanal auch noch ein Buch geschrieben?

Der Youtube-Kanal liefert immer nur kurze Häppchen. Ich nenne es deshalb digitales Fastfood-Medium. Das Buch gibt mir die Möglichkeit, alles in einen größeren Zusammenhang zustellen.

So konnte ich einen größeren Bogen schlagen und neben dem Tinnitus auch Themen wie Schwerhörigkeit und Geräuschempfindlichkeit behandeln.

Dr. Uso Walter

  • Geboren 1963 in Münster/Westfalen
  • 1983 bis 1989 Medizinstudium an der Universität Düsseldorf und der Gesamthochschule Essen, Promotion 1992
  • Seit 1996 niedergelassen in einer HNO-Praxis in Duisburg
  • 2015 Gründung der mynoise GmbH zur Entwicklung einer digitalen Tinnitustherapie
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