Ärzte Zeitung, 12.03.2018

Gegen Infarkt impfen

Pneumologen wollen mit Grippeimpfung vor Herzleiden schützen

Die Grippeimpfung schützt wahrscheinlich auch vor Herzinfarkten. Sollte die Indikation deswegen viel breiter gestellt werden? Dafür plädieren Pneumologen kurz vor dem DGP-Kongress.

Von Philipp Grätzel von Grätz

Pneumologen wollen mit Grippeimpfung vor Herzleiden schützen

Sechsmal so hoch war das Herzinfarktrisiko infolge einer Grippeerkrankung.

© Marco2811 / Fotolia

BERLIN. Vor wenigen Wochen machten Public Health-Experten aus Kanada Schlagzeilen mit einer Untersuchung über den Zusammenhang zwischen Erkrankungen an Grippe und dem Auftreten von Herzinfarkten.

In den ersten sieben Tagen nach einer per Labortest bestätigten Grippediagnose war das Risiko, wegen eines Herzinfarkts ins Krankenhaus zu müssen, sechsmal so hoch wie in Vergleichszeiträumen ohne zeitlichen Zusammenhang mit einer Grippediagnose. (N Engl J Med 2018; 378: 345)

Heißt das im Umkehrschluss, dass eine Influenzaimpfung auch vor Herzinfarkten schützen kann? Dafür spreche einiges, sagte Professor Mathias Pletz vom Zentrum für Infektionsmedizin und Krankenhaushygiene an der Universität Jena bei einer Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) im Vorfeld des DGP-Kongresses vom 14. bis 17. März in Dresden

Studien bestätigen positive Auswirkungen

 So war die Herzinfarktinzidenz in mehreren randomisierten Studien zur Grippeimpfung im Impfarm niedriger als im Kontrollarm. Schon vor fünf Jahren hat eine Metaanalyse den Nutzen der Impfung für ein Kollektiv von über 6700 Probanden aus sechs randomisierten Studien konkret beziffert: 2,9 Prozent der geimpften Probanden, aber 4,7 Prozent der Probanden in den Kontrollgruppen, erlitten innerhalb eines Jahres einen Herzinfarkt. (JAMA 2013; 310: 1711)

Für Skeptiker in Sachen genereller Influenzaimpfung hatte Pletz in Berlin noch ein weiteres Argument im Gepäck: Eine generelle Influenzaimpfung führe zu einer messbaren Verringerung der Antibiotikaverordnung – und trage damit sozusagen im Nebeneffekt dazu bei, dass ein anderes wichtiges Public Health-Ziel erreicht werde.

Auch das lässt sich präzise beziffern, und zwar anhand der kanadischen Region Ontario, wo der gesamten Bevölkerung schon seit dem Jahr 2000 eine Influenzaimpfung angeboten wird.

Mithilfe von Modellrechnungen haben Wissenschaftler abgeschätzt, welcher Anteil der Antibiotikaverordnungen in der Region mit Grippeerkrankungen und deren Folgen in Zusammenhang stand. Sie kamen auf 2,7 Prozent vor Einführung des generellen Impfangebots und auf 1,1 Prozent in der Zeit danach, ein Minus um 60 Prozent (Clin Infect Dis 2009; 49: 750).

Impfung für jeden sinnvoll?

Diese Verringerung der wurde erreicht, obwohl der Anteil derer, die sich impfen ließen, nur von 18 Prozent auf 38 Prozent der Bevölkerung stieg. Es reicht also schon, wenn nur ein Teil der Anspruchsberechtigten mitmacht.

Pletz plädierte nicht zuletzt vor diesem Hintergrund für eine Ausweitung der Impfempfehlung: "Aus meiner persönlichen Sicht macht die Influenzaimpfung für jeden Sinn. Einige Krankenkassen bezahlen das auch."

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[12.03.2018, 11:26:44]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Impfungen gegen Influenza und Pneumokokken infektiologisch-präventive Kernkompetenz
Laut "Acute Myocardial Infarction after Laboratory-Confirmed Influenza Infection" von Jeffrey C. Kwong et al.
N Engl J Med 2018; 378:345-353 DOI: 10.1056/NEJMoa1702090 versechsfacht
eine serologisch nachgewiesene, akute Influenza das Risiko für einen Herzinfarkt. Bei den epidemiologischen Verhältnissen in Deutschland mit unzureichender Influenza-Durchimpfungsrate und zusätzlich mit einem schlappen, insuffizienten, derzeit trivalenten Impfstoff sind in dieser Saison erheblich mehr Myokardinfarkte zu erwarten.

Die Schutzwirkung der trivalenten Grippe-Impfung beträgt u.a. wegen der derzeit zirkulierenden Influenza A(H3N2)-Stämme weniger als 20 Prozent. Deshalb empfiehlt das Europäische Centre for Disease Prevention and Control gemeinsam mit der WHO dringlich für die nächste Saison bei der A(H3N2)-Komponente den Wechsel von A/Hong Kong/4801/2014 auf A/Singapore/INFIMH-16-0019/2016, beim Influenza-B-Subtyp den Wechsel von B/Victoria auf B/Yamagata.

Patientinnen und Patienten mit klinisch eindeutigen INFLUENZA-Symptomen, -Nachweisen bzw. mit mehr als eher läppischer "Influenza-like-Illness" Umschreibung für diagnostischen un therapeutischen Nihilismus bekommen nicht nur bei bei mir, wie z. B. seit Jahren in den USA, unter Abwägung von Chancen und Risiken innerhalb von 48 Stunden eine antivirale spezifische Therapie
Vgl. dazu
"MEDIZIN: Originalarbeit – Antivirale Arzneimittel bei saisonaler und pandemischer Influenza – Ein systematisches Review"
"Antiviral medications in seasonal and pandemic influenza—a systematic review"
Dtsch Arztebl Int 2016; 113(47): 799-807; DOI: 10.3238/arztebl.2016.0799 von Lehnert, Regine et al.

Auch eine Metaanalyse vom 29. 1. 2015 online in THE LANCET von Joanna Dobson et al. unter dem Titel "Oseltamivir treatment for influenza in adults: a meta-analysis of randomised controlled trials" publiziert, gefördert von der Pharmaindustrie-unabhängigen MUAGS ["Funding – Multiparty Group for Advice on Science (MUGAS) foundation"], bringt Licht in die verworren-widersprüchliche Datenlage um Oseltamivir als Neuraminidase-Hemmer.
http://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(14)62449-1/fulltext

Mit einem angemessenen t e t r a-valenten Influenza-Impfstoff, der frühzeitigen Indikationsstellung für Oseltamivir bei Influenza bzw. der Pneumokokken-Impfprävention werden das kardiorespiratorische Outcome verbessert, schwere Komplikationen und vital bedrohliche Zustände verhindert.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z.Zt. Mauterndorf/A)  zum Beitrag »

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