Ärzte Zeitung, 16.11.2005

Warum gibt es dieses Jahr zu wenig Impfstoff gegen Influenza?

Große Nachfrage wegen Vogelgrippe / Impfstoff-Herstellung ist aufwendig

NEU-ISENBURG (hub). 20 Millionen Dosen Grippeimpfstoff hat das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) in diesem Jahr freigegeben. Als Ursache für den diesmal reißenden Absatz gilt die Angst vor der Vogelgrippe.

Dieses Jahr wurde sie stark nachgefragt: Die Grippe-Impfung in der Arztpraxis. Foto: Klaro

Ginge es nach den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO), müßten etwa 30 Millionen Menschen gegen Influenza geimpft werden. Allein die Gruppe der über 60jährigen gibt es etwa 23 Millionen Menschen. Hinzu kommen chronisch Kranke, wie Diabetiker, Atemwegs- und KHK-Patienten.

Oft haben es die Kollegen schwer, Patienten vom Nutzen der Impfung zu überzeugen. Dieses Jahr war der Run auf die Grippeimpfung jedoch groß. Der Grund: das H5N1-Virus. Die Folge: Lieferengpässe.

"Das Paul-Ehrlich-Institut hat die letzten vier Millionen Dosen Grippe-Impfstoff bis Ende Oktober freigegeben", so PEI-Sprecherin Dr. Susanne Stöcker. In der Summe waren es insgesamt gut 20 Millionen Impfdosen für den deutschen Markt. Das seien mehr, als im letzen Jahr verbraucht wurden. In der letzen Saison allerdings seien zwei bis drei Millionen Dosen vernichtet worden, so Stöcker.

   Letzte Saison wurden Millionen Dosen Impfstoff vernichtet.
   

Die gestiegene Nachfrage führt Stöcker auf die Vogelgrippe zurück. Viele Menschen seien verunsichert gewesen und hätten Angst gehabt. Es hätten sich daher auch Personen impfen lassen, die sonst überhaupt nicht an eine Grippeimpfung denken würden. Dabei sei die Vogelgrippe primär eine Tierkrankheit und die Grippeimpfung schütze auch nicht davor.

Eine akut steigende Nachfrage nach Grippeimpfstoff könne nicht befriedigt werden. Die Herstellung eines Impfstoffes sei ein komplizierter und aufwendiger Prozeß. "Anders als bei der Autoproduktion können da nicht mal eben ein paar Sonderschichten gefahren werden", sagt Stöcker.

Die Produktion dauere mindestens drei Monate, wenn es gut laufe. Der Stamm H3N2 des aktuellen Impfstoffs sei schlecht gewachsen, dieses Jahr habe die Herstellung daher deutlich länger gedauert. "Dadurch haben sich auch Chargenfreigabe und Auslieferung nach hinten verschoben", so die Sprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts.

Außerdem sei die Verteilung der Impfdosen in Deutschland wohl ungleichmäßig gewesen, sagt Stöcker. So habe es in Hessen wohl keinerlei Probleme gegeben, in Bayern sei die ganze Zeit von Engpässen gesprochen worden. Daß in Berlin die Probleme behoben seien, sagte KV-Vorsitzende Angelika Prehn vergangene Woche der "Welt".

"Am besten ist es, rechtzeitig Impfstoff vorzubestellen", rät Stöcker. Dies bestätigten die Sprecher der Hersteller Chiron Vaccines, Glaxo-SmithKline und Sanofi Pasteur MSD auf Nachfrage der "Ärzte Zeitung". Alle Ärzte und Apotheker, die Impfstoff vorbestellt hätten, seien auch beliefert worden.

Dies nützt zwar den Kollegen und ihren Patienten, die jetzt leer ausgehen, nichts. Die Konsequenz für die nächste Impfsaison sollte sein, bereits jetzt Impfdosen vorzubestellen. Dies gibt auch den Herstellern die nötige Planungssicherheit.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
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