Ärzte Zeitung online, 18.01.2018

Rettungsdienst

Im Südwesten wächst der Reformdruck in der Notfallversorgung

In Baden-Württemberg werden die Hilfsfristen schon seit Jahren gerissen. Die Regierung feilt an der Qualität der Rettungskette. Doch nun werden Rufe nach Strukturreformen lauter.

Von Florian Staeck

Im Südwesten wächst der Reformdruck

Zeitdruck lastet auf den Einsatzkräften, Reformdruck auf dem Landesinnenminister.

© Stephan Jansen / dpa

STUTTGART. In Baden-Württemberg gerät das Innenministerium wegen nicht eingehaltener Hilfsfristen beim Rettungsdienst unter Druck. Der Südwestrundfunk hat bis runter zur Gemeindeebene die Rettungsfristen verfolgt und erhebt schwere Vorwürfe gegen die Landesregierung und die Verantwortlichen in den landesweit 34 Rettungsdienstbereichen.

Die kleinräumige Planung habe zur Folge, dass Gemeinden in Randbereichen schlechter versorgt würden als gleich große Kommunen, die in der geografischen Mitte eines Rettungsbezirks liegen.

Laut gesetzlicher Vorgabe dürfen ab dem Eingang der Notfallmeldung in der Integrierten Leitstelle bis zum Eintreffen der Hilfe am Notfallort "möglichst nicht mehr als zehn, höchstens 15 Minuten" vergehen. Diese Messlatte soll in mindestens 95 Prozent der Einsätze eingehalten werden.

Allerdings verweist das Innenministerium immer darauf, diese Hilfsfrist sei nur eine "Planungsgröße", zumal allein der Blick auf die Minutenzahl keine Aussage über die bedarfsgerechte Versorgung zulasse.

Drehen an den Zahlen

Tatsächlich hat Baden-Württemberg bei der selbst gesetzten Hilfsfrist im Jahr 2016 nicht gut abgeschnitten: Nur in acht der 34 Rettungsdienstbereiche war der Rettungswagen wie vorgeschrieben in 95 Prozent der Fälle binnen einer Viertelstunde vor Ort.

Bei der Bekanntgabe der neuen Zahlen setzte das Innenministerium in einer Pressemeldung an die Stelle von 95 Prozent mal eben 90 Prozent – und konnte so vermelden, dass in 33 Regionen die Hilfsfrist von 15 Minuten eingehalten wird.

Dieses Verhalten hält nicht nur die Opposition im Landtag für symptomatisch beim Umgang mit diesem Thema. Das Rettungswesen in Baden-Württemberg sei in den vergangenen Jahren selbst zum Patienten geworden, erklärte die Björn Steiger Stiftung, die sich seit fast 50 Jahren für Verbesserungen im Rettungswesen einsetzt. Stiftungs-Geschäftsführer Ulrich Schreiner kritisiert insbesondere, dass Überschreitungen bei der Hilfsfrist keine Konsequenzen hätten.

In anderen Bundesländern würden in solchen Fällen Sanktionen gegen die Leistungserbringer des Rettungsdienstes verhängt. Das baden-württembergische Innenministerium als regulierende Behörde nehme diese Überschreitungen dagegen hin.

Blockierte Rettungswagen

Einen weiteren Strukturmangel sieht die Stiftung in der fehlenden Trennung von Notfallrettung und Krankentransport. Wird ein Genesender nach Hause transportiert, ist der Rettungswagen in diesem Zeitraum für Notfälle nicht verfügbar. Die Landesregierung hat im vergangenen Mai dieses Problem selbst zugegeben.

In der Vergangenheit sei die Anschaffung zusätzlicher Rettungswagen bei Maltesern, DRK oder Arbeiter-Samariter-Bund durch "die gleichzeitig steigenden Einsatzzahlen aufgezehrt" worden. Musste ein RTW im Jahr 2012 noch zu 909.000 Einsätzen ausrücken, so waren es 2016 bereits 1,063 Millionen.

Beeinflusst werde diese Entwicklung auch durch die "Ausdünnung des kassenärztlichen Bereitschaftsdienstes", moniert die Regierung. Dies führe "offenbar dazu, dass Menschen in der Hoffnung auf schnelle Hilfe vermehrt auf den Rettungsdienst ausweichen".

Gesamte Rettungskette bedenken

Die Landesregierung will die Diskussion anstatt auf die Hilfsfrist lieber auf die gesamte Rettungskette lenken. Vor sieben Jahren ist daher im Südwesten die "Stelle zur trägerübergreifenden Qualitätssicherung im Rettungsdienst Baden-Württemberg (SQR-BW) eingerichtet worden. Alle einschlägigen Leistungsanbieter müssen definierte Datensets an diese Stelle liefern. Der jüngste Bericht für 2016 lässt teils große Unterschiede erkennen. So dauert etwa die Erstbearbeitung des Notrufs in der Leitstelle im Median rund zwei Minuten, in Einzelfällen aber 4,5 Minuten.

Zwischen der Alarmierung und der Abfahrt des Rettungsteams vergehen im Schnitt 1,12 Minuten, manchmal auch mehr als drei Minuten. Entsprechend variiert auch die gesamte Prähospitalzeit, bis die Klinik erreicht wird. Im Median-Wert sind es 46,11 Minuten, gelegentlich aber auch mehr als 80 Minuten.

Ähnlich sieht es bei den Fahrtzeiten für RTW und Notarzt aus. Im Median vergehen sechs Minuten. In manchen Rettungsdienstbereichen vergehen lange 14 Minuten auf der Straße, bis der Einsatzort erreicht ist.

Indes sind alle diese Daten besser als bei Björn Steiger, dessen Eltern nach seinem Tod 1969 die gleichnamige Stiftung gründeten. Der Achtjährige musste fast eine Stunde warten, bis der Rettungswagen kam – zu spät.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich
[19.01.2018, 17:24:47]
Dr. Alfred Preisner 
Björn Steiger Stiftung wurde wegen Notrufsäulen gegründet
Der Sohn von Björn Steiger erhielt nur deshalb keine schnelle Hilfe, weil damals keine Notrufsäulen auf der Autobahn waren, Handy gab es damals nicht. Das hat nichts mit der Einhaltung der Frist zu tun, weil die Rettungsleitstelle gar nicht verständigt werden konnte. Als Folge hat Björn Steiger seine Stiftung gegründet, die ursprünglich für die Installation von Notrufsäulen Geld gesammelt hat.

Das nun mit den Fristen zu verbinden ist schon ein seltsamer Gedankengang.

Überall Baustellen hier mit weiten Umleitungen, dazu dauert es oft mehr als 30 Minuten um einen Patienten überhaupt transportfähig zu versorgen, die Erstmassnahmen dauern auch.

Die Björn Steiger Stiftung vergisst ihre ursprüngliche Gründung ( Notrufsäulen, weil der Sohn des Gründers keine zur Verfügung hatte). Jetzt gibt es Mobilfunk und die Stiftung wäre überflüssig, also positioniert man sich ungefragt neu.

 zum Beitrag »
[19.01.2018, 11:13:15]
Dr. Karlheinz Bayer 
der Reformdruck behindert den Sachverstand

Allen Unkenrufen zum Trotz: Baden-Württemberg schneidet gut ab im Vergleich zum Rest der Republik.
Die Björn-Steiger-Stiftung hat Landkarten veröffentlicht mit grünen, roten und grau-blauen Bereichen*).Grau-Blau heißt, es liegen nicht einmal Daten vor. Rot heißt, die Notfallrettung hat sich verschlechtert, und Grün, sie sei besser geworden. Betrachtet man diese Karte z.B. für 2016, ist Baden-Württemberg neben Thüringen das einzige überwiegend grüne Bundesland.
Bayern ist zu 80% rot. In Berlin und München liegen keine Daten vor, ebenso wie in NRW, Hessen oder Rheinland Pfalz.
Hannover, Hamburg, Kiel oder Leipzig sind rote Bereiche.

In Berlin gibt es eine eigene Hilfsfristklasse B, mit 15 tolerierten Minuten in Randbereichen mit geringer Bevölkerungsdichte, während die "Schutzklasse A" mit 8 Minuten nur für die dicht besiedelten Zentren gilt, wo Krankenhäuser und Notarztstandorte praktisch an jeder Straßenecke liegen.

Was also ist in unserem Flächenland so, daß man von einem "REFORMDRUCK" redet? Oder anders ausgedrückt, wer steckt hinter dieser Aktion, denn es ist eine Aktion? Cui bono? Abträglich ist es in jedem Fall für die Rettungssanitäter und Notärzte.

Lösungsansätze, wie man die Quadratur des Kreises doch schaffen könnte, gab es einige. So wird immer wieder der Hubschraubereinsatz hochgelobt. Die Hilfsfristen haben die Hubschrauber nicht verbessert. In der Regel sind die landgestützten Rettungsfahrzeuge Minuten vor dem Hubschrauber vor Ort. Außerdem können Hubschrauber nicht überall landen und nicht bei jedem Wetter und jeder Tages-und Nachzeit fliegen, weswegen typischerweise zunächst ein Transport mit dem Rettungswagen vom Unfall- oder Schadensort bis zum Hubschrauber erfolgt. Der einzige echte Vorteil des Hubschraubers liegtr darin, daß der Transport zur Klinik kürzer ausfällt als der Transport auf der Straße - aber darum geht es in dieser debatte nicht.
Es geht auch nicht um die Qualität des Notarztwesens und nicht um die Effizienz, sonder allein um die Einhaltung von kaum einhaltbaren Hilfsfristen.

Dr. Karlheinz Bayer, Landarzt und Leitender Notarzt im Ortenaukreis


*) https://www.steiger-stiftung.de/run?gclid=EAIaIQobChMI4P--4MDj2AIV7rvtCh3COQZXEAAYASAAEgKUCvD_BwE zum Beitrag »
[19.01.2018, 09:01:30]
Dr. Ulrich Stuber 
Nur im Südwesten???
Nur im Südwesten???
Mal genauer nachschauen anderswo!!!
Dr.Stuber zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Schwere Grippewelle hat Deutschland im Griff

Die aktuelle Grippewelle tobt und beschert Praxen und Kliniken einen regen Zulauf. Das RKI hat Tipps, worauf Ärzte jetzt achten sollten. mehr »

Bodyguard lässt sich von Steuer absetzen

211.000 Euro hatte eine Frau für einen Bodyguard steuerlich abgesetzt - zu Recht, entschied jetzt ein Gericht. Eine Rentnerin aus NRW schützt sich so steuersparend vor einer falschen Ärztin. mehr »

Die Ängste der Akademiker

Albtraum Studium? Jeder sechste Studierende leidet nach Angaben der Barmer unter einer psychischen Störung. Tendenz steigend. mehr »