Ärzte Zeitung, 18.05.2011

Hintergrund

Aids: Höhere Lebenserwartung - und mehr Krebs

Neuen Therapien sei Dank leben HIV-Infizierte heute deutlich länger als noch vor einigen Jahren. Doch was ein Segen für die Betroffenen ist, ist Fluch zugleich: Denn sie haben auch ein erhöhtes Krebsrisiko.

Von Nicola Siegmund-Schultze

Die Krebsvorsorge von Menschen mit einer HIV-Infektion muss verbessert werden

Die Sonografie der Leber ist zur Früherkennung des hepatozellulären Karzinoms zu empfehlen. Die Krebsart ist bei HIV-Infektionen häufig.

© Eppele / fotolia.com

Die Wende begann Mitte der 90er Jahre: Von 1995 bis 1999 ist ein deutlicher Abfall der HIV/Aids-Mortalität in Deutschland zu beobachten. Seither sinkt sie nur noch langsam.

Im Jahr 2010 sind den Schätzungen des Robert-Koch-Instituts zu Folge etwa 550 HIV-Infizierte gestorben. Die Zahl der HIV-Infizierten wurde für das vergangene Jahr auf etwa 70.000 Menschen geschätzt (Epid Bulletin 2010; 46: 453).

Mit den Verbesserungen der Therapie und zunehmender Lebenserwartung verändern sich die Komorbiditäten bei HIV-Infizierten, darunter Inzidenz und Art der Malignome. So sind Krebserkrankungen inzwischen die häufigste Todesursache bei HIV-Infizierten.

Früher und besser auf Krebserkrankungen untersuchen

Die Krebsvorsorge sollte daher dringend an diese Veränderungen angepasst werden. Dies fordert ein Team von HIV-Therapeuten um die Kerngruppe "HIV und Onkologie" der Deutschen Arbeitsgemeinschaft niedergelassener Ärzte in der HIV-Versorgung in Kooperation mit dem Berufsverband der niedergelassenen Hämatologie und Onkologen in Deutschland.

Professor Manfred Hensel aus Mannheim und seine Kollegen haben die Ergebnisse einer Umfrage aus den Jahren 2000 bis 2007 unter 189 auf die Behandlung von HIVPatienten spezialisierten Arztpraxen und 35 Klinikambulanzen veröffentlicht (Dtsch Ärztebl 2011; 108: 117).

Die Autoren konnten 552 Datensätze zu inzidenten Malignomen bei 542 Patienten auswerten. Wichtigstes Ergebnis: Die Häufigkeiten der Aids-definierenden (AD) Malignome, also das Kaposi-Sarkom, das invasive Zervix-Ca und das Non-Hodgkin-Lymphom, nehmen ab.

Dagegen werden nicht Aids-definierende (NAD) Malignome wie Hodgkin-Lymphom, invasives Analkarzinom, Lungen-, Hautkrebs und hepatozelluläres Karzinom bei HIV-Infizierten häufiger.

Knapp 46 Prozent der gemeldeten Krebserkrankungen (n=253) gehörten zu den AD-Malignomen. Es waren vor allem Kaposi-Sarkome (n=132) und aggressive B-Zell-Lymphome (n=109). Außerdem gab es zwölf invasive Zervixkarzinome unter den Aids-definierenden Tumoren.

Normale Krebsarten treten häufige auf als Aids-typische Malignome

Bei den NAD-Malignomen (54,2 Prozent) waren 214 der 299 Krebserkrankungen solide Tumoren, einschließlich 71 Analkarzinome. Am zweithäufigsten unter den soliden NAD-Tumoren war Hautkrebs (n=30), es folgten Bronchial-Ca (n=20) und Leberkrebs (n=11).

 85 der gemeldeten NAD-Malignome waren Hämoblastosen, davon 29 Hodgkin-Lymphome. Der hohe Anteil der NAD-Malignome war über die gesamte Beobachtungszeit konstant.

Nicht-Aids-definierende Malignome sind zwei- bis dreimal häufiger bei HIV-Infizierten als in der Allgemeinbevölkerung, berichten die HIV-Experten, bei AD-Malignomen beträgt der Faktor 30 und mehr.

Mögliche Ursache für eine erhöhte Inzidenz der NAD-Malignome könnten außer einer längeren Lebenserwartung der Patienten die höhere Prävalenz bekannter Malignom-Risikofaktoren sein: Zum Beispiel rauchen 45 bis 50 Prozent der Menschen, die HIV-infiziert sind, 10 bis 15 Prozent haben einen hohen Alkoholkonsum.

Immunsuppression und opportunistische Infektionen

Koinfektionen mit onkogenen Viren wie dem humanen Papillomavirus oder HBV und HCV sind häufiger als bei der Allgemeinbevölkerung. Auch die mit der HIV-Infektion assoziierte Abwehrschwäche könnte das Krebsrisiko erhöhen.

Vor allem bei der Pathogenese der Lymphome könnte die Immunsuppression von Bedeutung sein. Denn zusätzlich zu einer polyklonalen B-Zellstimulation als Folge der HIV-Infektion von T-Zellen könnte auch die Zytokindysregulation, eine Folge der chronischen Antigenstimulation, das Entstehen von Lymphomen begünstigen.

Die aktuellen Daten aus Deutschland, auch das Verhältnis von NAD zu AD-Tumoren von 1,18, bestätigen neuere international publizierte Daten, wie die Ergebnisse einer im Jahr 2009 veröffentlichten Kohortenstudie aus Kalifornien: Danach lag das Verhältnis von NAD- zu AD-Malignomen bei 1,21 (AIDS 2009; 23: 2337).

Die Wissenschaftler empfehlen, die Krebsvorsorge zu intensivieren. Für Frauen und Männer mit HIV-Infektion sei eine jährliche Vorsorgeuntersuchung auf Analkarzinome ratsam, bei auffälligem Befund sollte sich eine hochauflösende Anoskopie und Proktoskopie anschließen.

Für HIV-infizierte Männer älter als 45 Jahre ein Mal pro Jahr eine digital rektale Untersuchung als Prostatakarzinomprophylaxe (mit oder ohne PSA-Test), für HIV-Infizierte beiderlei Geschlechts schon ab dem Alter von 45 Jahren eine Koloskopie (Kolorektalkarzinom) und für Frauen ab dem 20. Lebensjahr eine Gebärmutterhalskrebs-Prophylaxe und zwischen dem 50. und 69. Lebensjahr alle zwei Jahre eine Mammografie.

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