Ärzte Zeitung, 14.11.2014
 

Winterblues

Das ist der Grund fürs Stimmungstief

Je länger die Nächte, umso tiefer die Stimmung - dieses Phänomen kennen viele. Forscher haben jetzt die Ursache für die saisonal abhängige Depression gefunden.

Von Thomas Müller

Das ist der Grund fürs Stimmungstief

Die saisonal abhängige Depression tritt in den Herbst- und Wintermonaten auf. Im ICD-10 ist sie den rezividierenden depressiven Störungen zugeordnet.

© Tyler Olson / fotolia.com

BERLIN. Je länger die Nächte, umso tiefer die Stimmung - gerade in nördlichen Breiten können viele in den Winterblues einstimmen. So ist nach Schätzungen jeder sechste Skandinavier davon betroffen. Kein Wunder, dass sich vor allem die Nordlichter um die Erforschung der saisonal abhängigen Depression (SAD) bemühen.

Mit Erfolg, wie ein Team um Dr. Brenda Mc Mahon von der Universität in Kopenhagen jetzt auf dem Kongress des European College of Neuropsychopharmacology (ECNP) in Berlin zeigen konnte (ECNP-Kongress Berlin, Poster P.1.i.037).

PET-Untersuchungen

Die dänischen Wissenschaftler haben in einer Longitudinal-Studie elf Patienten mit Winterdepression und 23 gesunde Probanden jeweils zwei PET-Untersuchungen unterzogen - zur Sommer- und zur Wintersonnenwende.

Da Querschnittsstudien bereits Hinweise auf Unterschiede im Serotoninstoffwechsel des Gehirns bei SAD-Patienten geliefert hatten, nahmen die dänischen Forscher in ihrer Studie das Serotonin-Transporter-Protein genauer unter die Lupe. Das Protein führt bekanntlich Serotonin aus den Synapsen in die Nervenzellen zurück.

Je höher die Konzentration des Transporters, umso weniger Serotonin steht für die Neurotransmission zur Verfügung.

Zunächst versuchte das Team um Mc Mahon, SAD-Patienten von Nichtdepressiven sauber zu trennen. Dazu mussten alle Teilnehmer den Seasonal Pattern Assessment Questionnaire (SPAQ) beantworten.

Dort werden saisonale Veränderungen bei Schlaf, Stimmung, Appetit und Gewicht erfasst. Aus den Antworten ergibt sich ein Summenscore zwischen 0 und 24 Punkten, ab 11 Punkten wird von einer SAD ausgegangen.

Auf diese Angaben verließen sich die Forscher aber nicht: SAD-Verdächtige wurden zusätzlich im Winter und Sommer von einem Psychiater untersucht. Als SAD-Patienten galt nur, wer im Winter, aber nicht im Sommer tatsächlich depressiv war.

Saisonale Schwankungen

Die Patienten mit saisonal abhängiger Depression sowie die gesunden Probenden erhielten für die PET-Untersuchungen nun einen Marker, mit dem sich die Konzentration des Serotonin-Transporters im Gehirn nachweisen ließ.

Zudem wurden nur solche Patienten ausgewählt, die eine Kurzversion der Polymorphismus-Region im Gen für den Transporter trugen. Dies ist bei etwa 70 Prozent der Bevölkerung der Fall. Solche Personen scheinen anfälliger für den Winterblues zu sein als Träger einer Langversion.

Wie sich aus den PET-Untersuchungen ergab, zeigten die SAD-Patienten tatsächlich saisonale Schwankungen bei der Konzentration des Serotonin-Transporters: Im Winter waren die Werte etwa fünf Prozent höher als im Sommer, dagegen gab es bei den gesunden Probanden keine signifikanten jahreszeitlichen Schwankungen.

Nach diesen Studienergebnissen erscheint es durchaus plausibel, dass erhöhte Werte für den Transporter im Winter eine Ursache für die SAD sein könnten. "Wir glauben, wir haben das Rädchen gefunden, an dem das Gehirn dreht, wenn es im Lauf der Jahreszeiten den Serotoninspiegel ändert", so Mc Mahon auf dem Kongress.

Ungelöst bleibt aber noch die Frage, warum das Gehirn nur bei bestimmten Menschen an diesem Rädchen dreht.

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