Ärzte Zeitung online, 09.11.2016
 

Das Rapunzel-Syndrom

Warum Menschen ihre eigenen Haare essen

Süßer Name – schlimme Folgen: Menschen mit Rapunzel-Syndrom essen ihre Haare – und können sogar daran sterben. Was steckt hinter dieser seltenen Störung?

Von Alexander Joppich

Warum Menschen ihre eigenen Haare essen

Weit entfernt vom Märchen: Das Rapunzel-Syndrom ist eine seltene psychische Störung.

© iridi/ iStock/ Thinkstock

TUCSON. "Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herunter!", heißt es in der berühmten Geschichte über das eingesperrte Mädchen, zu dem ein Königssohn an eben diesen Haaren klettert. Was im Grimm‘schen Märchen mit Romantik assoziiert wird, hat im medizinischen Bereich nichts Positives: Das Rapunzel-Syndrom ist eine seltene psychische Störung.

Aktueller Fall: Ärzte um Dr. Waqas Ullah von der Uniklinik Tucson operierten einer Frau aus Arizona einen 15x10 cm großen, verfilzten Haarklumpen aus dem Magen. Nicht genug damit, die Ärzte fischten ihr auch noch einen 4x3 cm dicken Haarballen aus dem Dünndarm.

Frau konnte kein Essen mehr im Magen behalten

Zuvor litt die 38-Jährige an Verstopfung, übergab sich immer wieder plötzlich und ihr Magen schwoll wie ein Ballon an. Bei ihrer Einweisung ins Krankenhaus konnte die Frau kein Essen ohne Erbrechen im Magen behalten – sie hatte in den Monaten vor der Behandlung sieben Kilo abgenommen.

Bei der Anamnese gab die Patientin an, dass sie an Appetitmangel litt, allerdings kein Fieber hatte und auch nicht über Bauchschmerzen klagte.

Die Laborwertuntersuchung stellte niedrige Hämoglobin- sowie MCV-Werte fest. Auch der Serumproteinwert lag mit 6g/dl unter dem Normalwert. Die Plättchen- und Leukozytenzahl waren dagegen unauffällig, ebenso die Kalzium-, Vitamin-D- und B12-Werte.

Erst bei der Op entdeckte Dr. Ullah das mehr als Tennisball-große Bündel aus Haaren: Während der Hauptteil im Magen lag, schlängelten sich die Haarsträhnen durch den Dickdarm – ähnlich wie die Haare der Märchenprinzessin vom Turm herab.

Die Betroffene hatte anscheinend seit Monaten ihre eigenen Haare gegessen, die vom Verdauungssystem bekanntlich nicht abgebaut werden können.

Nur 89 Fälle weltweit bekannt

Trichophagie, so der Fachbegriff für das Verspeisen der eigenen Haare, ist selten: Nur 89 dokumentierte Fälle kennt die Wissenschaft – etwa eines von 2000 Mädchen isst ihre Haare, so Schätzungen.

Das Syndrom mit dem niedlichen Namen ist psychisch bedingt. Die genauen Auslöser dieser Verhaltensstörung sind unbekannt.

Es können beispielsweise Zusammenhänge mit Depressionen, Bulimie und Persönlichkeitsstörungen bestehen. Oft hat dieses Leiden etwas mit einer Störung des Selbstwertgefühls zu tun, besonders Kinder sind davon betroffen. Nur 20 Prozent der Kranken sind über 20 Jahre alt; lediglich 3 Prozent älter als 30 Jahre.

Typische Symptome des Rapunzel-Syndroms sind abdominelle Schmerzen (vor allem im Oberbauchbereich), Appetitlosigkeit und Alopecia areata durch das Ausreißen der Haare.

Die Haare im Verdauungstrakt können dabei schwerwiegende Folgen haben. Neben Bauchschmerzen kann das Haarknäul einen Darmverschluss auslösen und der betroffene Darmteil dadurch absterben. Mediziner fürchten auch eine Peritonitis, eine Bauchfellentzündung, durch den Fremdkörper im Verdauungssystem.

Schwierige Entfernung bringt Ärzte oft an die Grenzen

Haben Mediziner erst einmal die Ursache in der seltenen Störung gefunden, gestaltet sich die akute Behandlung kompliziert. Viszeralchirurgen aus Wiesbaden hatten es bei einer Vierjährigen mit einem steinharten Trichobezoar, einem Haarbündel, zu tun.

Dieser hatte sich wie eine Fliese quer über den gesamten Magen gezogen und ragte rund 30 cm bis in den Dünndarm hinein.

Eine endoskopische Entfernung scheiterte an der Größe; auch die Zerteilung brachte keinen Erfolg. Das Mädchen musste operiert werden.

Psychotherapie kann sinnvoll sein

Wichtig zu wissen: Verhaltensstörungen wie das Rapunzel-Syndrom müssen dreifach behandelt werden. Zum einen ist da die psychische Komponente. Bei einer Psychotherapie fokussieren sich Ärzte auf Stimuluskontrollen und Verhaltensveränderungstraining.

Um Rezidive zu verhindern, können auch Antidepressiva gegeben werden. Ebenfalls können Antipsychotika und Stimulanzien helfen.

Akut müssen Mediziner natürlich die Gegenstände im Körper chirurgisch entfernen. Dazu kommen oft medikamentöse Behandlungen, die einen Nährstoffmangel ausgleichen.

Nicht zuletzt gibt es besonders bei kleinen Mädchen laut Ärzten eine ganz einfache Vorbeugung – allerdings eher mit dem Holzhammer und nur gegen die Symptome: Eltern sollen ihnen eine Kurzhaarfrisur schneiden lassen.

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