Ärzte Zeitung online, 30.11.2017
 

Abrechnungstipp

Streitfall Palliativmedizin: Auch die Verordnung wird bezahlt

Die Abrechnung palliativmedizinischer Leistungen hat zuletzt zu heftigem Streit zwischen Haus- und Fachärzten geführt. Leicht aus dem Blick gerät darüber die SAPV-Verordnung. Und die lässt durchaus Spielraum für weitere palliativmedizinische Leistungen.

Von Peter Schlüter

Auch die Verordnung wird bezahlt

Muster 63: Wer die Verordnung ausfüllt, kann die EBM-Nr. 01425 oder 01426 abrechnen.

© Bildquelle: Honorarmuster aus KVNo

Benötigt ein schwerstkranker oder sterbender Patient eine Palliativbetreuung, stehen Ihnen für diese Leistungen die Gebührenordnungspositionen (GOP) 03370 bis 03373 zur Verfügung. Diese GOP darf jeder Hausarzt ohne Genehmigung oder besonderen Qualifikationsnachweis abrechnen, wenn er die palliativmedizinische Versorgung übernimmt.

Doch was dürfen Sie abrechnen, wenn die Betreuung später eine Palliativstation oder ein SAPV-Team übernehmen muss, weil die Betreuungsintensität beim Patienten immer weiter zunimmt?

In diesem Fall nehmen Sie telefonischen Kontakt zu einer solchen Einrichtung (zum Beispiel ein Palliativ-Care-Team) in Ihrer Nähe auf. Für die Weiterleitung zur SAPV stellen Sie das Muster 63 aus, die SAPV-Verordnung. Darauf kreuzen Sie "Erstverordnung" an. Dafür gibt es dann sogar eine eigene Abrechnungsnummer, die GOP 01425 (siehe Tabelle). Für eine gegebenenfalls notwendige Folgeverordnung wäre dann die GOP 01426 abzurechnen. Beide Positionen sind ausschließlich berechnungsfähig für die Verordnung von spezialisierter ambulanter Palliativversorgung (SAPV) bzw. für die zugehörige Folgeverordnung.

Keine Ausschlüsse für Hausärzte

Die Leistungen der SAPV selbst sind über die vertraglichen Regelungen mit den zuständigen Krankenkassen abzurechnen. Diese sehen Folgendes vor: "SAPV wird ausschließlich von Leistungserbringern erbracht, mit denen die Krankenkassen entsprechende Verträge geschlossen haben. Sie wird nach Bedarf intermittierend oder durchgängig erbracht, so weit das bestehende ambulante Versorgungsangebot, insbesondere die allgemeine Palliativversorgung, nicht ausreicht, um die Ziele zu erreichen."

Neben diesen GOP 01425 und 01426 sind logischerweise keine Leistungen der SAPV zu berechnen. Weitere Ausschlüsse gibt es jedoch nicht. Das bedeutet, dass die Versichertenpauschale (GOP 03000), Chronikerziffern (GOP 03220 und 03221), Geriatrieleistungen nach den GOP 03360 und 03362, Gespräche nach GOP 03230 wie auch die Leistungen der psychosomatischen Grundversorgung nach den GOP 35100 und 35110 neben den GOP 01425 und 01426 berechnungsfähig sind.

Erhält ein Patient eine SAPV, ist grundsätzlich die Berechnung der Leistungen des Abschnitts 3.2.5 (hausärztliche palliativmedizinische Versorgung) bzw. 4.2.5 (kinderärztliche palliativmedizinische Versorgung) ausgeschlossen. Dabei kommt es jedoch auf den Umfang der SAPV an. Diese kann nämlich, dem jeweiligen aktuellen Versorgungsbedarf entsprechend erbracht werden als Beratungsleistung, als Koordination der Versorgung, als additiv unterstützende Teilversorgung oder als vollständige Versorgung.

SAPV-Teilversorgung lässt Optionen

Nur bei der vollständigen Versorgung nach SAPV verbietet sich für Hausärzte die Berechnung der Leistungen des Abschnitts 3.2.5 bzw. 4.2.5. Bei der Teilversorgung können diese jedoch berechnet werden.

Positiv ist auf jeden Fall, dass die Leistungen nach den GOP 01425 und 01426 neben der hausärztlichen Palliativversorgung 03370 bis 03373 berechnungsfähig sind. Diese Leistungen schließen sich erst in dem Behandlungsfall aus, wenn der Patient schon eine Vollversorgung der SAPV erhält. In dem Quartal, in dem die Verordnung ausgestellt wird, ist die hausärztliche palliativmedizinische Versorgung noch abrechenbar.

Dr. Dr. Peter Schlüter ist niedergelassener Allgemeinarzt in Hemsbach an der Bergstraße. Seit mehr als 20 Jahren hält er Abrechnungsseminare für niedergelassene Ärzte.

[30.11.2017, 09:51:14]
Thomas Sitte 
Teilversorgung
Sehr gut, lieber Kollege Schlüter,

dafür habe ich in den Verhandlungen seit über zehn Jahren aktiv gekämpft, dass Hausärzte als DIE Partner ihres vertrauten Patienten im Boot bleiben und bleiben können. Und dass der Mehraufwand auch angemessen vergütet werden muss.

Der Finger muss in die Wunden gelegt werden! Wo ist Teil- und Vollversorgung eigentlich klar definiert?

Wie kommt es, dass immer mehr Kassen fordern, dass im Rahmen der SAPV vom Palliative Team jeden Tag eine "Leistung" über die Vorhaltung und die 24/7-Bereitschaft hinaus nachgewiesen werden muss? Das war aus meiner Sicht ganz klar gegen den Geist der ersten und gültigen Vertragsabschlüsse. Ich kann mich gut erinnern und war damals bei allen Verhandlungen dabei. zum Beitrag »

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