Ärzte Zeitung online, 13.11.2017
 

Mögliche Früherkennung

Ist schlechter Schlaf eine Ursache für Alzheimer?

Eine neue Studie deutet darauf hin, dass Alzheimer mit schlechtem Schlaf zusammenhängt. Ärzte könnten die Krankheit früh erkennen, wenn sie bestimmte Biomarker messen.

Ist schlechter Schlaf eine Ursache für Alzheimer?

Die Universität von Wisconsin hat 101 Patientendaten zu Alzheimer ausgewertet.

© freshidea / stock.adobe.com

MADISON. Zusammenhänge zwischen der Schlafgüte und dem Risiko, an M. Alzheimer zu erkranken, sind seit Längerem in Diskussion. Guter Schlaf soll als eine Art Spülmaschine fürs Gehirn dazu beitragen, Stoffwechselmüll zu entfernen. Entsprechend könnte gestörter Schlaf dazu beitragen, dass der Müll sich sammelt – und schließlich eine Demenz verursacht.

In diese Richtung zielt auch eine Studie des Teams um Dr. Kate Sprecher von der University of Wisconsin in Madison (Neurology 2017; 89 (5): 445-453). Die Forscher hatten die Daten von 101 Mitgliedern des Wisconsin Registry for Alzheimer's Prevention (WARP) analysiert, die im Mittel 63 Jahre alt waren.

Sie hatten Angaben zu ihrer Schlafqualität gemacht und sich einer Liquorpunktion unterzogen. In kognitiven Tests hatten sie normale Ergebnisse. 73 Prozent der Probanden hatten aber eine positive Familienanamnese für M. Alzheimer: Mutter, Vater oder beide waren erkrankt.

Statistische Zusammenhänge zwischen Alzheimer und Schlaf

Statistisch ergab sich eine Korrelation zwischen der Güte des Schlafs, Schlafproblemen allgemein sowie der Tagesschläfrigkeit und der Liquorkonzentration bestimmter Marker, die mit dem Amyloidmetabolismus, der Plaquebildung und der Tau-Pathologie in Verbindung stehen.

Es zeigten sich ein erniedrigtes Aβ42/Aβ40-Verhältnis und erhöhte Quotienten von Tau-Gesamt/Aβ42, Tau-phosphoryliert/Aβ42, MCP-1/Aβ42 und YKL/Aβ42. MCP-1 und YKL sind Marker der neuronalen bzw. axonalen Degeneration. Keinen signifikanten Zusammenhang gab es mit dem Degenerationsmarker Neurofilament light und Neurogranin, das für synaptische Dysfunktion steht.

"Als schlecht wahrgenommener Schlaf war mit einem höheren Ausmaß von pathologischen Veränderungen assoziiert, die mit Morbus Alzheimer einhergehen", resümieren Sprecher und ihr Team die Ergebnisse ihrer Querschnittstudie. Die Schlafqualität lasse sich verbessern.

Früherkennung durch Schlafmessung?

Die Schlafgesundheit sei daher womöglich ein Hebel für eine frühe Intervention, um die Alzheimerpathogenese zu bremsen. Letzteres würde voraussetzen, dass schlechter Schlaf eine Alzheimerkrankheit (mit)verursachen kann.

Eine Kausalaussage ist auf der Basis der vorliegenden Studie aber nicht möglich. Aus anderen Studien mit jungen, gesunden Probanden ist freilich bekannt, dass Schlafentzug die Amyloidkonzentrationen im Liquor ungünstig beeinflusst; auch Tierversuche bestätigen Veränderungen im Amyloidstoffwechsel und in der Tau-Phosphorylierung durch Schlafrestriktion.

Umgekehrt sinkt unter den pathologischen Veränderungen im Zusammenhang mit M. Alzheimer die Schlafqualität. Das räumen auch die Studienautoren ein: "Es gibt Hinweise auf eine wechselseitige Beziehung zwischen Schlaf und Amyloid."

Eine Querschnittstudie könne dies nicht entwirren. Um den Verlauf von Schlafverhalten und Hirnpathologie in der präklinischen Phase der Alzheimerkrankheit zu bestimmen, seien Längsschnittstudien wichtig. (rb)

[13.11.2017, 13:39:05]
Dr.med. Elisabeth Grunwald 
Henne oder Ei?
Hirnorganische Veränderungen können ohne Weiteres mit einer schlechten Schlafqualität einhergehen. Schlafen scheint eine ziemlich anspruchsvolle Tätigkeit des Gehirns zu sein.
Gehe davon aus, dass Alzheimer die Schlafqualität zunehmend verschlechtert, auch schon im Früh- Prodromalstadium noch ohne deutliche Ausfälle. Frage mich, wieso es immer versucht wird, das andersherum zu interpretieren. zum Beitrag »
[13.11.2017, 11:46:05]
Helmtrud Harnack 
Ist Alzheimer nicht ein multifaktorelles Geschehen?
Es ist äußerst verwunderlich, dass immer wieder spezifische pathologische Substanzen, wie hier zur Entstehung des Alzheimers, die Ursache einer multifaktoriellen Erkrankung wie auch des neuroendokrinen Systems verantwortlich sein sollen. Wäre nicht zuerst zu fragen, weshalb und wodurch diese Laborparameter pathologisch geworden sind? Zu fragen wäre wohl auch, wodurch z.B. neuronale bzw. axonale Degenerationen entstehen. Zu denken ist dabei wohl vor allem an Rauschen, Alkohol, Ernährung, Infektionskrankheiten, auch stumme Infektionserkrankungen, der Lebenswandel, eben auch neuroendokrine Erkrankungen. So kann die Ursache einer arteriosklerotischen Erkrankung mit erhöhtem Cholesterin bis hin zur Arteriosklerose z.B. auch eine Hypothyreose sein, die dann nach entsprechender Disposition zu Alzheimer führen kann.
Den Wert der interessanten Forschung möchte ich nicht abstreiten. Interpretiert man zum vermuteten Ergebnis dabei nicht eventuell, wir haben nun die „Nadel in einem Heuhaufen“ gefunden, die für Schlafstörungen als Ursache für Alzheimer verantwortlich sein soll?
 zum Beitrag »
[13.11.2017, 06:43:30]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
"101 Dalmatiner"?
Diese Frage stellt sich mir schon, wenn Forscher die Daten von ausgerechnet 101 Mitgliedern des Wisconsin Registry for Alzheimer's Prevention (WARP) analysiert haben, die im Mittel 63 Jahre alt waren. Das ist eine viel zu kleine, willkürliche Studienpopulation für die eigentlich Alzheimer-fernere Klärung der Fragestellung: [Is] "Poor sleep is associated with CSF biomarkers of amyloid pathology in cognitively normal adults" von Kate E. Sprecher et al. [¿]
https://www.readbyqxmd.com/read/28679595/poor-sleep-is-associated-with-csf-biomarkers-of-amyloid-pathology-in-cognitively-normal-adults

Robert Bublak ist uneingeschränkt zuzustimmen, wenn er kritisch beobachtend und analysierend hier in der Ärzte Zeitung schreibt:
"Die Schlafgesundheit sei daher womöglich ein Hebel für eine frühe Intervention, um die Alzheimerpathogenese zu bremsen. Letzteres würde voraussetzen, dass schlechter Schlaf eine Alzheimerkrankheit (mit)verursachen kann.

Eine Kausalaussage ist auf der Basis der vorliegenden Studie aber nicht möglich. Aus anderen Studien mit jungen, gesunden Probanden ist freilich bekannt, dass Schlafentzug die Amyloidkonzentrationen im Liquor ungünstig beeinflusst; auch Tierversuche bestätigen Veränderungen im Amyloid-Stoffwechsel und in der Tau-Phosphorylierung durch Schlafrestriktion.

Umgekehrt sinkt unter den pathologischen Veränderungen im Zusammenhang mit M. Alzheimer die Schlafqualität. Das räumen auch die Studienautoren ein: "Es gibt Hinweise auf eine wechselseitige Beziehung zwischen Schlaf und Amyloid."

Eine Querschnittstudie könne dies nicht entwirren. Um den Verlauf von Schlafverhalten und Hirnpathologie in der präklinischen Phase der Alzheimerkrankheit zu bestimmen, seien Längsschnittstudien wichtig" (Zitat Ende).

Vgl. dazu auf Twitter:

Ärzte Zeitung @aerztezeitung
Mögliche Früherkennung: Ist schlechter Schlaf eine Ursache für Alzheimer? https://t.co/r9USEimKaO

von Thomas G. Schätzler @ThomasGSchtzler: "Studie zur Klärung dieser Frage ungeeignet/disqualifiziert. Alzheimer-Krankheit durch frühen, fragmentierten Schlaf gekennzeichnet. Ursache/Wirkung verwechselt?Vgl.https://t.co/8hAcxnL2Ed"

Auf die Kontroversen
"Cave Benzodiazepine: Über lange Zeit eingenommen, steigt das Demenzrisiko"
Ute Eppinger | 19. September 2014 https://deutsch.medscape.com/artikel/4902622
und
"Doch kein erhöhtes Demenzrisiko durch Benzodiazepine? Deutsche Experten sehen US-Studie allerdings kritisch" Gerda Kneifel | 11. Februar 2016
https://deutsch.medscape.com/artikelansicht/4904571
will ich hier gar nicht vertiefend eingehen.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »

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