Ärzte Zeitung online, 06.08.2019

Kooperation

Workshop für angehende Ärzte und Apotheker

Eine interprofessionelle Initiative macht Mediziner und Pharmazeuten vor dem Berufsstart für das künftige Teamwork fit. Sie soll Berührungsängste abbauen und die Kommunikation verbessern.

Von Daniel Burghardt

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Keine Berührungsängste: Mediziner und Pharmazeuten erproben in einer Initiative von Universität und Apothekerkammer den beruflichen „Ernstfall“.

© Daniel Burghardt

FRANKFURT/MAIN. Je früher, desto besser – der Devise folgt das Institut für Allgemeinmedizin der Universität Frankfurt und bringt angehende Ärzte und Apotheker schon vor dem Sprung ins Berufsleben im interdisziplinären Praxisworkshop zusammen.

„Unser Ziel ist es, dass beide Seiten noch vor Abschluss ihrer Ausbildung die alltägliche Perspektive der anderen Berufsgruppe kennenlernen“, sagte Kursleiter Dr. Armin Wunder, Hausarzt und Lehrbeauftragter am Institut, der „Ärzte Zeitung“.

Durch die gemeinsame Arbeit beider Fachrichtungen an Patientenfällen würden die Teilnehmer vertieft sensibilisiert, bei der Verordnung von Medikamenten auf mögliche Nebenwirkungen und Interaktionen zu achten, so Wunder.

„Verordnungskaskaden, bei denen die Nebenwirkung eines Präparates als neue Erkrankung interpretiert und ein weiteres Medikament verordnet wird, sollen so vermieden werden.“

Ziehen Ärzte und Apotheker an einem Strang, komme dies schließlich den Patienten zugute. Man wolle daher auch Berührungsängste abbauen und dem Umstand vorbeugen, dass Vorurteile älterer Kollegen übernommen werden.

Bundesweit einzigartiges Modell

Der von der Landesapothekerkammer Hessen (LAKH) mitinitiierte Kurs richtet sich speziell an Studierende der Humanmedizin, die ihr Wahlfach im Praktischen Jahr in der Allgemeinmedizin absolvieren, sowie an Pharmazeuten im Praktikum.

„In seiner Form ist der Workshop in Deutschland bislang einzigartig“, sagt Kursleiterin Dr. Pamela Reißner, Apothekerin und als stellvertretende Bereichsleiterin Pharmazie bei der LAKH tätig. Zwar gebe es an Universitäten gemeinsame Vorlesungen beider Fachrichtungen, jedoch nicht mit dem Schwerpunkt auf interdisziplinäre Kooperation am Patientenfall.

Der Kurs soll die Arzneimittelkommunikation verbessern, auch weil Informationen über Verordnungen oft nicht allen Ärzten zugänglich sind. „Es fehlt eine zentrale Schnittstelle, wo alle Infos zusammenlaufen“, sagt Reißner.

ARMIN ein Positivbeispiel

Die Arzneimittelinitiative Sachsen-Thüringen (ARMIN), ein Modellprojekt, bei dem Ärzte nach Möglichkeit nur Wirkstoffe verordnen und die Apotheker die passenden Medikamente wählen und abgeben, sei hierfür ein Positivbeispiel.

Im Kurs werden Beispiele in Anlehnung an reale Fälle aus Praxis und Apotheke in Kleingruppen von zwei bis vier Studierenden beider Fachrichtungen bearbeitet. Bei der Arzneimittelanamnese sind kryptische Angaben eines in der Arztpraxis erstmals vorstelligen Neupatienten zur Medikation zu entschlüsseln – so müssen etwa „Wellafax“ und „Hydrophon“ dem Venlafaxin und dem Hydromorphon zugeordnet werden.

„Venlafaxin zu erkennen ist besonders wichtig, da nur so die schwerwiegende Interaktion mit Fentanyl-Pflastern erkannt werden kann“, erläutert Reißner.

Auch dürfe aus der Patientenangabe „Metazol“ nicht Metronidazol im Medikationsplan werden, sondern sie sollte als Metamizol erkannt werden – hilfreich ist die Angabe „Tropfen“.

Medikationsplan mit allen Arzneimitteln des Patienten

Mit den Ergebnissen könnten die Gruppen gemeinsam einen Medikationsplan erstellen, der alle Arzneimittel des Patienten enthält, sagt sie.

Will der Mediziner die Gesamtmedikation eines Patienten in Erfahrung bringen – viele Ärzte lassen sich dafür einmal jährlich alle Medikamente vom Patienten in die Praxis mitbringen –, so sollte neben verordneten Arzneien auch die Einnahme etwa von Vitaminpräparaten oder Nahrungsergänzungsmitteln abgefragt werden.

Letztlich, so Hausarzt Wunder, sei man stets auch auf Mitarbeit und wahrheitsgetreue Angabe des Patienten angewiesen. Fälle, in denen Hochbetagte die eigene Medikation mit der ihres Ehepartners verwechseln, könnten oft nur durch Einbeziehung von weiteren Familienangehörigen geklärt werden.

Mehr Zeit bringt mehr Know-how

Auch das Erklären verschiedener Darreichungsformen wie Inhalator, Schmelztabletten oder Schmerzpflaster ist Teil des Kurses. Dabei simuliert ein Teilnehmer den Patienten, ein anderer erläutert diesem Funktion und Anwendung des Arzneimittels.

„Einer Nicht-Fachkraft etwas zu erklären, gestaltet sich oft schwieriger als gedacht“, so Reißner. Nachkontrollen einzubauen sei hilfreich – indem etwa der Patient aufgefordert wird, „Gelerntes“ mit seinen Worten zu wiederholen, oder die Anwendung vorführt.

Aufgrund der „guten Evaluation der Halbtagsseminare“, so Wunder, sei das 2018 gestartete Angebot von einem vier- zu einem siebenstündigen Workshop erweitert und im Juli dieses Jahres in dieser Form erstmalig mit 30 Teilnehmern durchgeführt worden.

„Die Teilnehmer sprachen übereinstimmend von einem sehr befruchtenden Workshop.“ Insbesondere die Praxisnähe habe die Studierenden überzeugt. Nach Auswertung des aktuellen Kurses stehe bereits die Planung des nächsten auf dem Plan, so der Hausarzt.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Das A-Team für den Patienten

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