Ärzte Zeitung online, 13.11.2018

Gesundheitssystem Deutschland

Trotz hoher Gesundheitsausgaben – bei der Lebenserwartung hinken wir hinterher

Keine glänzende Bilanz: Deutschland leistet sich mit das teuerste Gesundheitssystem und ist trotzdem bei der Lebenserwartung Schlusslicht in Westeuropa. Irgendetwas läuft hier ganz gewaltig schief.

Leitartikel von Thomas Müller

Trotz hoher Gesundheitsausgaben – bei der Lebenserwartung hinken wir hinterher

Deutschland hat nach Luxemburg die höchsten Gesundheitsausgaben pro Kopf, wird aber von den meisten Ländern in Westeuropa bei der Lebenserwartung abgehängt.

© bluedesign / Fotolia

Würde man die Effizienz eines Gesundheitssystems an der Lebenserwartung seiner Bürger bemessen, wäre das Ergebnis für Deutschland verheerend: Mit rund 5000 Euro gönnen wir uns im Euroraum nach Luxemburg die höchsten Gesundheitsausgaben pro Kopf und Jahr, gleichzeitig gibt es kein Land in Westeuropa, in dem die Menschen früher sterben. Zum Vergleich: Griechenland gibt nur rund 2000 Euro pro Kopf und Jahr aus, die Menschen leben dort aber länger als bei uns.

Die Bilanz wird auch dann nicht besser, wenn man sie von einer anderen Seite aufzieht: Deutschland buttert 11,3 % seines Bruttoinlandsprodukts ins Gesundheitssystem – das sind 2,3 Prozentpunkte mehr als der OECD-Durchschnitt– und wird dabei nur noch von den USA (17,2 %) und der Schweiz (12,4 %) übertroffen. Bei den Schweizern zahlt sich dies immerhin aus: Sie leben weltweit fast am längsten.

Ernüchternde Daten zur Lebenserwartung

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Nun ist die Lebenserwartung vielleicht nicht der beste Gradmesser für die Qualität der medizinischen Versorgung, dennoch sollten die aktuellen Zahlen der WHO-Studie „Global Burden of Disease 2017“ aufhorchen lassen (Lancet 2018;392:1684–1735). Danach dürfen heute in Deutschland geborene Kinder mit einem Lebensalter von 80,6 Jahren rechnen – der niedrigste Wert unter allen 22 Ländern der WHO-Region Westeuropa Dazu zählen alle Länder westlich des einstigen Eisernen Vorhangs ohne den Balkan.

Für Frauen und Männer zusammen betrug die Lebenserwartung nach den WHO-Daten im Jahr 2017 in Westeuropa im Schnitt 81,9 Jahre. Sie hat seit 2005 um fast zwei Jahre und seit 1950 um 15 Jahre zugenommen, in Deutschland stagnierte sie in den vergangenen zehn Jahren weitgehend.

Vor allem bei Männern sieht es schlecht aus: Ihre Lebenserwartung bildet mit 78,2 Jahren im westeuropäischen Vergleich das absolute Schlusslicht, bei den Frauen schneiden nur Großbritannien und Dänemark mit 82,7 Jahren noch schlechter ab. Werden Männer und Frauen zusammen betrachtet, trägt Deutschland klar die rote Laterne.

Hier lebt es sich am längsten

Am längsten leben in Europa übrigens Männer in der Schweiz mit 82,1 Jahren und Frauen in Spanien mit 85,8 Jahren. In der Alpenrepublik haben Männer also 3,9 Jahre und in Spanien Frauen 2,7 Jahre mehr als in Deutschland – das ist kein Pappenstiel.

Nicht viel besser ist die Perspektive bei den heute 60-Jährigen. Ihnen bleiben in Deutschland derzeit noch 21,6 Jahre (Männer) und 25,1 Jahre (Frauen). Zusammen mit Dänemark bildet Deutschland hier ebenfalls das Schlusslicht in Westeuropa.

Zu guter Letzt haben 65-Jährige in Deutschland im Westeuropavergleich die geringste Zahl gesunder Lebensjahre vor sich – und zwar noch 15,5 Jahre für Frauen sowie 13,4 Jahre für Männer. In der Schweiz sind es bei Männern knapp zwei und bei Frauen sogar zweieinhalb Jahre mehr .

Die Zahlen werden übrigens von der EU-Statistikbehörde Eurostat im Trend bestätigt: Hier lag Deutschland im Jahr 2016 bei der Lebenserwartung in Westeuropa auf dem zweitletzten Platz, wobei die Werte zuletzt ebenfalls stagnierten.

Suche nach den Gründen

Weshalb Deutschland trotz seiner hohen Gesundheitsausgaben so schlecht abschneidet, lässt sich aus den nackten WHO-Zahlen natürlich nicht ablesen. Es wäre aber wichtig, die Gründe dafür aufzuspüren. Denn wer den Versicherten immer mehr Geld abknöpft, muss sich fragen lassen, weshalb die Rendite bei der Lebenserwartung so miserabel ausfällt und was andere Länder besser machen. Für sich betrachtet wecken die aktuellen WHO-Zahlen zunächst einmal den Verdacht, dass die reichhaltigen finanziellen Mittel im deutschen Gesundheitswesen eher suboptimal zum Einsatz kommen.

Ungesunder Lebensstil

Möglicherweise leben die Deutschen aber auch nur besonders ungesund und sterben deswegen – trotz guter medizinscher Versorgung – früher als die Griechen und Spanier. Tatsächlich fällt auf, dass die meisten europäischen Länder mit hoher Lebenserwartung am Mittelmeer liegen, die mit vergleichsweise geringer an der Nordsee. Im wohlhabenden Dänemark leben die Bürger kaum länger als bei uns, ganz anders in der Schweiz.

Das reiche Alpenland hat mit den ärmeren Mittelmeeranrainern eine recht niedrige kardiovaskuläre Sterberate gemeinsam. Der Lebensstil könnte danach einen weit größeren Einfluss auf die Lebenserwartung haben als die Qualität der medizinischen Versorgung und die Wirtschaftskraft.

Am besten, es kommen Geld und Gesundheit zusammen – wie in der Schweiz, Japan und Singapur. In solchen Ländern leben die Menschen am längsten.

In Deutschland rauchen, essen und trinken die Einwohner jedoch deutlich über dem OECD-Schnitt, auch die Diabetesprävalenz erreicht Spitzenwerte. Das mögen durchaus Gründe für die relativ geringe Lebenserwartung sein, ob sie den letzten Platz unter den westeuropäischen Ländern gänzlich erklären, ist zu bezweifeln.

Doch selbst wenn: In diesem Fall wäre ebenfalls von einer Fehlversorgung oder zumindest einer Fehlsteuerung auszugehen. Statt auf Prävention zu setzen, kurieren wir die Folgen.

Wer Gesundheit und Lebenserwartung steigern will, sollte Anreize für ein gesundes Leben setzen. Die gibt es in unserem Gesundheitssystem praktisch nicht.

Man kann daher nur hoffen, dass einige der Verantwortlichen langsam aufwachen. Sonst könnte Deutschland bei der Sterberate noch lange Zeit die rote Laterne tragen – auch wenn die Beitragszahler gezwungen werden, immer mehr Geld ins System zu pumpen.

Lesen Sie dazu auch:
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