Ärzte Zeitung, 16.02.2006

INTERVIEW

"Ob nach Schulter-, Hüft- oder Kniegelenkersatz - prinzipiell dürfen Patienten wieder skifahren"

Die Skisaison ist in vollem Gange, und das Skifahren reizt Jung und Alt. Auch manche Menschen mit künstlichen Gelenken, die früher gerne Ski gefahren sind, wollen sich gerne wieder auf die Bretter wagen. Dürfen sie das? Ja, durchaus, auch Endoprothesen-Träger dürften alpin skifahren oder Skilanglauf betreiben, sagt der Orthopäde Dr. Hubert Hörterer vom Medical Park in Bad Wiessee. Hörterer widerspricht damit manchem Kollegen. Den Leitenden Arzt des Deutschen Skiverbandes, der derzeit bei der Olympiade in Turin dabei ist, hat Thomas Meißner für die "Ärzte Zeitung" gefragt: Was ist zu beachten, wenn ein Patient mit Endoprothese wieder Wintersport treiben möchte?

   
Dr. Hubert Hörterer: Skifahren in Schontechnik ist wenig belastend. Fotos (2): privat  
 

Ärzte Zeitung: Herr Dr. Hörterer, welche Art von Wintersport darf man denn nach endoprothetischem Ersatz eines Gelenks treiben, was sollte man lieber lassen?

Hörterer: Gerade hier in Bayern fragen viele Patienten, ob sie wieder Skifahren dürfen. Prinzipiell lautet die Antwort: Ja, egal ob nach Schulter-, Hüft- oder Kniegelenkersatz. Aber: Voraussetzung ist natürlich eine fachärztliche Untersuchung. Dabei wird überprüft: Ist die Muskulatur in gutem Zustand? Sitzt die Prothese richtig oder gibt es Lockerungszeichen? Liegen Begleiterkrankungen vor, etwa eine Osteoporose oder internistische Krankheiten? Hat früher mal eine Infektion im Gelenk vorgelegen? Erst nach dem orthopädischen Check-up kann man grünes Licht geben.

Und - jetzt kommt das zweite Aber: Es ist wichtig, daß der Wiedereinstieg in den Skisport unter Anleitung stattfindet. Wir bieten seit zehn Jahren an unserer Klinik Kurse für Patienten mit Hüft-, Knie- oder Schulterprothesen an, bei denen ein Team aus Ärzten, Physiotherapeuten, Diplom-Sportlehrern, medizinisch ausgebildeten Skilehrern sowie bei Bedarf eine Psychologin ein spezielles Technik-, Taktik- und Methodikprogramm vermittelt und, wenn nötig, die Ängste nimmt. Dann kann der Patient, natürlich mit "angezogener Handbremse", wieder Ski fahren.

Ärzte Zeitung: Nun raten manche Orthopäden gerade vom alpinen Skifahren ab, weil unkontrollierte Bewegungen die Prothesen gefährden könnten. Gibt es eine bestimmte Technik, um solche Bewegungen zu vermeiden?

    "Erst nach einem orthopädischen Check-up kann man den Patienten grünes Licht geben"
   

Hörterer: Der Patient muß selbstverständlich muskulär auf diese Anforderungen vorbereitet sein. Der häufig geäußerten Auffassung, alpiner Skisport sei besonders belastend für Endoprothesen, muß ich jedoch widersprechen. Fährt man den Hang in der sogenannten Schontechnik hinunter, das heißt mit breiter Skiführung und wenig Rotationsbewegungen, hat man teilweise wesentlich geringere Belastungen der künstlichen Gelenke als beim normalen oder beschleunigten Gehen! Das ist wissenschaftlich untermauert und trifft sowohl auf Hüft- als auch Knieprothesen zu, wobei man Patienten mit Knieprothesen sensibler beurteilen muß als mit Hüftprothesen.

Ärzte Zeitung: Machen Sie einen Unterschied zwischen einem Einheimischen, der seit Kindesbeinen auf den Brettern steht und einem Touristen, der einmal im Jahr in den Winterurlaub fährt?

Hörterer: Das ist ein wichtiger Punkt. Jemand, der schon früher wenig Ski gefahren ist, den sollte man nach einem Gelenkersatz nicht zum Skifahren animieren.

Ärzte Zeitung: Wie sieht es mit anderen Wintersportarten aus?

Hörterer: Beim Skilanglauf sollte berücksichtigt werden, daß man auf recht schmalen Brettern steht. Wenn es damit mal bergab geht, ist das für Gelenkprothesen natürlich wesentlich gefährlicher als mit Alpinskiern. Die ausgewählte Route sollte entsprechend angepaßt sein. Eislaufen ist in Ordnung, solange man die Lauftechnik sicher beherrscht. Ich empfehle Patienten mit Hüftprothesen, Hüftprotektoren zu tragen.

Ärzte Zeitung: Wie oft sehen Sie Patienten, die aufgrund sportlicher Aktivität Prothesenprobleme haben?

    "Patienten mit Knieprothesen müssen sensibler beurteilt werden als Patienten mit Hüftprothesen"
   

Hörterer: Wir haben inzwischen Zehnjahres-Ergebnisse bei über 300 Patienten, die intensiv Alpin-Ski gefahren sind. Dabei ist nur eine Lockerung einer Hüftprothese aufgetreten sowie eine periprothetische Fraktur nach einem Sturz. Für die Knieprothesen kennen wir inzwischen die Achtjahres-Ergebnisse bei 280 Patienten und haben bislang keine Lockerung gesehen.

Ärzte Zeitung: Welche Sportarten sind, abgesehen vom Wintersport, Patienten mit Gelenkersatz außerdem zu empfehlen?

Hörterer: Für weniger sportliche Menschen eignen sich Radfahren, Schwimmen, Gymnastik oder ein medizinisches Training in einem Fitneßstudio. Wer wandern möchte, sollte langes Bergabgehen, besonders mit schwerem Rucksack, vermeiden. Besser ist es, zum Beispiel einen Berg hochzugehen und dann mit der Bahn herunterzufahren. Für etwas sportlichere Leute gibt es eine ganze Reihe weiterer geeigneter Sportarten, Golf zum Beispiel. Zu meiden sind Kontaktsportarten wie Fußball - der Gegner nimmt meist keine Rücksicht auf eine Prothese!

Ärzte Zeitung: Sollten Patienten, die wissen, daß sie nach der Operation weiterhin körperlich sehr aktiv bleiben wollen, darüber mit ihrem Operateur sprechen? Hat das Auswirkungen auf die Implantationstechnik und die Auswahl des Implantats?

Hörterer: Ich denke nicht, daß das Auswirkungen hat. Die heutigen Prothesenmaterialien sind ausgereift. Und es bekommt nicht derjenige, der wenig Sport treibt, etwas schlechteres. Dennoch würde ich empfehlen, mit dem Operateur zu sprechen, weil er später dem Patienten nützliche Hinweise geben kann.

ZUR PERSON

Dr. Hubert Hörterer ist Facharzt für Orthopädie, Sportmedizin und physikalische und Rehabilitative Medizin.

Der Arzt ist für den Deutschen Skiverband in Sestriere und leitet eine Anlaufstelle für Athleten. Hörterer arbeitet sonst im Medical Park in Bad Wiessee St. Hubertus.

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