Ärzte Zeitung online, 08.03.2018

Umfrage

Apotheker warnen vor Arzneimittel-Missbrauch

Der Einsatz von Arzneien ohne medizinische Notwendigkeit ist zumindest situativ weithin akzeptiert und wird auch praktiziert. Die Apotheker warnen vor erheblichen Suchtrisiken.

Von Helmut Laschet

Aus diesen Gründen missbrauchen die Deutschen Arzneimittel

Fallende Pillen: Mehr als jeder Zehnte nimmt rezeptpflichtige Medikamente, um in eine bessere Stimmung zu kommen. @ Gina Sanders / Fotolia

BERLIN. 17 Prozent der Deutschen zwischen 16 und 70 Jahren haben schon ein verschreibungspflichtiges Arzneimittel ohne medizinische Notwendigkeit zur Steigerung ihres Wohlbefindens eingenommen. Weitere 26 Prozent halten dies zumindest für erwägenswert. Das sind Ergebnisse einer repräsentativen aktuellen Online-Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag der Bundesapothekerkammer, die am Mittwoch in Berlin vorgestellt worden ist.

Bei frei verkäuflichen Arzneimitteln ist das Ausmaß an Fehlgebrauch noch größer: 30 Prozent nehmen diese Arzneimittel ohne medizinische Notwendigkeit, für weitere 25 Prozent käme das in Frage. Auch hier stehen die Verbesserung der geistigen Leistungsfähigkeit und die Reduzierung von Nervosität im Vordergrund.

Apotheke als Hauptbezugsquelle

Sowohl für verschreibungspflichtige Arzneimittel (73 Prozent) als auch für Selbstmedikationspräparate (61 Prozent) ist die Apotheke die Bezugsquelle. Damit kommt Pharmazeuten in der Offizin eine herausragende Rolle bei der Erkennung eines möglichen Fehlgebrauchs von Arzneimitteln und der Beratung ihrer Kunden zu.

Die Bundesapothekerkammer hat dazu einen Leitfaden entwickelt, wie der Vorsitzende ihrer Arzneimittelkommission, Professor Martin Schulz, erläuterte. Der Leitfaden beschreibt Kriterien, die Verdachtsmomente für Missbrauch darstellen:

  • Mehrere Rezepte verschiedener Ärzte mit der gleichen Verordnung werden eingelöst,
  • Hinweise auf Beschaffung aus mehreren wohnortfernen (Filial-)Apotheken,
  • Verschreiben eines kritischen Arzneimittels auf Privatrezept durch verschiedene wohnortferne Ärzte,
  • Rezeptfälschungen,
  • Manipulation von Arzneimitteln, etwa Reklamation von Minderfüllung nach vorheriger Entnahme, insbesondere bei Liquida mit Opioiden und Opiaten.
  • Medikamente für Drogen missbraucht

    Ferner werde versucht, Arzneimittel einzukaufen, etwa Pseudoephedrin, um daraus illegale Drogen wie Chrystal Meth herzustellen oder in Kombination mit CYP/pGP-Inhibitoren die Wirkung zu verstärken oder so zu verändern, dass die Blut-Hirn-Schranke überwunden werden kann.

    Auch der bandenmäßige Kauf von Großpackungen, nicht selten im Internet, sei ein Indiz für derartige Vorgänge. Diese Erkenntnisse, so Schulz, stammen aus den Risikomeldungen der Apotheker an ihre Arzneimittelkommission.

    Mit Sorge sieht der Berliner Anästhesist Professor Christoph Stein (Charité) den steigenden Einsatz von Opioiden bei Nicht-Tumorschmerzen, in der Hauptsache bei Patienten mit chronischen Rückenschmerzen oder Kopfschmerzen.

     Nach einer Meta-Analyse von 60 randomisierten klinischen Studien mit 18.000 Probanden wisse man, dass keine klinisch relevanten Effekte zur Schmerzlinderung erzielt würden. Hingegen sei aber das Suchtpotenzial von Opioiden inzwischen gut belegt, warnt Stein.

    Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

    Schreiben Sie einen Kommentar

    Überschrift

    Text

    Die Newsletter der Ärzte Zeitung

    Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

    O-Saft senkt das Gicht-Risiko - und hält schlank

    Vom Saulus zum Paulus: Galten Fruchtsäfte einst als gesunde Getränke, verbannen heute sogar manche Schulen die süßen Säfte. Forscher brechen jetzt eine Lanze für Orangensaft. mehr »

    SmED hilft, künftig Notfälle richtig einzuschätzen

    16.20 hDie Notfallversorgung startet ins digitale Zeitalter: Am Montag hat die KBV ein softwarebasiertes Instrument zur Begutachtung von Notfallpatienten vorgestellt. mehr »

    Was tun gegen sexuelle Belästigung?

    Anzügliche Bemerkungen, obszöne Witze, schlüpfrige Mails bis hin zu Berührungen: Sexuelle Aufdringlichkeit gehört auch in Praxen und Kliniken manchmal zum Alltag. Statt die Belästigungen zu ignorieren, sollten sich Betroffene wehren - dazu gibt es mehrere Möglichkeiten. mehr »