Ärzte Zeitung, 24.05.2017

Anisakiasis

Im Sushi war der Wurm drin

Der Hinweis, er habe Sushi gegessen, brachte die Ärzte im Fall eines 32-jährigen Portugiesen auf die richtige Spur. Statt ihn wegen Verdachts auf akutes Abdomen zu operieren, führten sie eine Gastroskopie durch – und wurden fündig.

Von Elke Oberhofer

Im Sushi war der Wurm drin

Sushi: In rohem Fisch fühlen sich Anisakis-Larven wohl.

© Mara Zemgaliete / fotolia.com

LISSABON. Ein Patient – ein zuvor vollkommen gesunder 32-jähriger Mann – war bei Aufnahme in die Lissaboner Klinik in einem alarmierenden Zustand: Er hatte heftige Bauchschmerzen, musste sich übergeben und fieberte. Auf die Palpation des Abdomens reagierte er empfindlich, zudem stellten die Ärzte eine Leukozytose fest. Eigentlich lag ein akutes Abdomen nahe; der Mann gab auf Nachfrage jedoch an, er habe vor einigen Tagen Sushi gegessen. Also entschlossen sich die Gastroenterologen zur Endoskopie – und wurden fündig: Im Schein der Lampe ringelte sich im Magen ein schlanker Wurm. Der Kopf hatte sich in die Schleimhaut gebohrt; diese war dort, wo der Übeltäter saß, angeschwollen und gerötet (BMJ Case Rep 2017, online 11. Mai).

–20° Celsius für 24 Stunden braucht es mindestens, um Anisakis abzutöten. Auch Temperaturen über 60° Celsius überlebt der Fadenwurm nicht.

Gefahr durch rohen Fisch

Fadenwürmer der Gattung Anisakis – als ein solcher stellte sich der ungebetene Gast heraus – parasitieren für gewöhnlich in Fischen oder anderen Meeresfrüchten. Bei Rohverzehr von solchem Getier kann der Wurm, oder vielmehr dessen Larvenstadium, jedoch auch auf den Menschen übergehen. Angesichts der zunehmenden Verbreitung von Sushi- oder Sashimigerichten wird auch in den Ländern der westlichen Welt mit einer Zunahme der Fälle gerechnet.

Der Parasit kommt auch in anderen Seefischen, beispielsweise Matjeshering vor. Allerdings unterliegen Fische, die in Deutschland auf den Markt kommen, einer strengen Qualitätskontrolle. Temperaturen von über 60 °C oder unter –20 °C, Letzteres für mindestens 24 Stunden, überlebt Anisakis nicht. Experten empfehlen daher, frischen Fisch generell durchzubraten oder, wenn er roh verzehrt werden soll, schnell auszunehmen und zunächst für vier Tage einzufrieren.

Gastroskopie führte zur Diagnose

Im vorliegenden Fall konnte der Patient von Glück reden, dass die Ärzte des Hospital Egas Moniz an die Möglichkeit eines Parasiten gedacht hatten. Die Symptome der Anisakiasis, das betont das Team um Dr. Joana Carmo, könnten denen eines bauchchirurgischen Notfalls ähneln.

Bei dem portugiesischen Patienten führte die Gastroskopie zum Ziel: Mit einem Roth-Netz konnte der Fadenwurm gepackt und vollständig entfernt werden. Im Anschluss daran wurde der Mann rasch symptomfrei.

[24.05.2017, 12:02:32]
Thomas Georg Schätzler 
Hervorragende Übersicht zur Anisakiasis bei Prof. Dr. med. P Altmeyer/Bochum
http://www.enzyklopaedie-dermatologie.de/artikel?id=15219

Anisakiasis ICD10-GM (2016) B81.0

"Definition
Parasitose verursacht durch den Verzehr von Larven der Fisch-Fadenwürmer der Gattung Anisakis und verwandter Spulwurmgattungen (Pseudoterranova descipiens u.a.), mit massiven Oberbauchschmerzen, Nausea und Erbrechen. Seltener sind extraintestinale Lokalisationen wie akute (und chronische) Urtikaria sowie Angioödeme.

Erreger
Anisakis simplex ist ein zu den Nematoden gehörender weltweit vorkommender Fischparasit (Heringswurm), der vor allem Meeressäuger befällt. Der Mensch ist ein Fehlwirt. Die akzidentelle Aufnahme durch rohen oder wenig gegarten Fisch. Es sind drei Arten von Fadenwürmern in Fischen bekannt. Die Art Anisakis simplex gab der Krankheit ihren Namen. Der Fadenwurm kann in rohem Fisch, beispielsweise Sushi oder Hering vorkommen. Die Prävalenz bei Heringen liegt bei rund 70%.

Vorkommen/Epidemiologie
Die Krankheit ist heute relativ selten. Es werden nur wenige hundert Fälle im Jahr bekannt. Hier sind hauptsächlich Länder betroffen, in denen bevorzugt roher Fisch verzehrt wird. Dies ist vor allem Japan.

Klinisches Bild
Im Vordergrund steht die gastrointestinale Symptomatik. Etwa 6-12 Stunden nach der Aufnahme der Larven durch den Verzehr von rohem Fisch tritt i.A. eine Gastroenteritis mit heftigen Bauchschmerzen auf. Auftreten eosinophiler Granulome im Gastrointestinaltrakt. Seltener sind extraintestinale Manifestationen wie akute (und chronische) Urtikaria sowie Angioödeme. Seltener kommt es zum Dünndarmverschluss, Ileitis und Appendicitis."

Nematoden (Fadenwürmer) aus der Gruppe der Helminthes (Würmer) sind in der Medizin als Endoparasiten des Menschen von Interesse.
Wichtigste Vertreter sind:

- Ascarides (Spulwürmer) als Ascaris lumbricoides, dem Gemeinen Regenwurm (Lumbricus terrestris) ähnlich (Europa selten)

- Oxyuren (Madenwürmer) Enterobius vermicularis (weltweit)

- Ancylostoma duodenale als Hakenwurm (Tropen, Subtropen)

- Trichuris trichiura als Peitschenwurm (feuchtwarm, Hygienemängel)

- Strongyloides stercoralis als Zwergfadenwurm (feuchtwarmes Klima)

- Fisch-Fadenwürmer der Gattung Anisakis (sehr selten) usw. usf.


Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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[24.05.2017, 07:25:04]
Ursula Günther 
Gratulation!
Gratulation an die umsichtigen Kollegen in Lissabon! Und danke an die Ärztezeitung, dass man von solchen Möglichkeiten wieder einmal etwas erfährt,
U. Günther, Viernheim zum Beitrag »

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