Ärzte Zeitung online, 15.09.2018

Kritik prallt ab

War die Homöopathiedebatte nicht mehr als nur ein heftiger Sturm im Wasserglas?

Landauf, landab und quer durch alle TV-, Hörfunk-, Print- und Online-Formate schwappte in der jüngeren Vergangenheit eine Welle heftiger Homöopathiekritik. Der Bevölkerung war sie offenbar herzlich egal. Für Ärzte hat das etwas Positives.

Leitartikel von Matthias Wallenfels

179a0201_8116216-A.jpg

Viele Patienten schätzen Globuli und wünschen sie ergänzend zur Schulmedizin.

© micha / Fotolia

Die Wissenschaft im Allgemeinen und und die Ärzteschaft im Speziellen sind in puncto komplementärer und alternativer Medizin (KAM) seit jeher gespalten: Für die einen sind zum Beispiel Homöopathika eine willkommene Ergänzung zur schulmedizinischen Behandlung, für die anderen sind Globuli – wegen der aus ihrer Sicht fehlenden wissenschaftlichen Evidenz – der Anfang vom Untergang des medizinischen Abendlandes. Letztere werden seit vergangenem Jahr besonders personifiziert mit der Münsteraner Medizinethikerin Professor Bettina Schöne-Seifert und ihrem Münsteraner Kreis.

Auf Basis seines vor Kurzem veröffentlichten "Münsteraner Memorandums Homöopathie" versuchte das Expertengremium, dem Wissenschaftler der verschiedensten akademischen Fachdisziplinen angehören, die Mitglieder des 121. Deutschen Ärztetages in Erfurt im Mai vor ihren Karren zu spannen und zur Abschaffung der Zusatzbezeichnung Homöopathie zu bewegen. "Der Ärztetag ist eine gute Gelegenheit, dem eigenen Anspruch an Wissenschaftlichkeit gerecht zu werden und endlich mit der Adelung der esoterischen Heilslehre Homöopathie Schluss zu machen", heißt es in dem Memorandum.

Die Ärztetagsdelegierten ließ diese Offerte herzlich kalt – eine Abschaffung wäre auch ein Affront gegen die laut Deutschem Zentralverein homöopathischer Ärzte (DZVhÄ) mehr als 7000 Träger der Zusatzbezeichnung, Ärzte verschiedenster Fachrichtungen, gewesen.

Diesel-Fahrverbote regen mehr auf als Globuli

Der Münsteraner Kreis schaffte es durch die Radikalität und Rigorosität seiner Forderungen – neben der Abschaffung der Zusatzbezeichnung auch das Ende des Heilpraktikerberufs –, das große Interesse der Medien auf sich zu ziehen. Homöopathie schien Quote bringen zu können. So widmeten sich zig Fernseh- und Hörfunkformate der KAM und ließen Vertreter des Münsteraner Kreises, aber auch Befürworter der Homöopathie zu Wort kommen – und das teils durchaus fundiert.

Viele Beiträge zu dem Thema in Print- und Online- sowie Sozialen Medien befeuerten die Debatte. Die ganze – wahrnehmbare – Republik schien auf einmal über Globuli zu reden.

Und was hat das bewirkt? Welche Konsequenzen haben Homöopathiefreunde und Homöopathikanutzer aus dem harten medialen Schlagabtausch für sich gezogen? Fast gar keine – so drastisch könnte man es schon sagen. Denn: Wie jüngst eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Kantar TNS zum Thema Homöopathie und komplementäre Medizin im Auftrag des Homöopathika-Herstellers DHU ergab, nahm nur jeder vierte Erwachsene in Deutschland (26 Prozent) überhaupt eine homöopathiekritische Berichterstattung wahr.

Und das, obwohl es – wie berichtet – der großen Mehrheit der Deutschen (80 Prozent) wichtig ist, bei der Wahl ihrer Therapie und Arzneimittel mitentscheiden zu können. 64 Prozent legen dabei Wert darauf, dass ihr Hausarzt auch Präparate aus der Naturmedizin/Homöopathie einsetzen kann.

Das klingt auf den ersten Blick sehr widersprüchlich. Ist es aber offensichtlich nicht, denn die persönliche Betroffenheit und die Auswirkungen auf das tägliche Leben sind beim Thema Homöopathie weit weniger stark als zum Beispiel beim Dauer-Aufreger-Thema Diesel-Fahrverbote, die manchen Handwerkerexistenzen ein Ende bereiten könnten.

Wie zu erwarten war, nehmen mit 33 Prozent die Menschen in Deutschland, die Erfahrung mit Homöopathie haben, eine negative Berichterstattung deutlich häufiger wahr als Globuli-Laien – hier sind es nur 17 Prozent. Nach Geschlechtern betrachtet, ergibt sich kaum ein Unterschied: 25 Prozent der Männer und 27 Prozent der Frauen nahmen eine homöopathiekritische Berichterstattung nach eigener Aussage wahr.

Homöopathiekritik als zu einseitig empfunden

Der in der Studie bekundete Wunsch von knapp zwei Dritteln der Patienten zur Einbeziehung von Homöopathika spiegelt sich auch in der Bewertung der negativen Berichterstattung zu Globuli & Co wider. So sagen 15 Prozent derjenigen, die die Kritik zur Kenntnis genommen haben, die Berichterstattung sei eindeutig zu einseitig gewesen, 55 Prozent bekunden, es gebe kritische Punkte in der Homöopathie, aber die Kritik sei insgesamt zu einseitig. Nur 30 Prozent sagten, die Kritik sei in Ordnung, weil in der Sache richtig.

Für den Versorgungsalltag lässt sich daraus nur schlussfolgern, dass die Grundfesten der KAM-Behandlung in Deutschland nicht zu erschüttern sind. Evidenz hin oder her: Für viele Patienten ist Homöopathie offensichtlich eine Frage des Vertrauens zu ihrem Arzt – und zu dessen KAM-Votum. Das ist für Ärzte durchaus positiv.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich
[19.09.2018, 14:56:31]
Rudolf Hege 
Wissen und Glauben sauber trennen?
Gerade die "alten Ärzte" trennten nicht in Materie und Geist. Avicenna war unter anderem auch Philosoph - und Alchemist. Paracelsus arbeitete u.a. mit Astrologie. Allen war eigen, dass sie das subjektive Element in der Heilkunst eben NICHT heraus haben wollten.
Die moderne Medizin versucht das - und schafft es, mit immer mehr Aufwand, immer weniger zu heilen (sondern "einzustellen").
Wenn die Homöopathen also mit "nichts" heilen, dann ist das doch bemerkenswert. Vielleicht sollte ein wenig mehr dieses "nichts" wieder in die Medizin einfließen?
Das wäre dann allerdings wieder Heilkunst - und mit Kunst hat es die Wissenschaft nicht so. Das wäre auch viel zu nahe am Menschen - und der ist bekanntlich unwissenschaftlich subjektiv. zum Beitrag »
[18.09.2018, 23:00:45]
Dr. Christian Weymayr 
Eher Karren aus dem Dreck ziehen
Dank an Herrn Wallenfels für seinen pointierten Kommentar.
Hier einige Anmerkungen des Münsteraner Kreises:
Globuli sind für den Münsteraner Kreis nicht der „Anfang vom Untergang des medizinisches Abendlandes“. Das wäre dann doch zuviel der Ehre. Die Homöopathie bedroht die wissenschaftliche Medizin nicht. Die Zusatzbezeichnung Homöopathie verhindert jedoch, dass Patienten Wissen und Glauben sauber trennen können. Deshalb haben wir uns gegen die Zusatzbezeichnung ausgesprochen. Und apropos Abendland: Die großen Ärzten des mittelalterlichen Morgenlandes hätten die von der Homöopathie postulierten geistartigen Kräfte ebenfalls als Humbug angesehen.
Wir haben nicht versucht, die Mitglieder des Ärztetages „vor unseren Karren zu spannen“. Andersherum passt das Bild: Der Münsteraner Kreis ist der Esel, der den Medizinerkarren aus dem pseudowissenschaftliche Sumpf ziehen möchte.
Über die möglichen Konsequenzen der beiden Memorandem haben wir uns keine Illusionen gemacht. Dass wir die Überzeugten nicht erreichen können, war klar. Dennnoch hat die mediale Aufmerksamkeit, so hoffen wir, Manchen die Augen dafür geöffnet, was Homöopathie eigentlich ist – nämlich keine Naturheilkunde, sondern Mit-Nichts-Heilkunde.
Dass das Münsteraner Memorandum Homöopathie auf dem Ärztetag nicht diskutiert wurde, hat uns enttäuscht. Das allerdings nicht deswegen, weil unser Vorschlag nicht erörtert wurde, sondern weil die Delegierten des Ärztetages damit ein bedenkliches Verständnis von Wissenschaft an den Tag gelegt haben.
Es sei für Ärzte positiv, so die Schlussfolgerung Herrn Wallenfels’, dass Patienten dem KAM-Votum ihrer Ärzte vertrauen. Stimmt, für Ärzte ist das positiv. Für die medizinische Versorgung ist es das nicht.

Dr. Christian Weymayr, Prof. Dr. Bettina Schöne-Seifert, Juliane Boscheinen
für den Münsteraner Kreis zum Beitrag »
[17.09.2018, 14:01:42]
Rudolf Hege 
Was zählt ist die NUR die Praxis...
Wissenschaftler leben in ihrer eigenen Welt, das ist ja keine neue Erkenntnis. Und wer tagtäglich nach bestimmten Regeln arbeiten muss, glaubt irgendwann, dies müsse für den Rest der Welt auch so sein. Auch das ist nichts Neues. Früher verfuhr die katholische Kirche nach genau diesem Motto - und hatte dafür auch die Inquisition. Heute verstehen sich die "Skeptiker" als Nachfolger der "Glaubenswächter", die dafür sorgen wollen, dass die reine Lehre nicht verwässert wird - durch Aberglauben.
Nur, die meisten Patienten interessiert das einfach nicht. Deren Kriterium ist ein ganz einfaches: Hilft mir etwas, dann ist es gut. Hilft es mir nicht, dann ist es schlecht. Und ob für die Pille oder die Kügelchen nun "gute Studien" existieren, interessiert auch nur am Rande. Daher ist aus Sicht der Patienten die ganze Debatte um Homöopathie & Co. tatsächlich nur der Sturm im Wasserglas. Wer vorher Homöopathie anwendete, tut es nun immer noch und wer vorher nichts davon hielt, hält auch jetzt nicht davon. Das ist das schöne an der Therapiefreiheit: Niemand MUSS etwas bestimmtes akzeptieren, wenn er das nicht will. zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Ein Gelähmter kann wieder gehen

Obwohl er querschnittsgelähmt ist, konnte ein Mann wieder einige Schritte gehen - dank der elektrischen Rückenmark-Stimulation. Von Heilung wollen die Ärzte aber nicht sprechen. mehr »

Auf Zungenküsse besser verzichten?

Zungenküsse erhöhen offenbar das Risiko für HPV-Infekte und damit auch für Mund-Rachen-Tumoren. US-Experten haben sich das Krebsrisiko jetzt einmal genauer angesehen. mehr »

Das ist bei einer Datenpanne zu tun

Bei einem Datenleck in der Praxis sind Inhaber nach der Datenschutzgrundverordnung verpflichtet, dies zu melden. Wem und wie, das erläutern Medizinrechtler. mehr »