Ärzte Zeitung, 22.03.2007

Per Stadtplan durch den Heimatort - das kann eine Demenz ankündigen

Angehörige zu befragen bringt bei der Diagnose oft mehr als die Eigenanamnese

SEEON (wst). Alzheimer-Patienten entwickeln oft erstaunliche Fähigkeiten, um ihre kognitiven Defizite zu kompensieren. Dies kann die Diagnose erschweren und den Beginn einer Therapie verzögern.

Im Gespräch mit Angehörigen erfahren Ärzte am ehesten, ob ein Patient Demenz-verdächtige Symptome hat. Foto: PhotoDisc

Konzentrationsstörungen, Überforderungsgefühl, vorzeitige Erschöpfung, Depressivität, Antriebsmangel, Interessenlosigkeit und diffuse Ängste - solche Symptome können bei Personen jenseits des 50. Lebensjahres eine beginnende Alzheimer-Erkrankung bereits Jahre vor Beginn kognitiver Störungen ankündigen. Darauf hat Dr. Klaus Sallach aus Gelsenkirchen hingewiesen.

Allerdings seien diese Prodromalsymptome zu unspezifisch, um allein damit einen Alzheimer-Verdacht zu begründen, sagte der Neurologe und Psychiater bei einer Veranstaltung von Janssen-Cilag in Seeon. Bei zusätzlichen Hinweisen auf kognitive Beeinträchtigungen, die sich mit Demenztests erfassen lassen, sollte aber dann doch an eine beginnende Alzheimer-Erkrankung gedacht werden.

Ein solcher Test verschafft auch mehr Klarheit, wenn die Patienten ein merkwürdiges Verhalten zeigen. So gelingt es Alzheimer-Patienten für einige Zeit oft noch erstaunlich gut, trotz reduzierter geistiger Leistung mit unterschiedlichen Strategien die Fassade der Normalität aufrecht zu erhalten. Manche Patienten verlassen etwa bei starkem Verlust der räumlichen Orientierung mit einem Stadtplan das Haus, um getarnt als Tourist mit fremder Hilfe stets wieder zurück zu finden. Die Unfähigkeit, Buchstaben-Anordnungen als sinnvolle Wörter zu erkennen, wird wiederum gerne mit Verweis auf die vergessene Lesebrille entschuldigt.

Sallach stellte klar, dass bei Verdacht auf eine Alzheimer-Demenz die Fremd-Anamnese oft wichtigere Informationen als die Eigen-Anamnese bietet. Störungen der Aufmerksamkeit, des Gedächtnisses, des Denkens, der Orientierung und der Sprache sowie wegweisende nicht-kognitive Begleitsymptome wie sozialer Rückzug, Misstrauen, Aggressivität, Agitiertheit, Angst, Wahn und Halluzinationen werden von Angehörigen oft deutlicher wahrgenommen und klarer ausgesprochen als vom Betroffenen selbst.

Bei Patienten, die wahnhafte und vielfach misstrauisch gefärbte Erlebnisse schildern, sollte der Arzt zunächst vorgeben, diese zu glauben, sagte Sallach. Anderenfalls wird das Vertrauensverhältnis gestört.

Evidenzbasierte Pharmakotherapie der Wahl bei leichten bis mittleren Stadien einer Alzheimerdemenz sind Cholinesterase-Hemmer wie Galantamin (Reminyl®). Diese wirken sich günstig auf die Kognition und Aktivitäten des täglichen Lebens aus. Mit einer frühzeitig begonnenen Behandlung kann man die Pflegeheimeinweisung im Schnitt um zwei Jahre hinausschieben, sagte Sallach.

STICHWORT

Zwei kurze Tests zur Demenz-Diagnose

  • Der DemTect dauert 7 bis 10 Minuten. Bei fünf Untertests müssen zehn vorgelesene Worte wie "Teller" oder "Apfel" auswendig wiederholt werden, Zahlen müssen als Zahlwort geschrieben werden und umgekehrt Zahlwörter als Zahlen. In einer Minute sollen möglichst viele Waren im Supermarkt genannt werden.
  • Der TFDD (Test zur Früherkennung von Demenzen mit Depressionsabgrenzung) hilft auch zur Depressionsabgrenzung. Er dauert 5 bis 10 Minuten und enthält neun Untertests zum Demenz-Screening sowie zwei Untertests, mit denen Demenz und Depressionen voneinander abgegrenzt werden.

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