Ärzte Zeitung, 17.07.2006

GASTKOMMENTAR

Auch Alte haben ein Recht auf Diagnostik

Von Jürgen F. Riemann

Professor Jürgen F. Riemann aus Ludwigshafen sagt: Alter ist kein Grund, eine Maßnahme zu unterlassen! Foto: privat

In einer aktuellen Studie zur Screening-Koloskopie empfehlen die Autoren, besonders bei über 80jährigen zurückhaltend zu sein mit Screening-Koloskopien.

Der Grund: Zwar war die Inzidenz von Polypen und Kolonkarzinomen in der Gruppe der über 80jährigen höher als in der Gruppe der 50- bis 54jährigen. Doch nach Berechnungen hatten solche Diagnosen keinen wesentlichen Einfluß auf die Lebenserwartung. Lohnt sich also eine Vorsorge-Koloskopie bei alten Menschen nicht?

Doch! Alter ist kein Grund, eine Maßnahme zu unterlassen! Es geht nicht nur um Lebensverlängerung. Es geht auch darum: Ein 85jähriger, der ein Karzinom hat, durchleidet dasselbe wie einer, der 50 ist.

Es macht keinen Sinn, die Empfehlung zum Koloskopie-Screening auf alle Menschen bis 100 Jahre auszudehnen. Daß dann also jeder alte Mensch aufgefordert würde, eine solche Untersuchung machen zu lassen. Aber wenn ein gesunder, älterer Mensch mit 80 sagt: Ich möchte eine Vorsorge-Koloskopie, dann würde ich ihm das nicht verweigern und sagen, das hat für sie keinen Sinn. Das wäre unärztlich und unethisch.

Auch ist die Vorbereitung zur Koloskopie für fitte alte Menschen kein Problem. Und die Komplikationsrate ist nicht höher bei Älteren, wenn sie nicht allzuviele Erkrankungen haben. Wenn ein alter Mensch etwa herzinsuffizient ist, einen Hochdruck und Diabetes hat, steigt natürlich das Risiko für Komplikationen.

Dann sollte man sich fragen, ob eine Vorsorge-Koloskopie sinnvoll ist. Die meisten älteren Menschen mit mehreren Krankheiten wollen aber ohnehin keine zusätzlichen Untersuchungen, wenn sie keine Symptome haben.

Grundsätzlich gilt: Alter ist kein Grund, irgendeine Maßnahme zu unterlassen. Die Zeit dieses Schubladendenkens ist vorbei.

Professor Jürgen F. Riemann ist der Direktor der Medizinischen Klinik C des Klinikums der Stadt Ludwigshafen. Riemann gehört zu den Gründern der Stiftung LebensBlicke. Die 1998 ins Leben gerufene Stiftung hat sich das Ziel gesetzt, die Zahl der Darmkrebs-Toten in Deutschland bis zum Jahr 2010 zu halbieren.

Lesen Sie dazu auch:
Was nutzen Vorsorge-Koloskopien den Alten?

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