Ärzte Zeitung, 08.03.2007
 

Forscher gewinnt aus Fruchtfliegen Erkenntnisse auch zu Krebs

Wissenschaftler aus Heidelberg mit Johann-Georg-Zimmermann-Preis ausgezeichnet

HANNOVER (grue). Den mit 10 000 Euro dotierten Johann-Georg-Zimmermann-Preis hat in diesem Jahr Dr. Michael Boutros vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) erhalten. Der Wissenschaftler wurde damit für seine Forschung zur RNA-Interferenz geehrt.

Freuen sich über die Johann-Georg-Zimmermann-Auszeichnungen (von links): Professor Harald zur Hausen und Dr. Michael Boutros mit Professor Dieter Bitter-Suermann, Präsident der Medizinischen Hochschule Hannover, und Jürgen Morr, Vorstandsmitglied Deutsche Hypothekenbank. Foto: MHH

Mit der Johann-Georg-Zimmermann-Medaille wurde der langjährige DKFZ-Direktor, der Virologe Professor Harald zur Hausen, geehrt. Er hat Pionierarbeit bei der Entwicklung von Impfstoffen gegen Gebärmutterhalskrebs geleistet.

Die RNA-Interferenz gehört derzeit zu den spannendsten molekularbiologischen Forschungsfeldern, zumal die Entdecker dieser Technik, die US-Professoren Dr. Craig Mello und Dr. Andrew Fire, dafür 2006 mit dem Medizin-Nobelpreis ausgezeichnet worden sind. Das Verfahren dient auch zur Identifizierung von Genen, die an der Onkogenese beteiligt sind.

RNA-Schnipsel legen gezielt Boten-RNA-Moleküle still

Bei der RNA-Interferenz werden mit künstlich hergestellten RNA-Schnipseln gezielt Boten-RNA-Moleküle stillgelegt, um so die Synthese ausgesuchter Proteine zu blockieren. Diese Vorgänge hat Boutros an der Taufliege Drosophila melanogaster studiert, weil bei diesem Modellorganismus die verschiedenen Aufgaben der Gene schon gut bekannt sind.

Die etwa 25 000 Gene im Humangenom sind bisher nur zu 35 Prozent auf ihre Funktion untersucht worden. Von etwa 1000 Genen sei bekannt, dass sie bei der Entstehung von Krankheiten beteiligt sind, sagte Boutros bei der Preisverleihung in Hannover. Werden einzelne Gene mit der RNA-Interferenz stummgeschaltet, lässt sich deren Einfluss etwa auf das Wachstum von Tumoren abschätzen. Das Ergebnis ist eine Phänotypisierung auf zellulärer Ebene mit dem Ziel, das komplette Genom systematisch in Bezug auf krankheitsrelevante Merkmale zu charakterisieren.

Rasterelektronenmikroskopische Aufnahme zweier Fruchtfliegen (Drosophila). Mit solchen Insekten werden auch RNA-Interferenzversuche gemacht. Foto: dpa

"Das funktioniert nur mit einem Hochdurchsatz-Screening", sagte Boutros. Am DKFZ können pro Tag über 200 000 RNA-Interferenz-Tests ausgewertet werden. Die vergleichende Analyse mehrerer Screens mit Hilfe einer Datenbank gibt dann Aufschluss über die spezifischen Funktionen der untersuchten Gene. Mit dem gleichen Verfahren sollen später auch Wirkstoffkandidaten für neue Krebsarzneien identifiziert werden. Oder die für die Interferenz benötigten kleinen RNA-Abschnitte werden selbst zu Arzneien, die krankmachende Gene ausschalten.

Der mit einer Medaille geehrte Virologe zur Hausen leitete das DKFZ 20 Jahre lang bis zu seiner Emeritierung 2003. Er machte das Zentrum zu einem der weltweit führenden Krebsforschungsinstitute. Bereits in den 70er Jahren konzentrierte sich zur Hausen auf die Erforschung humaner Papillomaviren als Ursache für Gebärmutterhalskrebs. Damit habe er den Weg für eine moderne HPV-Diagnostik und die Entwicklung von Impfstoffen geebnet, hieß es in der Laudatio. Preis und Medaille wurden von der Deutschen Hypothekenbank gestiftet.

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