Ärzte Zeitung, 09.07.2012

Blutzucker senken - doch gut für Herz und Gefäße?

Wirkt die Senkung des Blutzuckers kardioprotektiv? Viele Studien gingen der Frage nach - oft mit ernüchternden Ergebnissen. Jetzt haben schwedische Forscher diese Assoziation erneut nachgewiesen. Dennoch ist Vorsicht geboten.

Von Peter Overbeck

Ist Blutzuckersenkung doch kardioprotektiv?

Heute gibt es viele Optionen, um den Blutzucker bei Diabetikern gut einzustellen.

© M&S Fotodesign / fotolia.com

PHILADELPHIA. Die Lebenserwartung von Diabetikern ist vor allem durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen eingeschränkt.

Die Frage, ob sich das hohe kardiovaskuläre Risiko dieser Patienten nicht nur durch Blutdruck- und Lipidsenkung, sondern auch durch Optimierung der Blutzuckerwerte senken lässt, beschäftigt schon seit geraumer Zeit die Diabetes-Forschung.

Die bisherigen Forschungsergebnisse sind allerdings einigermaßen ernüchternd.

Große Studien wie ACCORD, die in jüngster Zeit bei Typ-2-Diabetikern im zumeist fortgeschrittenen Krankheitsstadium den Nutzen einer relativ aggressiven Blutzuckersenkung geprüft haben, enttäuschten auf der ganzen Linie.

Die beim Kongress der American Diabetes Association (ADA) in Philadelphia kürzlich vorgestellte ORIGIN-Studie hat ebenfalls die Erwartungen nicht erfüllt.

Daten aus schwedischem Diabetes-Register genutzt

Ihre Ergebnisse zeigen, dass eine anhaltende Normalisierung der Nüchternblutzuckerwerte durch eine frühzeitige Insulintherapie zumindest im Zeitraum von bis zu sieben Jahre keine Auswirkungen auf die Inzidenz kardiovaskulärer Ereignisse hatte.

Allerdings hat die verlängerte Nachbeobachtung bei den Studien UKPDS und STENO-II gezeigt, dass sich eine anhaltend gute Stoffwechseleinstellung ("Stoffwechselgedächtnis") erst nach einer deutlich längeren Zeit als sogenannter "legacy effect" in einer Reduktion des kardiovaskulären Risikos niederschlagen kann.

Neue Studiendaten, die schwedische Forscher ebenfalls beim ADA-Kongress vorgestellt haben, scheinen dafür zu sprechen, dass eine solche Risikoreduktion auch rascher zu erzielen ist.

Die Gruppe um Dr. Katarina Eeg-Olofsson hat für ihre Analyse Daten von rund 18.000 Patienten mit Typ-2-Diabetes aus dem schwedischen nationalen Diabetes-Register herangezogen. Der Beobachtungszeitraum betrug im Mittel 5,7 Jahre und erstreckte sich von 2004 bis 2009.

Die Forscher machten zum einen rund 8900 Patienten ohne bestehende Herz-Kreislauf-Erkrankungen ausfindig, deren HbA1c-Werte sich in diesem Zeitraum verbessert hatten (im Schnitt von 7,8 auf 7,0 Prozent).

Niedrigere Mortalität bei besserer BZ-Einstellung

Diese Patienten wurden bezüglich ihres kardiovaskulären Risikos mit 9112 Patienten verglichen, bei denen sich die Blutzuckereinstellung nicht verändert oder aber verschlechtert hatte (HbA1c-Anstieg im Mittel von 7,7 auf 8,3 Prozent).

Ergebnis des Vergleichs: Die Inzidenzraten für kardiovaskuläre Erkrankungen lagen bei 15,1 pro 100.000 Personenjahre (HbA1c-Verbesserung) und 26,1 pro 100.000 Patientenjahre (HbA1c-Verschlechterung).

Die verbesserte Blutzuckereinstellung war demnach mit einer signifikanten relativen Risikoreduktion um 37 Prozent assoziiert.

Darüber hinaus ergaben sich Assoziationen mit einer Abnahme von Koronarerkrankungen (um 39 Prozent) und einer niedrigeren Gesamtmortalität (um 45 Prozent).

Diese Ergebnisse sind allerdings mit großer Vorsicht zu bewerten. Dass damit die enttäuschenden Resultate der prospektiven Studien nicht zu relativieren sind, liegt auf der Hand.

Zu erinnern ist an die bekannten Limitierungen retrospektiver Beobachtungsstudien, bei denen sich Verzerrungen durch unerkannte Einflussfaktoren trotz aller statistischen Adjustierungen nicht sicher ausschließen lassen.

Möglich ist, dass die Verschlechterung der HbA1c-Werte nur ein Indikator für eine schwieriger einzustellende Population von kränkeren Diabetikern mit höherem Risiko ist, selbst aber nicht die Ursache des höheren Risikos.

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