Ärzte Zeitung, 05.03.2010

Frühchen wog bei Geburt nur 275 Gramm - und hat überlebt

GÖTTINGEN (pid). Am Göttinger Universitätsklinikum hat die moderne Intensivmedizin einen neuen "Frühchen"-Rekord ermöglicht. Ein Junge, der bei seiner Geburt nur 275 Gramm wog, hat trotz des geringen Gewichts überlebt. Nach sechs Monaten auf der Intensivstation konnte der Säugling inzwischen nach Hause entlassen werden.

zur Großdarstellung klicken

Der Junge knapp vier Monate nach seiner Geburt, zum Zeitpunkt seines errechneten Geburtstermins. © Universitätsmedizin Göttingen

Das Baby sei nach den bekannten vorliegenden Daten der weltweit leichteste Junge, der eine extrem frühe Geburt überlebt habe, sagte am Donnerstag der Sprecher der Göttinger Universitätsmedizin, Stefan Weller. Insgesamt sei es das viertleichteste Kind überhaupt. Grundsätzlich gehen Kinderärzte davon aus, dass Babies mit einem Geburtsgewicht von unter 350 Gramm nicht lebensfähig sind.

Es ist bereits die zweite spektakuläre Frühchen-Geburt am Göttinger Uni-Klinikum. Vor drei Jahren war dort das Mädchen Kimberley auf die Welt gekommen, das nur 300 Gramm wog. Das Kind habe sich weiter gut entwickelt und sei wohlauf, sagte Weller.

Ebenso wie damals Kimberley wurde auch der Junge in der 25. Schwangerschaftswoche geboren. Die aus Nordthüringen stammende Mutter war im vergangenen Juni wegen Schwangerschaftsproblemen in das Göttinger Uni-Klinikum gekommen. Zu diesem Zeitpunkt war das Baby im Mutterleib bereits akut lebensbedrohlich gefährdet, jedoch für eine Geburt noch zu klein.

Die Ärzte der Frauenklinik konnten die Entbindung um zwei Tage hinauszögern. Dann traten jedoch Komplikationen ein, so dass der Junge durch einen Kaiserschnitt auf die Welt geholt werden musste - fünfzehneinhalb Wochen vor dem errechneten Geburtstermin.

Die Mediziner stuften die Überlebenschance des nur 275 Gramm leichten und 27 Zentimeter großen Babies als gering ein, zumal die Sterblichkeitsrate bei Jungen noch um etwa 25 Prozent höher liegt als bei Mädchen.

"Risikofrühgeborene sind gerade in den Wintermonaten durch Infekte der Lunge gefährdet", erläutert der Oberarzt der neonatologischen Intensivstation des Göttinger Klinikums, Dr. Stephan Seliger. Glücklicherweise seien keine schwerwiegenden Komplikationen wie zum Beispiel eine Hirnblutung oder eine lebensbedrohliche Infektion aufgetreten.

Dank der intensiven medizinischen Versorgung und Pflege habe der Junge die ersten Monate gut überstanden, so dass er im Dezember mit einem Gewicht von 3700 Gramm nach Hause entlassen werden konnte. Er stehe aber weiter unter regelmäßiger medizinischer Kontrolle und erhalte eine intensive Förderung, damit er sich motorisch und neurologisch weiter gut entwickele.

Im vergangenen Jahr wurden im Perinatalzentrum des Göttinger Universitätsklinikums über 90 Frühgeborene versorgt, die bei ihrer Geburt weniger als 1500 Gramm wogen.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

30 Minuten Bewegung am Tag verhindern jeden 12. Todesfall

Bewegung verlängert das Leben, das bestätigt die bisher größte Studie zum Thema. Und: Bewegung im Alltag reicht dazu schon aus, es muss kein anstrengender Sport sein. mehr »

Merkel beansprucht Führung weiter für sich

Drastische Einbußen, aber immer noch vorn: Die Wähler versetzen der Union einen Kinnhaken. Die große Koalition scheint passé. Auch die Umfrageteilnehmer der "Ärzte Zeitung" hatten bereits im Vorfeld eine neue "GroKo" abgelehnt. mehr »

Impfpflicht löst Masernproblem nicht

Eine Impfpflicht bei Masern würde ungeimpfte Erwachsene als Verursacher nicht erreichen und Skeptiker vor den Kopf stoßen. Ausbrüche sind nur mit mehr Engagement zu verhindern, so RKI-Präsident Prof. Lothar Wieler. mehr »