Besser im Team

Wenn Arzt und Apotheker Berührungsängste haben

Wenn Ärzte und Apotheker gemeinsam herzinsuffiziente Patienten betreuen, kann das deren Lebensqualität verbessern, so das Ergebnis der Studie PHARM-CHF. Ein genauerer Blick zeigt: Die Diskrepanz zwischen gestecktem und erreichtem Studienziel ist groß – und legt Berührungsängste offen.

Margarethe UrbanekVon Margarethe Urbanek Veröffentlicht:
Welche Pille schluckt der Patient? Arbeiten Arzt und Apotheker nicht Hand in Hand, oftmals eine bittere.

Welche Pille schluckt der Patient? Arbeiten Arzt und Apotheker nicht Hand in Hand, oftmals eine bittere.

© NoSystem images/ Getty Images/ iStock

Gute Compliance ist insbesondere bei chronisch kranken Patienten in Bezug auf die Medikamenteneinnahme entscheidend für den Therapieerfolg. Maßgeblichen Anteil daran kann eine intensive Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Apothekern haben. Dennoch ziehen beide Berufsgruppen noch zu wenig an einem Strang –und Berührungsängste sind keine Seltenheit.

Die jüngst publizierte Studie PHARM-CHF, ein Akronym für den englischen Studientitel „Pharmacy-based interdisciplinary Program for Patients with Chronic Heart Failure“ (doi/abs/10.1002/ejhf.1503), steht dabei exemplarisch für beide Thesen.

Die Langzeitstudie untersuchte den Effekt eines apothekenbasierten Programms bei Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz. Um etwaige Erfolge oder auch Misserfolge des interdisziplinären Programms messen zu können, wurden die von Ärzten ausgewählten Teilnehmer auf eine Interventions- beziehungsweise eine Kontrollgruppe aufgeteilt.

Die Patienten der Interventionsgruppe gingen – je nach Wunsch – wöchentlich oder alle zwei Wochen in die Apotheke, um ihre patientenindividuelle Medikation zu erhalten. Dort berieten die Apotheker sie hinsichtlich der Einnahme der Medikation, Einnahmetreue und in Bezug auf mögliche Nebenwirkungen.

Zudem wurden Blutdruck und Puls der Patienten gemessen, um etwaige Anzeichen einer kardialen Dekompensation möglichst frühzeitig zu erkennen. Zur Konsolidierung des Medikationsplans oder zur Klärung arzneimittelbezogener Probleme standen Apotheker und Ärzte außerdem in engem Austausch.

Schwierige Zusammenarbeit

Die Ärzte untersuchten zu Beginn der Studie, nach zwölf und gegebenenfalls nach 24 Monaten die teilnehmenden Patienten. Sie dokumentierten dabei Basisdaten wie Diagnosen, die Medikation des Patienten oder Standardlaborwerte.

Die Interventionen zeigten Wirkung: Die Therapietreue der normal behandelten Patienten stieg zwar innerhalb von 365 Tagen von 42 auf 68 Prozent (definiert als Anteil von mindestens 80 Prozent regelhafter Einnahme bei drei Medikationen). Bei den in Apotheken begleiteten Patienten stieg die Therapietreue hingegen von 44 auf ganze 86 Prozent (wir berichteten kurz).

Die Studie kommt zum Ergebnis, dass Patienten mit Herzschwäche von Interventionen dieser Art profitieren und sich deren Lebensqualität so merklich bessern lässt. Mit Blick auf die Resultate befürwortet auch die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK) eine Zusammenarbeit zwischen Arztpraxen und Apotheken, wie sie in der Studie erprobt wurde.

In einer Mitteilung spricht sich die DGK dafür aus, eine „sichere Rechtsgrundlage für die adäquate Vergütung dieser Leistungen der Apotheken zu schaffen“. Mögen die Ergebnisse der PHARM-CHF-Studie in der Theorie zwar vielversprechend klingen, legt ein genauerer Blick auf ihre Umsetzung einige Schwierigkeiten offen.

Gestartet war die Studie im Oktober 2012. Das optimistische Ziel seinerzeit: Rund 300 Hausärzte und internistische Arztpraxen und ebenso viele Apotheken gewinnen – dazu 2060 Studienteilnehmer ab 65 Jahren, die an chronischer Herzinsuffizienz leiden und medikamentös mit mindestens einem Diuretikum behandelt werden. Rekrutiert wurden mit Abschluss der Studie jedoch nur 237 Patienten, 31 Hausärzte, Internisten oder Kardiologen sowie 69 Apotheken.

Diese enorme Diskrepanz zwischen dem anfangs gesteckten und dem tatsächlich erreichten Ziel legt Berührungsängste offen. Mögliche Gründe dafür könnten der befürchtete bürokratische Mehraufwand oder auch die Angst vor Kompetenzüberschreitung sein. Und das, obwohl die Arbeitsteilung zwischen den Berufsgruppen klar definiert ist und Patienten insgesamt eine sehr hohe Bereitschaft zeigen, entsprechende Kooperationsangebote anzunehmen. Schließlich verfolgen alle ein gemeinsames Ziel: die Patientengesundheit.

Bewährte Praxisprobe

Die Arzneimittelinitiative Sachsen-Thüringen (ARMIN), ein 2014 gestartetes Modellprojekt, das zunächst in den beiden Bundesländern Sachsen und Thüringen läuft, zeigt, wie sektorübergreifende Arzneimitteltherapie funktionieren kann. Dessen Ziel ist die bundesweite Implementierung. ARMIN setzt finanzielle Anreize und vergütet den zusätzlichen Beratungs- und Betreuungsaufwand nach eigenen Angaben „angemessen“.

Für entstehende Mehrkosten durch die Nutzung eines Praxisverwaltungssystems mit Vertragsschnittstelle und den KV-SafeNet-Zugang erhielten die teilnehmenden Ärzte zudem eine entsprechende Strukturpauschale.

In einer ersten Zwischenbilanz, die die Projektpartner anlässlich des Gesundheitsforum Sachsen-Thüringen im Jahr 2018 zogen, fielen positive Schlagwörter. „Innovativ, sektorenübergreifend und wirkungsstark“ seien die Erfahrungen, zudem habe sich das Vertrauen der Patienten in die Arzneimitteltherapie und damit auch deren Behandlungstreue erhöht, wie es heißt.

Damit zeigen die Praxiserfahrungen: Wenn es um Patientencompliance geht, sind Berührungsängste fehl am Platz. Erstrebenswerter wäre, dass Ärzte und Apotheker häufiger an einem Strang ziehen – heißt über Sektorengrenzen hinweg und zum Wohle der Patienten.

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