Frauen

"Work-Life-Balance – den Begriff mag ich nicht"

Die Frage nach mehr Work-Life-Balance für Ärzte ist Teil eines Generationenkonflikts. Junge Ärztinnen und Ärzte stellen heute nur andere Fragen, sie sind ebenso motiviert wie ihre Vorgänger. Diese Thesen vertritt Christine Wernze, Vorstandsvorsitzende der Women‘s Networking Lounge, im Interview.

Von Hauke GerlofHauke Gerlof Veröffentlicht:
Christine Wernze: Kooperationen ermöglichen häufig eine höhere Flexibilität und bringen dadurch auch mehr Arbeitszufriedenheit.

Christine Wernze: Kooperationen ermöglichen häufig eine höhere Flexibilität und bringen dadurch auch mehr Arbeitszufriedenheit.

© Philippe Ramakers

Aktuelle Position: Vorstandsvorsitzende der Women‘s Networking Lounge

Ausbildung: geboren 1957 in der Lutherstadt Wittenberg, Studium der Rechtswissenschaften in Halle/Wittenberg

Beruflicher Werdegang: bis zur Wende Justitiarin, dann Zulassung als Rechtsanwältin, 1991 Zulassung als Steuerberaterin; Aufbau und Führung von elf Steuerberatungskanzleien in den neuen Bundesländern im ETL-Verbund, 2011 Gründung der WNL

Hobbies: Fußball, Klavierspielen, Enkelkinder

Ärzte Zeitung: Frau Wernze, alle Welt spricht von der Work-Life- Balance. Was verbinden Sie mit diesem Begriff?

Christine Wernze: Bitte erschrecken Sie nicht: Ich mag diesen Begriff nicht. Er wird leider oft fälschlich benutzt und lässt den Eindruck entstehen, als ob es nur darum ginge, möglichst wenig(er) zu arbeiten und damit automatisch möglichst glücklich zu sein. Erstens sehe ich das selbst so nicht, denn die Arbeit gehört zum Leben und zweitens geht es speziell den Frauen in unserem Netzwerk um etwas ganz anderes. Sie haben studiert und wollen in dem Beruf arbeiten, der sie erfüllt. Problematisch wird es, wenn dann gerade die jungen Frauen zu starre Strukturen vorfinden, die es Ihnen schwer machen, einen Rhythmus zu finden, der im Gesamtkanon des Lebens Raum lässt für all die anderen Dinge, die jeder für sein Leben als wichtig und erfüllend neben der Arbeit empfindet.

Ist das Bedürfnis nach besserer Work-Life-Balance wirklich erst in diesem Jahrzehnt aufgekommen? Das Problem hatten doch eigentlich auch schon Ärztinnen und Ärzte, die vor 20 Jahren Beruf und Familie zusammen bringen wollten! Wie sind da Ihre Erfahrungen?

Wernze: Dazu gibt es mehrere Antworten, die zusammen spielen. Da ich selbst aus dieser Generation stamme, in der Workaholic noch kein Schimpfwort war, darf ich folgendes sagen: Wir waren unbestritten sehr fleißig, haben uns oft auch über Zeit und Erfolg definiert. Unsere Kinder wollen das nicht unbedingt genauso. Und sie suchen nach neuen Wegen – und das finde ich gut und richtig. Hinzu kommt: Die Zeit, in der wir leben, ist noch schnelllebiger geworden . Wir müssen gut auf uns aufpassen, um nicht in neue Fallen zu rutschen und stabil zu bleiben.

Insofern ist der Wunsch, Arbeit und Leben auszubalancieren, vielleicht auch der Versuch, auf diese Weise Stabilität zu erhalten. Nun zeigen Umfragen, dass das Thema mittlerweile für Frauen und Männer ähnlich wichtig ist. Beraten Sie auch Männer in Ihrem Netzwerk?

Wernze: Nein. Wie der Namen schon sagt, wollen wir ein Netzwerk sein, das sich den Frauen widmet und sich den Themen aus weiblicher Sicht nähert. Ich nehme aber dankbar zur Kenntnis, dass die Frauen mit diesen Fragen zunehmend auch bei den Männern Gehör und Unterstützung, sogar Interessengleichheit finden. Das tut uns allen gut.

Aus den KVen kommt immer wieder die Feststellung, dass durch Teilzeit arbeitende Ärzte die ärztliche Arbeitskraft insgesamt reduziert, sozusagen den Patienten entzogen wird. Kann man das so sehen? Der Sicherstellungsauftrag ist nun einmal da, und da wird die Luft für die KVen auf lange Sicht offenbar dünn...

Wernze: Das ist ein Rechenexempel, dem man wahrscheinlich so nichts entgegenstellen kann. Aber auch hier sind wir alle, so auch die Medizin, gefordert, alte Zöpfe abzuschneiden und neue Ideen und Wege zuzulassen. Das heißt auch , überflüssige Bürokratie in Frage zu stellen, neue Medien und den technischen Fortschritt zu nutzen. Vieles ist ja auch einfacher geworden als noch zu Zeiten der guten alten gelben Telefonzelle.

Sind aus Ihrer Sicht Vorwürfe an die junge Generation gerechtfertigt, dass die Arbeitsbereitschaft nicht mehr ausreicht?

Wernze: Genau deswegen mag ich diesen Begriff nicht. Denn so ist es nicht. Wir würden unserer Generation Y sehr unrecht tun mit so einer pauschalen Einschätzung. Bei den Begegnungen mit jungen Ärztinnen und in deren Umfeld stelle ich jedenfalls fest, dass die genau so motiviert sind, nur halt jetzt andere, zeitgemäße Fragen stellen. Und das zu Recht .

Welche Lösungsmöglichkeiten sehen Sie, Work-Life-Balance und Versorgungssicherheit unter einen Hut zu bringen?

Wernze: Da gibt es vielfältige Ansätze: Zu den Lösungsmöglichkeiten zählen natürlich alle Mittel, die für eine größere Flexibilität in der Praxis und für eine hohe Arbeitszufriedenheit sorgen. Dazu gehören insbesondere die Formen der kooperativen Leistungserbringung – vom Ärztenetzwerk, über die Filialpraxis bis zur Berufsausübungsgemeinschaft und dem MVZ. Diese Formen bieten nicht nur eine größere zeitliche Flexibilität, sondern auch die Möglichkeit der Schwerpunktbildung und Spezialisierung. Außerdem kann hier im Team gearbeitet werden, was für viele Ärzte und Ärztinnen ein ganz wesentlicher Aspekt ist. Wenn auf diese Weise die Arbeitszufriedenheit stimmt und zeitliche Flexibilität entsteht, dann kommt das vor allem auch dem Patienten zugute.

In welche Richtung beraten Sie junge Heilberuflerinnen über die Women‘s Networking Lounge?

Wernze: An jedem WNL-Abend widmen wir uns einem fachlichen Thema. Das sind dann – und das macht uns so besonders – nicht die rein medizinischen Themen, sondern genau die Fragen, die Sie angesprochen haben. Die beleuchten wir zum Beispiel aus medizinrechtlicher oder arbeitsrechtlicher Sicht. Oft sind es aber auch Coachingansätze, die genau das zum Inhalt haben. Und: Am allermeisten helfen wir uns gegenseitig. Weil wir erkannt haben, dass dieses "miteinander Reden – voneinander Lernen" eine Ressource ist, die wir Frauen noch viel zu selten nutzen.

Women‘s Networking Lounge (WNL)

» Organisation für (selbstständige) Frauen im Gesundheitswesen, gegründet 2011

» Netzwerkbildung für einen Gedankenaustausch unter Frauen in einer ähnlichen Situation: als Unternehmerinnen im Gesundheitswesen

» Fortbildung im Netzwerk durch Veranstaltungen mit Expertinnen zu speziellen Themen der Unternehmensführung

Adresse im Internet: www.womensnetworkinglounge.de

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