Ärzte Zeitung online, 08.09.2017
 

Praxen länger öffnen?

Gesundheitsweise wollen die Notfallversorgung aufmischen

Niedergelassene Ärzte sollen ihre Praxen am Abend und an Wochen- enden länger offen halten. Das ist nur einer der Vorschläge der Gesundheitsweisen zur Neuordnung der Notfallversorgung.

Von Anno Fricke

Gesundheitsweise wollen die Notfallversorgung aufmischen

„Werkstattgespräch“ am Donnerstag (von links): Jonas Schreyögg, Marion Haubitz, Ferdinand Gerlach, Moderatorin Petra Schwarz, Andreas Gassen, Georg Baum, Johann-Magnus von Stackelberg und André Gries.

© Helmut Laschet

BERLIN. Ärztlicher Bereitschaftsdienst und die Notfallambulanzen der Kliniken stehen in der kommenden Legislaturperiode vor einer Neuordnung. Dabei geht es im Kern darum, den bislang ungesteuerten Zulauf in die Notfallambulanzen der Kliniken zu kanalisieren. Dieser führt bislang am ärztlichen Bereitschaftsdienst vorbei.

Lesen Sie auch den Kommentar:
Ein Loch in der Mauer<

Der Sachverständigenrat für die Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen hat am Donnerstag erste, noch vorläufige Empfehlungen für eine Integration von ambulantem und stationärem Sektor auf dem Gebiet der Notfallversorgung vorgeschlagen und damit erstmals eine öffentliche Sitzung während einer noch laufenden Gutachtenarbeit abgehalten.

Die drei wichtigsten Punkte:

  • Leitstelle: Voll integrierte Leitstellen von Bereitschaftsdienst und Rettungswesen, die über die Notfallnummern 112 und 116.117 zu erreichen sind, nehmen die Anfragen entgegen. Ärzte sollen dann eine erste Triagierung vornehmen. Ein Drittel der Anrufer könne nach Erkenntnissen der Gesundheitsweisen bereits am Telefon in guter Qualität versorgt werden, sagte Ratsvorsitzender Professor Ferdinand Gerlach.
  • Integrierte Notfallzentren: Das Konzept der Portalpraxen soll weiterentwickelt werden. In sogenannten Integrierten Notfallzentren (INZ) sollen die Patienten nach einem Ein-Tresen-Prinzip begutachtet werden. Um Interessenskonflikte zwischen dem niedergelassenen und dem stationären Bereich zu vermeiden, sollen die KV-Ärzte Vorrang bei der vollstationären Aufnahme von Patienten erhalten. Die INZ sollen aus einem eigenen ungedeckelten Topf vergütet werden.
  • Patientenströme: Die Leitstellen sollen Patienten Termine vermitteln, wann sie sich beim INZ vorstellen können. Wer ohne Termin kommt und nicht dringlich behandlungsbedürftig ist, soll erst nach allen anderen behandelt werden. Die Leitstelle soll zudem Hausarztbesuche veranlassen können sowie Notpflegeteams oder Palliativpflegeteams in Marsch setzen. Der Rettungsdienst soll zudem nicht mehr zwingend Kliniken anfahren, sondern auch die Arztpraxen. Um möglichst viele Patienten in die Praxen zu steuern, sollen die niedergelassenen Ärzte auch am Abend und am Wochenende ihre Praxen öffnen.

Längere Öffnungszeiten erforderten eine Incentivierung, ging KBV-Chef Dr. Andreas Gassen auf diesen Punkt ein. Mehrarbeit unter den Bedingungen der Budgetierung sei sicherlich schwer vermittelbar. Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) griff den Ball auf. Es gebe Sinn, bei der Extrabudgetären Gesamtvergütung (EGV) "beherzt" weiter voranzuschreiten.

Eine Neuordnung der Notfallversorgung bedeute eine Konzentration an weniger Standorten als heute, betonte Gerlach. Es sei aus medizinischer Sicht sinnvoll, weitere Wege bis zum Spezialisten in Kauf zu nehmen, ergänzte DIVI-Chef Professor André Gries.

Gutachten in Arbeit

» Das "Werkstattgespräch" des Sachverständigenrates am Donnerstag war ein Novum: Erstmals in seiner mehr als 30-jährigen Geschichte hat der Rat einen Blick in die laufende Gutachtenarbeit gewährt.

» Im Frühjahr 2018 will der Rat das Gutachten zur Notfallversorgung vorlegen.

» Empfänger sind Bundesrat und Bundesgesundheits- ministerium.

Lesen Sie dazu auch:

Triage: Ärzte fordern Auflösen der Interessenkonflikte

[11.09.2017, 09:39:39]
Dr. Wolfgang Bensch 
"Extrabudgetäre Gesamtvergütung"
Na toll, insgesamt noch ein Extra ... wie sich doch Probleme einfach in Anwesenheit von Gesundheitsministern lösen lassen!
Fragt sich nur, wo die Extra-Ärzte für das Modell gewonnen werden.
 zum Beitrag »
[08.09.2017, 14:26:03]
Dr. Ludek Neklapil 
die Politik muss die Ströme steuern
beim letzten KV-Dienst(10 St.), 40 Leute angesehen, 2 stationär eingewiesen, 2 mit akutem Behandlungsbedarf ambulant weitergeführt, der Rest kommt aus reiner Bequemlichkeit am WE, hätten am Montag zum Niedergelassenen gekonnt, dort auch zur Weiterbehandlung geschickt. Das ist die Realität!
Notdienst kostet nichts, Wartezeiten waren keine. Hier müssen die Patientenströme gesteuert werden - wie ist mir egal - über Eigenbeteilung ? zum Beitrag »
[08.09.2017, 07:17:12]
Dr. Jürgen Schmidt 
Denken in Kategorienfehlern
Wenn Patienten zuhauf während der Praxisöffnungszeiten die Notfallambulanzen an den Krankenhäusern aufsuchen, hat das Gründe, die sich mit den den angeführten Ansichten kaum verstehen lassen und den angedachten Regulatorien nur schwer erschließen.
Soweit es bei dem monierten Andrang in den Kliniken eigentlich um die kostenrelevanten Folgen durch stationäre Aufnahme handelt, die " zur Beobachtung" und " im Zweifelsfall" erfolgt, ist mehr zu leisten, vor allem Berufsrechtliches, als die Gesundheitsweisen ahnen.
Wird ein Patient von der Klinik abgewiesen, obwohl sein Krankheitsbild nicht vollständig geklärt werden konnte, so muß die Verteilung der ärztlichen Verantwortung für diese Entscheidung und eine zwingend erforderlich ambulante Nachbeobachtung getroffen werden. Das sogenannte betreute Schlafen ( beispiels-weise in von Fachkräften betreuten Senioreneinrichtungen mit Visite durch den ambulant tätigen Arzt ) könnte ein problemadäquates Konzept sein - - wenn man denn die Fachkräfte in diesen Einrichtungen hätte.
Scheitern werden alle Konzepte, das Problem rational zu lösen, an den Kliniken, die den Andrang der Patienten zwar beklagen, daran aber auch verdienen zum Beitrag »

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