Ärzte Zeitung, 06.09.2018

Studie mit Herzpatienten

Der unbekannte Effekt des sozialen Geschlechts

Wer verdient das Geld, wer macht die Hausarbeit? Die soziale Rolle, die ein Patient hat, könnte für die Prognose bei einer Erkrankung viel entscheidender sein als sein Geschlecht, zeigt eine Studie mit Herzpatienten.

Von Friederike Klein

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Veränderungen der Geschlechterrollen in der Gesellschaft wirken sich auch gesundheitlich aus.

© ArtFamily / Fotolia

WIESBADEN. Noch ist der Einfluss des biologischen Geschlechts auf Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie kaum in der medizinischen Forschung und im klinischen Alltag angekommen, da schockt eine Studie mit dem Ergebnis, dass das soziale Geschlecht ein möglicherweise viel wichtiger Einflussfaktor für die Prognose der Patienten sein könnte.

Möglicherweise sollten Ärzte demnächst ihre Patienten auch fragen, wer daheim das Haupteinkommen erzielt und wer die Hausarbeit macht.

In der prospektiven Kohortenstudie GENESIS-PRAXY in Kanada, den USA und der Schweiz zeigte sich bei männlichen Patienten mit akutem Koronarsyndrom eine starke Ausprägung maskuliner Charakteristika, wohingegen die weiblichen Patienten Charakteristika aus dem männlichen und weiblichen Spektrum zeigten, nur mit einem mäßigen Gipfel bei weiblichen Charakteristika.

Veränderte Geschlechterrollen

GENESIS-PRAXY

Zentren: Beteiligt waren 24 Zentren (22 in Kanada, 1 in den USA, 1 in der Schweiz). Daten wurden von Januar 2009 bis April 2013 erhoben.

Teilnehmer: 1075 Patientinnen und Patienten im medianen Alter von 49 (Männer) und 50 (Frauen) Jahren.

Das spiegele die Veränderungen in den Geschlechterrollen in der Gesellschaft wieder, erläuterte Professor Vera Regitz-Zagrosek, Gender-Kardiologin aus Berlin, beim 17. Kongress der Europäischen Föderation für Innere Medizin (EFIM) in Wiesbaden.

Ein deutlich ausgeprägtes feminines soziales Geschlecht war mit mehr kardiovaskulären Risikofaktoren assoziiert, nicht aber das biologisch weibliche Geschlecht (Psychosom Med. 2015; 77(5): 517-26).

Bei der Auswertung schwerer kardiovaskulärer Ereignisse (kardiovaskulärer Tod, nicht fataler Herzinfarkt oder Schlaganfall kombiniert, MACE) im weiteren Verlauf der Kohortenstudie fand sich ebenfalls kein Unterschied nach dem biologischen Geschlecht, nur die Rehospitalisierungsrate aus irgendeinem Grund, nicht aber wegen eines kardialen Ereignisses, war bei Frauen höher als bei Männern (Can J Cardiol. 2016; 32: 1447-1453).

Es zeigte sich aber bei den jüngeren Patienten im Alter unter 55 Jahren sehr wohl ein Unterschied, wurde der Auswertung das soziale Geschlecht zugrunde gelegt: Patienten mit ausgeprägt femininen Charakteristika hatten ein deutlich erhöhtes Risiko für ein erneutes akutes Koronarsyndrom im Vergleich zu Patienten mit eher maskulinen Charakteristika (J Am Coll Cardiol. 2016; 67(2): 127-135).

Sieben Variablen berücksichtigt

In den Studien wurde dabei das soziale Geschlecht anhand von sieben Variablen beschrieben:

»Hauptverdiener-Status,

»Eigenes Einkommen,

»Stundenzahl pro Woche, die mit Hausarbeit verbracht wird,

»Hauptverantwortung für das Erledigen der Hausarbeit,

»Stressniveau zu Hause,

»Maskuline Charakteristika nach dem Bem Sex Role Inventory (BSRI) wie Ehrgeiz und die Bereitschaft, etwas zu riskieren,

»Feminine Charakteristika nach dem BSRI wie etwa Abhängigkeit und Herzlichkeit, aber auch Aufopferung oder Sinnlichkeit.

Regitz Sagrosek prüft derzeit, inwieweit diese Auswertung auch auf andere, zum Beispiel chronische Erkrankungen wie Multiple Sklerose oder höhere Altersgruppen anwendbar ist.

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